Die Neubausiedlung einer Kleinstadt in Nordrhein-Westfalen: Spitzdächer und sauber gestutzte Rasen. In einem Haus mit fünf Ankleidezimmern und einem ausgestopften Zebrakopf über dem Wohnzimmertisch lebt Jennifer Sturm. Drei Tage in der Woche ist sie Lehrerin für Englisch und Musik, vier Tage singt sie Schlager, vor allem als Double der Schlagerkönigin Helene Fischer. Auf ihrer Veranda trifft sie heute Lena Berg, die aus der Nähe von Koblenz kommt, und Katharina, die sechseinhalb Stunden aus Dresden angereist ist. Auch die beiden sind Doubles, Lena Berg und Katharina sind Künstlernamen, unter echtem Namen will keine der drei in die Zeitung. Während die echte Helene Fischer ihr neues Album "Helene Fischer" auf Platz eins der Charts gebracht hat und sich auf ihre Stadiontournee vorbereitet, die im September beginnt, sind die Doubles schon jetzt jedes Wochenende unterwegs: Feuerwehrfest in Liebstadt-Döbra, Schützenfest in Möhnesee-Körbecke, Sommerfest in Kipfenberg-Irlahüll. Es ist ein Sommerabend, die Hitze auf der Veranda ist drückend.

DIE ZEIT: Ich hoffe, ich trete Ihnen nicht zu nahe, aber keine von Ihnen sieht wirklich aus wie Helene Fischer.

Katharina: Warten Sie mal ab, ich habe ja noch keine Perücke auf. Brünett gehe ich natürlich nicht auf die Bühne.

Jennifer: Mir reicht es, wenn das Publikum von Weitem denkt: "Och ja, das könnte sie sein." Als Helene sich die Haare kurz geschnitten hat, sind meine lang geblieben. Und als ich im vergangenen Jahr schwanger war, bin ich trotzdem weiter aufgetreten. Natürlich höre ich da oft: Du siehst gar nicht aus wie Helene Fischer!

Lena: Ich bin ja auch nicht Helene Fischer!

Jennifer: Eben. Jede hat ihren eigenen Style.

Katharina: Auch als Double muss man sich seine künstlerische Identität bewahren, um authentisch zu sein. Alles andere nehmen die Leute einem nicht ab.

Lena: Die meisten Elvis-Doubles sehen auch nicht wie Elvis aus.

ZEIT: Na ja, Elvis-Doubles tragen aber alle den weißen Anzug und die Schmalzlocke.

Jennifer: Ja, und wir haben auf der Bühne alle das gelbe Kleid an und blonde Haare!

ZEIT: Zu welchen optischen Anpassungen sind Sie bereit?

Lena: Kostüme nachschneidern lassen, Perücke tragen und ein bisschen Diät halten. Damit man in die Kostüme auch reinpasst.

Jennifer: Damit man Helene Fischer wiedererkennt, müssen es nämlich die krassen Kostüme sein.

Katharina: Das knallgelbe Kleid, das sie bei der letzten Tour anhatte, oder der hautenge rote Anzug aus dem Video zu Atemlos.

Lena: Der kommt immer noch am besten an, nach all den Jahren. Unglaublich.

ZEIT: Perücke muss sein?

Lena: Unbedingt.

"Es ist Helenes Job, perfekt zu sein", sagt Lena. © Henning Ross für DIE ZEIT

Katharina: Eine Perücke sitzt auch immer perfekt.

Meik, Jennifers Jugendliebe, Ehemann und Manager, serviert Salzstangen. Noch sind die Doubles in Zivil: in Jeans und T-Shirt. Verwandeln werden sie sich erst später fürs Foto. Die drei treffen sich zum ersten Mal – doch sie reden wie alte Freundinnen. Sätze, die Lena beginnt, bringt Jennifer zu Ende. Rund ein Dutzend Sängerinnen werben in Deutschland für ihre Helene-Fischer-Double-Shows. Man könnte denken, dass Jennifer, Katharina und Lena Konkurrentinnen sind. Aber Jennifers Manager winkt ab. "Es gibt so viele Feten, so viele Doubles gibt es gar nicht", sagt er. Und für Doubles ist immer Saison. Nach Neujahr beginnt das Après-Ski, dann Karneval, Stadtfeste, Silvester, wieder Après-Ski. Zwischendurch Firmenfeiern oder Ballermann.

ZEIT: Erinnern Sie sich noch an den 14. Mai 2005?

Lena: Nee, keine Ahnung. Was war da? Muttertag?

Jennifer: Helene Fischers erster Auftritt im Fernsehen?

ZEIT: Genau. Beim Hochzeitsfest der Volksmusik in der ARD sang sie ein Duett mit Florian Silbereisen, ihrem späteren Freund. Es war der Moment, in dem ihre spektakuläre Karriere begann. Und Sie saßen damals nicht vor dem Fernseher?

Jennifer: Ja gut, also 2005 war Helene Fischer für uns noch nicht aktuell.

Katharina: Gar nicht.

Jennifer: Damals habe ich noch in Coverbands gespielt und die ersten Stücke von ihr ins Programm genommen, Mitten im Paradies und so. Da hatte sie noch kurze Haare. Da war das noch richtig Schlager.

ZEIT: Helene Fischer hat sich dann immer stärker an internationalen Popstars orientiert. Das alles gipfelte 2013 in dem Song Atemlos, einer Hymne auf das Nachtleben.

Katharina: Bei mir fing das mit dem Doubeln lange vor Atemlos an. Das muss 2009 gewesen sein. Da sprach mich ein Kollege an, der viel auf Familienfeiern spielte. Der sagte: "Meine Sängerin ist krank, haste Lust, willste mal?" Ich habe ihm in seiner Garage irgendwas vorgesungen, und er meinte gleich: "Du musst Helene Fischer singen! Du hast die perfekte Stimme dafür!" Ich wusste damals nicht mal, wer das ist. Als ich dann zum ersten Mal Songs von ihr hörte, war das ein Kulturschock.

Jennifer: Hattest du mit Schlager gar nichts zu tun?

Katharina: Nee, ich kam voll aus der Klassik.