Neun Vorsitzende hat die SPD in 27 Jahren verschlissen, mehr als jede andere Partei. Fast alle nahmen anfangs Fahrt auf wie im Rausch, wurden bejubelt, gefeiert – dann kippte die Stimmung, Zweifel keimten, und der Absturz folgte alsbald. Wie haben die neun Männer (eine Frau gab es dabei nicht) diese Achterbahnfahrt erlebt?

Einige Geschichten von Aufstieg und Fall haben sich ins kollektive Gedächtnis des Landes eingebrannt: etwa wie Oskar Lafontaine auf dem Mannheimer Parteitag 1995 den ungeliebten Rudolf Scharping aus dem Amt putschte. Oder wie Lafontaine dann selber sein Amt hinschmiss, weil er sich mit Gerhard Schröder nicht vertrug. An andere Kurzzeit-Vorsitzende der SPD erinnert man sich dagegen kaum noch. Und wie konnte es sein, dass Scharping oder Kurt Beck einst als Hoffnungsträger der Bundesrepublik galten?

Auch Martin Schulz ist als Messias gestartet, messianischer als alle Vorgänger. Auch er ist jetzt, etwa sechs Wochen vor der Wahl, auf dem harten Boden der Umfragen gelandet. Erneut scheint sich zu wiederholen, was man aus drei Jahrzehnten kennt.

Nicht alle Ehemaligen erzählen ihre Geschichte gern. Sie wollen alte Wunden nicht aufreißen. Mit sechs von ihnen haben wir aber doch über Euphorie und Erwartungen gesprochen, und über den Moment, in dem alles kippte. Und in all ihren Geschichten steckt immer ein bisschen von Martin Schulz.

Der Schöngeist

Amtszeit: 1991 – 1993. Größtes Verdienst: Nach ihrem Debakel bei der historischen Wahl 1990 richtete er die SPD wieder auf. Größter Patzer: Seine Lüge in der Barschel-Affäre. Bester Spruch: "Wat mutt, dat mutt." © Patrick Pleul/dpa

Als er SPD-Vorsitzender wurde, ging es in den Nachrichten viel um Flüchtlinge. Die Welt schien in Unordnung wie lange nicht. Das Kanzleramt war fest in der Hand der CDU, die SPD befand sich im historischen Umfragetief. Der Mann, der die Partei retten sollte, galt als frisches Gesicht, obwohl er schon lange in der Politik war. Seine Liebe zu Büchern hatte ihm nach der mittleren Reife geholfen, mehr aus seinem Leben zu machen. Mit einem Rekordergebnis kürte die Partei ihn zum Vorsitzenden und designierten Kanzlerkandidaten – das war 1991, der Mann hieß: Björn Engholm.

Engholm wurde ein Popstar, Sonnyboy der SPD. Seine Reden klangen wie aus einem Song von Nena: "Vielleicht ist es Wahnsinn, sich Träumen hinzugeben. Vielleicht ist es auch Wahnsinn, normal zu sein. Aber gewiss ist es der allergrößte Wahnsinn, das Leben nur so zu sehen, wie es ist, und nicht so, wie es sein sollte." Engholm redete anders als die anderen Parteifunktionäre, er hatte höhere Beliebtheitswerte als Kanzler Helmut Kohl. Wieso ging es dennoch schief?

Gebräunt wie ein Weltumsegler öffnet Engholm die Tür. Mit seiner Frau bewohnt er ein altes Lübecker Gutshaus, riesiger Garten, viel Kunst an den Wänden. Engholm sieht jünger aus als 77. Damals, als er zurücktrat, im Mai 1993, hielten Mitarbeiter in der Bonner SPD-Parteizentrale selbst gemalte Schilder hoch: "Björn, mach weiter!" Engholm hatte Tränen in den Augen. Heute spricht er gelassener über sein Scheitern als SPD-Chef: "Die Endlossitzungen in Gremien, die eitlen Hahnen- und Hennenkämpfe, das Fahnenschwenken und ständige Wiederholen derselben Argumente: Das war nicht meine Welt."

Den letzten Schubs zum Rücktritt versetzte ihm die Barschel-Affäre. Engholm musste einräumen, vor einem Untersuchungsausschuss gelogen zu haben. Doch sein politisches Ende hatte auch andere Gründe. An Engholm zeigte sich die Kraft der kollektiven Projektion: Die SPD wollte in ihm etwas sehen, was er nicht war.

"Ich war sehr gern Parlamentarier und in der Regierung. Aber ich war ein nur mäßiger Parteiarbeiter", erzählt Engholm. "Ich mochte die Leute in meiner SPD. Doch ich bin zu wenig durch die Ortsvereine gereist, um die bereits Überzeugten erneut zu überzeugen." Er habe "unterschätzt, wie wichtig Basisarbeit innerhalb der Partei ist, um meine Stellung in der Partei zu sichern". Schon nach einem Jahr spürte er, dass die Geschlossenheit nachließ, sein Stern sank. Nicht einmal Engholm selbst glaubt, dass er damals der Richtige war, um die SPD zu führen. Nach zwei Jahren war das Missverständnis vorbei.