Saeed Saif war Fußballschiedsrichter, bevor er Rebell wurde. Man kann sich gut vorstellen, wie er übers Feld sprintet, Karten zückt, auf den Elfmeterpunkt zeigt. Er ist fast zwei Meter groß, sportlich und trägt sowieso am liebsten Schwarz. Wenn seine Frau den Tee ins Wohnzimmer bringt, bleibt sie und diskutiert mit. Auf einem Holzständer neben dem Sofa ruht ein aufgeschlagener Koran. An der Wand hängt die Flagge der syrischen Revolution, eine Trikolore aus Schwarz-Weiß-Grün mit drei roten Sternen. Als Saeed Saif neulich für ein paar Tage in Spanien war, wurde er gefragt, ob er Schauspieler sei. Das dürfte an seinem gepflegten Bart liegen (die Hipster-, nicht die Islamisten-Variante) und an seinen halblangen, schwarzen Haaren, die er manchmal zu einem Dutt hochsteckt. Wenn er an der Front ist, verschwinden die Haare allerdings unter einer Flecktarn-Mütze. Wenn der Krieg vorbei ist, sagt Saeed Saif, würde er gerne Journalist werden. Seit Kurzem hat er einen Papagei. Aber eine neue kugelsichere Weste hat er noch nicht aufgetrieben.

Im Rückblick erscheint jeder Krieg wie eine geradezu zwingende Folge von Ereignissen, reduzierbar auf eine Liste entscheidender Schlachten. Während der Krieg noch läuft, ist das anders. Alles flirrt. Saeed Saif träumt von einer Zukunft, von der man nicht weiß, wann sie beginnt. Er hat vor sechs Jahren eine Entscheidung gefällt, von der er zwar ahnte, dass sie ihn in Gefahr bringen, nicht jedoch, wie lange sie sein Schicksal bestimmen würde. Jetzt ist alles permanente Gegenwart. Fiebrig. Hier das große Ganze, die Revolution, Leben und Tod. Daneben das unfassbar Kleine, der Alltag einer schwachen Miliz in einer schwächelnden Revolte. Ping macht sein Handy, ständig, es sind Nachrichten von der Front: Wir haben eine Brücke eingenommen! Wir haben eine Kreuzung verloren! Wir haben Flugabwehr-Raketen bekommen! – Nein, doch nicht ...

Saeed Saif ist einer jener Männer, die westliche Medien meist als "syrische Rebellen" beschreiben, die selbst jedoch den Begriff "Revolutionäre" vorziehen. Er ist der offizielle Sprecher der "Streitkräfte des Märtyrers Ahmad al-Abdo". Seine Gruppe ist eine von Hunderten, die in Syrien operieren. Sie ist klein. Sie hat nur 1800 Kämpfer. Es waren mal 2500. Die anderen sind gefallen. An den Streitkräften des Märtyrers Ahmad al-Abdo wird sich die Geschichte Syriens nicht entscheiden. Andererseits: Wenn das jeder Kämpfer in jeder dieser Buchstabensuppen-Gruppen sagen würde, wäre der Aufstand gegen das Regime Baschar al-Assads längst zusammengebrochen. "Noch haben wir nicht verloren", sagt Saeed Saif.

Er ist 35 Jahre alt. Mit 29 wurde er zum Rebellen. "Am liebsten", sagt er, "hätte ich mit dem ganzen Militärischen gar nichts zu tun. Assad hat mich daran gehindert, Zivilist zu sein."

"Über eine Meinung kann man diskutieren, eine Überzeugung erschießt man am besten", schrieb der britische Offizier T. E. Lawrence nach dem Ersten Weltkrieg, den er als Lawrence von Arabien an der Seite arabischer Aufständischer gegen das Osmanische Reich verbracht hatte. Man könnte meinen: Das ist das Rezept, nach dem Baschar al-Assad vorging, als 2011 ein Aufstand gegen sein Regime ausbrach, inspiriert von den Revolutionen in Ägypten und Tunesien. Er versprach Reformen. Doch Demonstranten, die Reformen verlangten, ließ er einkerkern. Regimegegner erklärte er zu Terroristen, noch bevor einige von ihnen dazu wurden, eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Seither gibt es keine Meinungen mehr in Syrien. Es wird nicht diskutiert, es wird geschossen.

Saeed Saif stammt aus Dumair, 40 Kilometer östlich von Damaskus. Er habe dort die ersten Demonstrationen mitorganisiert, berichtet er: "Am Anfang forderten wir nicht einmal den Sturz des Regimes. Wir verlangten, dass die Belagerung von Daraa aufgehoben wird." In Daraa, im Süden, hatte alles begonnen: Eine Gruppe Jugendlicher wurde wegen regimekritischer Parolen verhaftet. Als die Bewohner protestierten, schoss die Armee sie zusammen.

Auch Saeed Saif geriet ins Fadenkreuz. Als Schiedsrichter, der landesweit Spiele pfiff, musste er sich vor dem Sportverband rechtfertigen. "Drei Stunden dauerte das Verhör in Damaskus. Sobald ich wieder in Dumair war, habe ich öffentlich mit dem Regime gebrochen." Dumair, sagt Saeed Saif, sei eine widerständige Stadt, über die das Regime nie volle Kontrolle gehabt habe. Es habe genügend Menschen gegeben, die warnten, wenn die Armee anrückte. Er konnte sich verbergen. Aber es gab kein Zurück mehr.

Die Dissidenten in Dumair schlossen sich zusammen: Ärzte, Anwälte, Arbeiter, desertierte Soldaten. Im Herbst 2013 gründeten sie die erste bewaffnete Gruppe im Ort, zur Verteidigung "unserer Viertel und unserer Familien" gegen die Armee; Saeed Saif war dabei. Weil in Syrien der Wehrdienst obligatorisch ist, hat praktisch jeder Mann militärische Kenntnisse. Sie kauften Waffen, nahmen Kontakt mit der Freien Syrischen Armee (FSA) auf, einer von desertierten Offizieren gegründeten Aufständischen-Armee, und gliederten ihre Minitruppe ein. So wurde aus dem Schiedsrichter ein Rebell.

Ein Abend im Juni dieses Jahres: Einer der militärischen Führer der Streitkräfte des Märtyrers Ahmad al-Abdo ist zu Besuch bei Saeed Saif. "Ich wusste, dass es Krieg geben würde, als sie die ersten Demonstranten erschossen", sagt er. "Ich sterbe lieber, als feige nichts zu tun." Es ist seine Antwort auf die Frage, ob er je daran gezweifelt habe, dass es nötig sei, die Waffe in die Hand zu nehmen. Saeed Saif antwortet auf dieselbe Frage: "Wir wollen, dass unsere Kinder frei und ohne Unterdrückung leben können. Wenn ich sterbe, sollen sie stolz auf mich sein, weil ich auf der richtigen Seite gestanden habe." Es ist eine pathetische Antwort. Aber das macht sie nicht unaufrichtig.

"Wir glauben halb instinktiv, dass das Böse sich am Ende stets selbst vernichtet", schrieb George Orwell 1943 in seinem Essay Looking Back on the Spanish War. "Der Pazifismus beruht beispielsweise auf diesem Glauben. Widersetze dich dem Bösen nicht, und es wird sich irgendwie selbst zerstören. Aber warum sollte es das? Wo sind die Belege, dass es das je tut?" Man vergisst leicht, dass es ein Privileg ist, wenn man eine Entscheidung, wie Saeed Saif sie getroffen hat, selbst nie treffen muss.

Ab 2013 nahm Saeed Saif an Dutzenden Gefechten teil. Sie griffen Stützpunkte der Armee an, um Waffen zu besorgen. Ein altes Video: Saeed Saif leuchtet mit der Taschenlampe einen Panzer an, den sie erbeutet haben. Sie versuchten, ihr bisschen Artillerie in die Nähe der Militärflughäfen zu bekommen, um die Luftwaffe zu stoppen. Später schlossen sie sich der Southern Front an, einer Rebellen-Allianz an der jordanisch-syrischen Grenze, um ausländische Unterstützung zu finden.