Hanna Jacobs, 28, ist Vikarin im niedersächsischen Selsingen. Im Wechsel mit der katholischen Theologin Alina Oehler schreibt sie, wie sie als junge Geistliche ihre Kirche verändern will. © Hannes Leitlein

Letztens hatte ich ein freies Wochenende und befand, dass es nach mehreren Wochen des Landlebens Zeit sei für ein bisschen Reizüberflutung. Ich schlenderte durch die Fußgängerzone einer norddeutschen Großstadt. Man trägt wieder Plisseeröcke, fiel mir auf. Aber Säkularisierung ist out – total Neunziger! Den Anschein erweckt das Treiben zwischen Modehaus und Buchhandlung. Ein Stand ist mit Bannern verkleidet, die mich darauf hinweisen, dass Jesus rettet und die Bibel die Wahrheit ist. Ich stimme in Gedanken zu, lege es aber nicht darauf an, mich in ein Gespräch verwickeln zu lassen. Als ich einmal stehenblieb, ließen sich die freundlich, aber sehr bestimmt guckenden Menschen nicht so recht davon überzeugen, dass ich schon von Jesus Christus gehört hatte. Auch der Austausch über unsere unterschiedlichen Wahrheitsbegriffe verlief nicht zur beiderseitigen Zufriedenheit. Sie verschenken Bibeln, so viel kann ich aus sicherer Entfernung sehen.

Ein paar Meter weiter stehen junge und mittelalte Frauen dicht gedrängt unter einem Pavillon. Sie sind umgeben von Kuchen. Gebäck macht neugieriger als Bibeln. Ich greife nach dem Smartphone, und die schnelle Google-Suche ergibt, dass die Organisatoren des Cake Day teilweise Verbindungen zu islamistischen Vereinen haben. Ich verzichte auf den Kuchen und lasse die Salafistinnen links liegen.

Eine kleine Gruppe von adrett gekleideten, ziemlich jungen Erwachsenen läuft mir über den Weg. Das kleine Namensschild an Anzug und Bluse identifiziert sie als Mormonen mit Mission. Tolles Zahnpastalächeln!

Weitaus weniger aufgekratzt wirken die Leute an dem blauen Stand, auf dem "JW" steht: Das neue Logo der Zeugen Jehovas wirkt modern und passt nicht so ganz zu den überknielangen Röcken der Zeuginnen. Frauen in Sekten müssen wohl oft Röcke tragen. Am liebsten möchte ich hingehen und ihnen sagen, dass sie aus Glauben gerechtfertigt sind und nicht durch die Anzahl der Stunden, die sie "Wachtturm"-schwenkend in deutschen Fußgängerzonen verbracht haben. Dann bin ich doch zu bequem.

Weder die evangelische noch die katholische Kirche ist an diesem Samstag mit einem Stand vertreten. Wir sind präsent durch die offenen Kirchen – in jeder deutschen Fußgängerzone haben wir mindestens eine Dependance. Wer mit einem Coffee to go durch die Stadt geht, sieht unsere Kirchtürme, aber nicht uns.

Den Straßenwahlkampf des Marktes der religiösen Möglichkeiten beherrschen andere. Ob sie da auch stünden ohne die Angst, Gott sonst nicht zu genügen? Wir sind berufen, Menschenfischer zu sein, nicht -fänger. Glaube wächst durch Beziehung; gute Werbung macht noch keinen Jünger. Allerdings kann es so verkehrt nicht sein, wenn Fischer ihren Fischstand auf dem Marktplatz aufschlagen. Was würde wohl passieren, wenn wir Gnade und Kaffee anböten statt Pamphlete über das Jüngste Gericht?