Crotone

Es ist Mittag, das Thermometer zeigt 45 Grad. Im Hafen von Crotone gibt es keinen Schatten. An der Mole stehen Polizisten, Ärzte, Krankenpfleger, Helfer, Übersetzer. Das norwegische Schiff Olympic Commander legt an. Es fährt im Auftrag der europäischen Grenzagentur Frontex und hat 1.242 Migranten an Bord. Zuerst kommen die Kranken und Verletzten auf die Mole, es folgen Frauen und Kinder, schließlich die Männer. Jeder von ihnen wird fotografiert, bekommt ein Schild angeheftet und wird in einen Bus gebracht. Unter den Übersetzern am Pier ist ein Mann aus dem Senegal. Am Pier rufen sie ihn nur Chico, seinen echten Namen will er nicht nennen. Seit sechs Jahren lebt er mit Frau und Kindern in Crotone. Er spricht fließend Italienisch, die Kinder gehen hier zur Schule, in der Stadt ist er ein bekanntes Gesicht.

"Wann werden weniger Menschen kommen?"

"Wenn diese Leute merken, dass sie einer Illusion nachgelaufen sind!"

"Illusion?"

"Ja, Illusion. Es ist leichter, in Afrika ein Auskommen zu finden, als hier. Und, wissen Sie: Meine Frau fühlte sich in Afrika sicherer als in Italien!"

Rund 60.000 Einwohner hat Crotone und sieht doch mancherorts aus wie eine Brache. Nichts ist geblieben von dem Traum der sechziger Jahre, den Süden Italiens mittels Industrie der Armut zu entreißen. Der größte Arbeitgeber der Stadt ist mit 350 Beschäftigten heute Misericordia, eine kirchennahe Hilfsorganisation.

Rund 100.000 Migranten sind seit Jahresbeginn an Italiens Küsten gelandet. Anders als früher winken die Behörden sie nicht mehr Richtung Norden durch – jedenfalls nicht so schnell. Sie versuchen, ihre europäische Pflicht zu erfüllen und den Asylanspruch der Ankommenden hier zu prüfen. Rund 80 Prozent haben keinen Anspruch.

Wer aber einmal im Land ist, bleibt und versickert im riesigen Schwarzmarkt, der von der Mafia dominiert wird. Wer über die Wüste und das Meer kommt, um in Europa ein besseres Leben zu finden, landet oft genug in einer neuen Form der Sklaverei.

Sant’ Anna

Das Erstaufnahmelager Sant’ Anna ist ein mit Stacheldraht umzäuntes Gelände am sonnenverbrannten Stadtrand von Crotone. Zwischen 2006 und 2015 zahlte die Regierung in Rom dem Betreiber Misericordia 103 Millionen Euro dafür, das Lager zu verwalten. Im Mai deckte die italienische Polizei auf, dass davon 36 Millionen in den Taschen der ’Ndrangheta – der kalabresischen Mafia – und ihrer Kumpane verschwunden sind. Misericordia gab den Migranten Essen, das man "normalerweise Schweinen zum Fraß vorwirft", wie sich der ermittelnde Staatsanwalt Nicola Gratteri ausdrückte. Unter den Angeklagten sind ein Priester und der Leiter der Misericordia in der Region, Leonardo Sacco. Der verfügt über beste Kontakte in Rom, auf seiner Facebook-Seite ist er mit Papst Franziskus zu sehen und mit Außenminister Angelino Alfano. Der Skandal erschütterte Italien, doch da der Zustrom der Migranten nicht abnimmt, fließt das Geld weiter. Die Migration hält die marode lokale Wirtschaft am Laufen.

Und was erwartet jene, die aus der Erstaufnahme entlassen werden? Unten am Hafen, ein paar Hundert Meter vom Schiff Olympic Commander entfernt, in einem stillgelegten Tanklager, hausen etwa ein Dutzend Männer. Es riecht nach Benzin, Müll und Exkrementen. Die Männer mussten Sant’ Anna verlassen, sie haben keine Bleibe außer dieser Ruine. Seit vielen Wochen warten sie auf Papiere, die ihnen ein Existenzrecht in Europa geben. Sie sind jung und erschöpft.