Der Vorzeige-Sozi

Franz Müntefering ist wieder Vorsitzender. "Vorsitzender der Bagso", sagt er, der Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen. Ein langer Titel für einen, der bekannt ist für kurze Sätze. "Opposition ist Mist" lautet einer. Oder "schönstes Amt nach Papst": So nannte Müntefering den SPD-Vorsitz.

2004 übernahm er das Amt von Kanzler Gerhard Schröder. Ein Jahr zuvor hatte der die Agenda 2010 verkündet, seine große Sozialstaatsreform – ein radikaler Bruch mit vielem, was Sozialdemokraten heilig ist. Schröder, als "Genosse der Bosse" parteiintern ungeliebt, spürte, dass ihm die SPD nach der Agenda entglitt. Um Kanzler zu bleiben, war er überzeugt, den Parteivorsitz abgeben zu müssen – an einen, der die Seele der Partei verkörpert, der die Traditions-Sozis einbindet und mit dem sich die Basis identifiziert: Müntefering. Volksschule Sauerland, NRW-Sozi, Bier statt Wein, "Partei gut, Fraktion gut, Glückauf!".

Anfangs funktionierte es prächtig. Schröder gab den Basta-Kanzler, "Münte" den Seelenstreichler. Er tingelte durch Partei und Republik und erzählte von Rügen bis Regensburg, man könne den Sozialstaat nur retten, indem man ihn umbaue. Die Genossen sogen seine Worte auf, bekamen glänzende Augen, sobald sein Stakkato einsetzte. Bei einem Auftritt in Koblenz rief eine Anhängerin verzückt in den Saal: "Lasst uns das, was Franz gesagt hat, ins Land tragen." Müntefering, der heilige Franz der Mehrzweckhallen.

Franz Müntefering ist zum Gespräch in eine Hotelbar in Berlin-Mitte gekommen. Die Partei, die ihn einst verklärte, betrachtet er heute stocknüchtern: Sie überschätzt sich, meint er. "Es gibt bei Sozialdemokraten und Sozialisten die Haltung, dass die Partei alles sei. Dass man mit einem ellenlangen Programm und aus den Parteipräsidium heraus die Politik gestalten kann. Das ist ein Irrglaube."

Amtszeit: 2004 – 2005 und 2008 – 2009. Größtes Verdienst: Schon vorher – sein Wirken als Wahlkampfchef. Größter Patzer: Trat 2005 wegen Personalstreits übereilt zurück. Bester Spruch: "Opposition ist Mist." © Jens Gyarmaty/VISUM

Müntefering spürte damals rasch, dass die Aufteilung zwischen einem, der die Regierung, und dem anderen, der die Partei führt, nicht aufgehen konnte. Im Bewusstsein der Genossen gab es bald zwei Parteien: eine Regierungs-SPD unter Schröder, die anders agierte, als es in ellenlangen Programmen stand – und eine Partei-SPD unter Müntefering, die der Regierungs-SPD das Wahre und Gute, die ewig gültige Lehre beibringen sollte. Müntefering betrachtet es als seinen größten politischen Fehler, diese Spaltung ermöglicht zu haben, indem er den Vorsitzenden machte. Er entband damit die Genossen von der Pflicht zur Solidarität mit ihrer Regierung.

Müntefering wusste damals, dass die Sehnsucht nach unverfälschter Sozialdemokratie nicht im Regierungshandeln zu erfüllen war. Er weigerte sich daher, für das Ende der Agenda-Politik zu plädieren – er wurde sogar ihr schärfster Verfechter. Als der heilige Franz aber von dem abfiel, was die Traditionalisten als wahren Glauben verstanden, waren seine Tage an der Parteispitze gezählt. Im November 2005, Schröder hatte die Wahl verloren, und Merkel war Kanzlerin, wollte Müntefering seinen Vertrauten Kajo Wasserhövel zum SPD-Generalsekretär machen. Im Parteivorstand fand er keine Mehrheit. Er trat zurück.

Drei Jahre und zwei Vorsitzende später übernahm er den Posten noch einmal. Doch Müntefering kam nicht mehr als Hoffnungsträger oder Seelenstreichler der SPD – er kam als ihr Zuchtmeister, als Bewahrer der Agenda 2010. Er musste scheitern.

Der Quereinsteiger

Amtszeit: 2005 – 2006. Größtes Verdienst: Sein Einsatz für Familie und Frauen. Größter Patzer: Er überschätzte seine Kräfte. Bester Spruch: "Ich bin klipp und klar sozialisierter Ostdeutscher."

Matthias Platzeck ist neuerdings wieder nah dran an Angela Merkel. "Wir sind praktisch Dorfnachbarn", sagt er. Platzeck ist von Potsdam in die Uckermark gezogen. Merkels Wochenendhaus liegt nur Minuten entfernt. Die beiden Ostdeutschen waren einmal politische Partner: Als eine große Koalition Merkel 2005 ins Kanzleramt brachte, wurde Platzeck SPD-Chef, überraschend – auch für ihn selbst.

Dass Müntefering im November 2005 die Brocken hinwarf, traf die SPD völlig unvorbereitet. Ein neuer Vorsitzender musste her. Nur woher? Der Blick fiel auf Platzeck. Soeben hatte er als Ministerpräsident die SPD zu einem souveränen Wahlsieg in Brandenburg geführt. Platzeck, der Deichgraf des Oderhochwassers, galt als Sympathieträger. Ein Mann, den man mochte in der SPD. Jemand, der nicht nur auf Leute zugeht, sondern sie auch in den Arm nimmt.

Auf dem Parteitag, der ihn mit 99,4 Prozent ins Amt wählte, hielt Platzeck eine furiose Rede. Was bei Schröder als Gedöns galt, rückte Platzeck ins Zentrum: Familie und Bildung. Nach seinem Auftritt hieß es: "Wir brauchen keinen Messias, wir haben den Matthias!" Platzeck galt als der kommende Kanzler.

Er spürte die Erwartungen – und die Last des sozialdemokratischen Selbstverständnisses: 150 Jahre Geschichte, August Bebel, das Nein zu Hitlers Ermächtigungsgesetz, Willy Brandts Ostpolitik – für all das sollte nun Platzeck stehen. Es dauerte nicht lang, da meldeten sich die Nörgler (meist aus dem Westen). Sie glaubten, ein Ostdeutscher könne auch 16 Jahre nach dem Mauerfall nicht verkörpern, wofür die SPD stehe. Alles schön und gut mit Familie und Bildung, meckerten sie, aber wann sagt er was zu den wichtigen Themen: Finanzen und Industriepolitik? Unter dem Druck ging Platzeck in die Knie. Zwei Hörstürze, ein Kreislaufkollaps – schon nach 146 Tagen gab er auf. "So eine große Partei zu führen ist kraft- und zeitaufwendig", sagt er heute. "Und was mir vom ersten Tag an fehlte, war eine dicke Haut, an der alles abperlt."

Ausgerechnet in der Begeisterungsfähigkeit der SPD sieht er einen Grund für ihre Dauermisere. "Wir sind eine Partei der Hoffnung. Wir sind aber auch skrupulöser und muten uns viel mehr Selbstzweifel zu als die anderen", sagt er. Nicht der Hype wäre für Platzeck die Erfolgsgarantie, sondern die Nüchternheit: "Angela Merkel ist eine Meisterin im Vermeiden von Euphorie", sagt er. "Denn sie weiß, dass dieser antieuphorische Politikstil länger trägt."