Es war für die Menschheitsgeschichte eine bahnbrechende Zeit der großen Künstler wie Leonardo da Vinci oder Raffael, der wissenschaftlichen Pioniere wie Galilei oder Kepler, der poetischen Intellektuellen wie Petrarca oder Erasmus. Aber war die Renaissance, wie man diese Zeit seit Jacob Burckhardt üblicherweise nennt, eine Epoche, deren Profil sich trennscharf unterscheiden lässt von dem des Mittelalters zuvor und von dem der nachfolgenden Neuzeit? Eine klassische Frage der Geistesgeschichte – und Thomas Leinkauf, Professor für Philosophie in Münster, hat jetzt schwergewichtig Position bezogen. Sein Grundriss Philosophie des Humanismus und der Renaissance umfasst zwei voluminöse Bände von insgesamt knapp 2000 Seiten: ein Opus magnum über das philosophische Denken zwischen 1350 und 1600. Von der "Einheit der Epoche" ist zwar gleich zu Beginn die Rede; sein ehrgeiziges Vorhaben einer strukturierten Einheitskonstruktion ist jedoch mit der Hypothek belastet, dass er der Epoche einen Doppelnamen gibt: "Renaissance" und "Frühe Neuzeit". Das verwirrt, bis der Autor im letzten Kapitel, das den Naturwissenschaften gewidmet ist, mehrere Indizien präsentiert, die die Renaissance als neuzeitlich ausweisen sollen.

Die beiden Bände offerieren zwei komplementäre Darstellungen: Der erste ist nach thematischen Schwerpunkten gegliedert, der zweite nach bedeutenden Autoren. Im Themenband überrascht positiv, dass Leinkauf sich einerseits am Fächerkanon der gelehrten humanistischen Studien im 15. bis 17. Jahrhundert orientiert und andererseits von diesem System früher akademischer Institutionalisierung abweicht. Mit den Themen Sprache, Ethik und Historik bildet er ab, um welche wissenschaftlichen Fächer damals der traditionelle Kanon der Artes liberales erweitert wurde: um die "Poetik", die "Moralphilosophie" und die "Geschichte". Allerdings ergänzt Leinkauf die Liste sinnvollerweise durch die "Politik"; dadurch kann er über die entstehende politische Philosophie in Europa einen Bogen von Petrarca bis Jean Bodin schlagen. Der politische Anspruch der humanistischen Bewegung wird deutlich – auch der permanent umstrittene Niccolò Machiavelli bekommt beiläufig einen Sitz im "Club der Humanisten".

Das Porträt des Florentiners fällt zwar – übrigens wie dasjenige des Erasmus von Rotterdam auch – verhalten aus. Seine Bedeutung für die Wiederentdeckung Ciceros als Stifter des klassischen politischen Republikanismus aber würdigt Leinkauf, ebenso Machiavellis vom römischen Geschichtsschreiber Titus Livius inspirierte Vorbild-Idee des Imperium Romanum, als Gegenentwurf zum zerrütteten Zustand Italiens um 1500. Andererseits deutet Leinkauf Machiavellis berühmtes Werk Il Principe (Der Fürst) getreu einem jahrhundertealten Vorurteil als eine Rezeptur für erfolgreichen Machtgebrauch. Dabei sind sich im Urteil "Machiavelli war kein Machiavellist" seit Langem höchst unterschiedliche Machiavelli-Experten wie der klassische Philologe Karl Reinhardt, der Philosoph Ernst Cassirer und der Politikwissenschaftler Herfried Münkler einig.

Thomas Leinkauf: Grundriss Philosophie des Humanismus und der Renaissance (1350–1600). Zwei Bände; Felix Meiner Verlag, Hamburg 2017; 1937 S., 198,– € © Felix Meiner Verlag

Eine andere, nahezu ebenso bedeutende Figur erweist sich als Zentrum des gesamten Renaissancespektrums, das Leinkauf entfaltet: Marsilio Ficino (1433–1499). Der Florentiner Arzt und Humanist, der maßgeblich die Wiederentdeckung Platons betrieb, bekommt inklusive der Abschnitte über Schönheit und Liebe, Ficinos Hauptthemen, doppelt so viel Raum wie Machiavelli. Genau besehen verhält sich auch Leinkaufs Darstellung von Cusanus (1401–1461) wie die Ouvertüre, mit der die leitende Motivik präludiert wird: Denn beide, Cusanus und Ficino, liefern Leinkauf zufolge ein Denk-"System" im strengen Sinn. Von Cusanus kennen wir tatsächlich sein "System der Systeme": Die gesamte Wirklichkeit ist darin in Gegensätze gegliedert, und das gesamte Leben, sowohl das menschliche als auch das außermenschliche, ist durch einen elementaren Selbsterhaltungstrieb charakterisiert. Der animalische, außermenschliche Selbsterhaltungstrieb sei horizontal, derjenige des Menschen hingegen vertikal, zu Gott gerichtet: als eine Dynamik des Geistes. In dieser Gesamtverfassung des Lebens meldet sich nun laut Leinkauf ein genuin "neuzeitliches" Motiv, was rechtfertigen soll, die Renaissance auch als "Frühe Neuzeit" zu bezeichnen. Dass Selbsterhaltung spätestens mit Thomas Hobbes zentral für die neuzeitliche Subjektivität wird, ist unumstritten. Allerdings haben wir es bei Cusanus mit einem Achsenkreuz der zwei Richtungen von Selbsterhaltung zu tun; im neuzeitlichen Subjekt hingegen zielen animalischer und geistiger Trieb wie Parallelen in die horizontale Richtung. Die eine ist uns geläufig unter dem Begriff der Evolution, die andere unter dem der Geschichte.

Im großen Schlusskapitel taucht die Frage nach dem Epochentitel wieder auf. Materialismus und Naturalismus geben der Renaissance nach Leinkauf neuzeitliche, aufklärerische Züge. Mit diesem Argument könnte man allerdings die Neuzeit schon bei den vorsokratischen Atomisten im 5. Jahrhundert v. Chr. beginnen lassen. Und Ficino ist bei Leinkauf ein frommer Platoniker zwischen den Welten, dessen "System" in einer Verschmelzung von Philosophie und Religion mündet. Aber spielt Ficino seine epochale Rolle nicht eher dort, wo alle Humanisten herkommen: bei jener eigentümlichen Aneignung der literarischen Antike? Sie zeigt sich in Ficinos Platon-Rezeption an besonderen Fertigkeiten: demütige Bewahrung und kreative Fortschreibung, sorgfältige Feststellung der Bestände durch philologisch-editorische Kompetenz und aneignende Interpretation, Neugier und Überbietung.

Leinkaufs Werk ist ein Meisterstück, wie es nur sehr selten in der gelehrten Literatur anzutreffen ist. Seine beiden mit enzyklopädischen Fußnoten versehenen Bände sind an Informationsreichtum und Gründlichkeit kaum zu überbieten. Leinkauf will Geschichte narrativ und argumentativ, darstellend und kritisierend zugleich präsentieren: Die Balance zu halten gelingt ihm allerdings nicht immer, häufig zulasten des Narrativen. Zudem verstehe sich das Projekt nicht nur als Philosophiegeschichte (gegen deren – vermeintliche? – wissenschaftliche Unterbewertung sich Leinkauf wehrt), sondern ebenso als Philosophie: als "Auseinandersetzung der Vernunft mit sich selbst". Die Philosophiegeschichte jedoch hat eine solche Apologetik wohl kaum nötig, löst sie doch ein, wodurch sich die Philosophie souverän von allen anderen Wissenschaften unterscheidet: Sie ist die einzige Disziplin, die mit ihrer Geschichte identisch ist. Leinkaufs Bände belegen dieses Alleinstellungsmerkmal eindrucksvoll. Und sie regen zudem zu neuen Erzählungen vom Geist der Renaissance an – etwa der des roten Fadens von Petrarcas Weltinnenraum des Ich zum weltbürgerlichen Ich des Erasmus von Rotterdam: "Ego mundi civis esse cupio" ("Ich würde gerne ein Weltbürger sein") – auch ein Motto für diese Epoche.