Was macht ein hochbegabter Politiker wie Christian Lindner, der seine FDP vom Fluch der Fünfprozentklausel befreit hat und mit der Regierungsbeteiligung liebäugeln darf? Er wird übermütig und greift zu Versatzstücken deutscher Russland-Politik, die immer wieder gewogen und für zu leicht befunden worden sind.

Es ist der alte Traum, der seit Rapallo durch die Köpfe geistert: Seid nett zu den Russen, und sie werden nett zu uns sein. Damals, 1922, rotteten sich Berlin und Moskau, die beiden Geächteten, gegen den Westen zusammen, um aus der Isolierung auszubrechen. Heute aber ist Deutschland die ungesalbte Führungsmacht Europas, fest verankert in EU und Nato. Berlin ist umzingelt nur von Freunden und braucht den Kraftverstärker Moskau nicht. Weshalb will dann Lindner im Kreml auf Brautschau und in Vorleistung gehen?

Im Nassau Beach Club von Mallorca gab er schon mal den Tabu-Brecher. Der Krim-Raub, ein eindeutiger Bruch des Völkerrechts, sei als "dauerhaftes Provisorium" hinzunehmen, der Konflikt müsse "eingekapselt" werden wie ein Tbc-Herd. Die Sanktionen "sollten nicht erst fallen, wenn das Friedensabkommen von Minsk vollständig erfüllt ist". Der Westen müsse "Angebote" machen, "damit Putin ohne Gesichtsverlust seine Politik korrigieren kann". "Bewegung" müsse her, weil Europas "Sicherheit und Wohlstand" von gedeihlichen Beziehungen zu Moskau abhingen.

Früher nannte man derlei Reflexe "Appeasement" – den Bär streicheln, um ihn zu besänftigen. Das do ut des – "ich gebe, damit du gibst" – ist nicht von vornherein falsch, es sei denn, man verkennt die strategische Wirklichkeit im heutigen Europa und sieht Putin als unschuldiges Opfer westlicher Machenschaften.

Nicht die Nato hat die Krim besetzt und sich faktisch den Südostteil der Ukraine einverleibt. Was der frühere SPD-Außenminister Steinmeier dem Bündnis als "Säbelrasseln" und "Kriegsgeheul" angekreidet hat, ist in Wahrheit die sehr bescheidene Ostwärts-Verlagerung von vier Kampfgruppen in Bataillonsstärke, um den exponierten Bündnispartnern zumindest symbolischen Beistand zu leisten. Für September hat Moskau ein Manöver mit 100.000 Mann an der Ostgrenze der Nato angekündigt. Putin "bewegt" sich, bloß in die falsche Richtung.

Der neue Zar ist kein Hasardeur, sondern ein Opportunist, der sein Herrschaftsgebiet arrondiert, wo das Wagnis berechenbar ist. Ihm "Angebote" zu machen hieße, sein Risiko zu schmälern, was weder dem deutschen noch dem europäischen Interesse dienen würde. Da ist noch ein anderes Problem. Geben wir wieder, was Lindner am Sonntag der Bild-Zeitung anvertraut hat: "Wir erleben einen Staatsputsch von oben wie 1933. Er baut ein autoritäres System auf, zugeschnitten allein auf seine Person." Deshalb könne er "kein Partner für Europa sein". Er meinte Erdoğan, doch passt diese Diagnose haargenau auch zu Putin.

Wieso sollte der eine Störenfried "Angebote" kriegen, der andere aber den Zorn Berlins spüren? Der FDP-Chef trägt lauter gute Ideen zu Markte, zum Beispiel ein Einwanderungsgesetz. Doch einem Expansionisten wie Putin den "Gesichtsverlust" zu ersparen ist nicht Strategie, sondern Psychiatrie. Putin ist kein Patient. Er ist ein Machtpolitiker der Extraklasse, der sich von Dr. Lindner nicht besänftigt, sondern beleidigt fühlen muss.