Wer weiß denn so was. Kaum einer: dass dieses Haus am Steintorplatz besonders ist – auch deswegen, weil seine Plakatsammlung Weltruf genießt. Mit grandiosen Beispielen für Jugendstil, Art déco et cetera.

Jetzt hat der zuständige Leiter Jürgen Döring seine Flachschubladen-Schatzhöhle geöffnet – und herausgekommen sind rund 100 Plakate, die, obwohl auch sie schon ein paar Jahrzehnte alt sind, absolut taufrisch ausschauen.

Um gleich ein Missverständnis aufzulösen: Keinesfalls ist die Rede von Postern, jenen ewigen und immer gleichen Klassikern, wie sie bei Ikea hängen. Es geht um sogenannte Künstlerplakate, zu bestimmten Anlässen wie Ausstellungen in Galerien oder Jubiläen entworfen, in Kleinauflagen gedruckt, nummeriert, im Idealfall vom Künstler husch, husch, aber erkennbar signiert, was ihren Wert heute in die Zigtausende treibt. Wer einen Riecher hatte wie der Hamburger Sammler Claus von der Osten, der erwarb solche Bögen frisch und günstig und hütete sie sorgsam – um sie am Ende unserem geschätzten Museum für Kunst und Gewerbe zu vermachen.

Womit wir bei Robert Rauschenberg sind. Ein manischer Plakatkünstler. Als er bereits Furore gemacht hatte mit Bildern, die als Combine-Art berühmt wurden, entdeckte er seine Leidenschaft fürs Drucken.

Rauschenberg (1925 – 2008), Amerikaner mit deutschen Wurzeln, war ein Mann, der sich zwischen diversen Interessen und Begabungen kaum entscheiden konnte: Malerei, Musik, Tanz, Politik, was ist das Wichtigste? Wohin zuerst?

Zum Beispiel zum Earth Day, 22. April 1970. Das Thema Umwelt wurde gerade erst entdeckt, aber Rauschenberg entwarf gleich mal ein Werbeplakat: Schulklassen und Freiwillige sollten Wohlstandsmüll einsammeln. So ganz eindeutig geht das aus dem Bogen nicht hervor – als Legastheniker vermied Rauschenberg lange Zeit, Zeilen oder Titel unterzubringen. Wer gemein ist, kann suchen, wo der Künstler sich verschrieben hat. Auf dem Plakat fürs Jewish Museum hatte er es bemerkt und ein fehlendes H drübergekritzelt.

Aber wie fing Rauschenberg überhaupt an? Er hat gezeichnet, geklebt, gesammelt, collagiert aus Fundstücken des Alltags wie Postkarten, Tapetenresten, Papierschnipseln und kommerziellen Anzeigen. Gern hat er solche Vorlagen mit Nitroglyzerin bearbeitet und damit Farbe und Auflösung verfremdet. Am Schluss wurde mit breit hingewischtem Pinselstrich drübergemalt.

Besonders bekannt geworden ist die Offsetlithografie für das St. Louis Symphony Orchestra (1968). Anzuzeigen war die Einweihung einer neuen Konzerthalle. Über dem Stadtplan sind griechische Säulen aus dem Foyer zu erkennen; unten wurden der Dirigent und Musiker eingeblendet. Die Buchstaben hat Rauschenberg auf Folien zurechtgeschoben, dann platziert, einzelne wie das S und O sind als Siebdruck hervorgehoben. Sportsfreunde sollten nicht zu kurz kommen – sie erfreut rechts das Baseballstadion in der Draufsicht. Es stimmt, diese assoziative Methode widersprach damals sämtlichen Ordnungsprinzipien und Proportionsregeln. So etwas wie ein Zentrum der Komposition war selten zu erkennen – wundersamerweise wirkt das Ergebnis dennoch harmonisch. Das muss eben so.

Rauschenberg warb für demokratische Politiker und Merce Cunninghams Tanztheater, er unterstützte die Druckergewerkschaft und protestierte gegen den Vietnamkrieg, trommelte für die New Yorker Galerie Leo Castelli und pfiff gegen Richard Nixon.

Eine besondere Rolle spielt ein Projekt in den späten 80er Jahren, die Rauschenberg Overseas Culture Interchange, kurz ROCI . Noch bestimmte der Kalte Krieg Amerikas Außenpolitik, da startete diese Goodwill-Ausstellungstournee durch jene Staaten, die der Supermacht alles andere als wohlgesonnen waren: Mexiko, Chile, Kuba, China und die Sowjetunion, auch die DDR zählte dazu. Für jede dieser Stationen wurde ein Plakat entworfen, Rauschenberg arbeitete und druckte an Ort und Stelle.

"Ich hasse Ideen", behauptete der Wegbereiter der Pop-Art. "Wenn ich doch mal eine habe, gehe ich spazieren, um sie zu vergessen." So ganz konsequent ist er mit diesem Motto nicht umgegangen. Zum Glück.

Robert Rauschenberg Posters, Museum für Kunst und Gewerbe, bis 8. Oktober