Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt hat den Porsche Cayenne Diesel aus dem Verkehr gezogen. Europaweit sind 21.500 Fahrzeuge betroffen, davon 6.000 in Deutschland. Und in Zuffenhausen, wo der Wagen gebaut wird, stehen mehrere Hundert Cayenne auf Halde. Es ist klar, wo die meisten dieser 6.000 Cayenne herumfahren. Und wo sie auf diese mehrere Hundert Cayenne warten, auch.

In Eppendorf.

Hamburg steuert in eine Auto- und eine Imagekrise.

Wenn der Cayenne in Verruf gerät, ist alles möglich. Dann werden die Kinder demnächst in den Straßen auf Land Rover und Jeeps zeigen und "Dreckschleuder!" rufen. Ein richtiges Angstklima wird entstehen, und wieder ist ein Teil unserer lokalen Identität geschleift. Was kommt als Nächstes? Labskaus verbieten? Helmut Schmidt rückwirkend besteuern? Der hatte zu Lebzeiten auch krasse Emissionswerte. Stichwort Reyno Menthol.

Der Cayenne ist ein SUV (Sport Utility Vehicle), und der SUV gehört zur bürgerlichen Mitte von Hamburg wie Segeln und Hockeyspielen und Olaf-Scholz-gar-nicht-so-schlecht-Finden. Wenn man sich als Hamburg-Besucher verfahren hat, und auf einmal tauchen überall SUVs auf, dann weiß man wenigstens ungefähr, wo man sich befindet. Nicht in Billstedt und auch nicht in Horn, sondern irgendwo nordwestlich der Alster.

Entsprechend hat der SUV-Hass Konjunktur: zu groß, zu arrogant, Sozialdarwinismus auf Rädern, ökologisch kriminell. Und überhaupt, wie können diese Leute nur: von Achtsamkeit und Ressourcenschonung quatschen und dann mit einem Wagen, der bis zu 19 Liter verbraucht, zum Yoga brettern.

Die Ideologiekritik des SUV war schon immer verkniffen und im besten Fall linksliberal abgefedert. Oft sind das Grün wählende Hardt/Negri-Leser, die mit dem Fahrrad ins Büro fahren, aber in der Minute, wo sich bei eBay-Kleinanzeigen die Gelegenheit ergibt, einen günstigen Cayenne abzustauben oder wenigstens einen Touareg, sind sie die Ersten, die ihr Bike hinten über die Ladekante schieben und mit dem Wagen nach Sylt rauschen.

Man darf sich von diesen Leuten nichts einreden lassen. Ja, der SUV ist extrem hoch und hat oft auch noch getönte Scheiben. Klar, das ist eine Sichtbehinderung für Radler und Fußgänger. Aber vielleicht geht es auch gar nicht ums Schauen, sondern ums Stehenbleiben und Staunen: So, Freunde, sehen Autos aus, die zu einem zentralen Teil unseres Gemeinwesens passen.

Das fängt mit der hohen Sitzposition an und dem bequemen Einstieg. Übersicht, wer wollte das nicht? Die vom Multitasking erschöpfte Mittelschicht weiß das besser als alle anderen. Stimmt die Work-Life-Balance noch? Performe ich richtig bei den Kindern? Hätte ich doch für Olympia stimmen sollen? Im SUV sind die aufwärtsmobilen Milieus on top , wenigstens was die Rolle im Straßenverkehr angeht.

Und der Einstieg, wann ist der sonst schon bequem? Bequem einsteigen? Hahaha, machen Sie erst mal 30 Praktika, dann reden wir noch mal. Bei Porsche gibt es sogar eine Funktion "Stability Management", das ist vorbildlich. Schatz, du bist in letzter Zeit immer so nervös und fahrig. Du müsstest dich mal um dein Stability Management kümmern.

Der SUV hat eine therapeutische Funktion, das sollten sie sich in München nicht ausreden lassen, wo Grünen-Politiker für die Zeitung vor einem Cayenne posierten, mit gesenktem Daumen und T-Shirt mit Fahrrad drauf, als seien sie die Großwildjäger der rechten Gesinnung.