Es ist nicht zu fassen: Wir wissen zwar genau, wie viel Bier in Deutschland verkauft wird (79 Millionen Hektoliter waren es 2016) und wie viele Fahrraddiebstähle angezeigt werden (332.486 im Jahr 2016); darüber wird penibel Buch geführt, und wir können es in amtlichen Statistiken nachlesen.

Aber wir wissen nicht, wie viele Stunden an deutschen Schulen ausfallen. Sind es, wie die Kultusministerien verlauten lassen, nur zwei bis drei Prozent des Unterrichts? Oder, wie der Deutsche Philologenverband schätzt, rund acht Prozent? Oder noch viel mehr?

Um diese Fragen beantworten zu können und repräsentative Daten zu gewinnen, befragen ZEIT und ZEIT ONLINE, mit Unterstützung des Datenspezialisten Statista, nun Schüler, Eltern und Lehrer zum Unterrichtsausfall an ihren Schulen.

Leserumfrage zu Unterrichtsausfällen

Sind Sie Eltern, Lehrer oder Schüler? Wir wollen wissen: Wie viele Stunden fallen an Ihrer Schule aus? Wie viele Stunden werden vertreten und von wem? Nur mit Ihrer Hilfe können wir zeigen, wie die Situation an Deutschlands Schulen wirklich ist. Helfen Sie uns bei der Recherche und füllen Sie bitte das für Sie passende Onlineformular aus:

Eltern Lehrer Schüler

Dass es bislang keine zuverlässigen Statistiken dazu gibt, ist schwer zu begreifen, denn Unterricht ist das Kerngeschäft der Schulen. Es wäre so, als wenn der VW-Konzern nicht wüsste, wie viele Autos er produziert. Zudem ist der Unterrichtsausfall ständig Thema in sehr vielen Familien mit Schulkindern. Jeden Morgen die gleichen Fragen: Fällt etwas aus? Gibt es eine Vertretung? Muss vielleicht der Tag umgeplant werden? Abends dann die Bilanz: Wie war es wirklich? Was bedeutet das für die kommenden Tage?

Laut einer repräsentativen Allensbach-Umfrage ist für die Eltern die Senkung des Unterrichtsausfalls die zweitwichtigste Forderung an die Bildungspolitik (auf Platz eins liegt der Wunsch nach kleineren Klassen).

Eltern sind Wähler. Deshalb gehört das Zurückdrängen des Unterrichtsausfalls zum Repertoire jedes Wahlkämpfers aus der Opposition, ob er nun der CDU oder der SPD, der FDP oder der Linken angehört. Schwieriger wird es, sobald der ehemalige Wahlkämpfer in der Regierung sitzt. Dann muss er nämlich dem Finanzminister mehr Geld für mehr Lehrer abverhandeln.

Das Führen einer aussagekräftigen Statistik ist nicht so simpel, wie man im ersten Moment denken mag. Denn was ist eigentlich Unterrichtsausfall? Unstrittig liegt er vor, wenn die Stunde komplett ausfällt und die Schüler sich selbst überlassen werden. Doch es gibt eine ganze Palette von Möglichkeiten, bei denen die Grenze zwischen Unterricht und Nicht-Unterricht schwer zu ziehen ist: Eine gut vorbereitete Fachlehrerin vertritt den, sagen wir, Mathelehrer. Oder: Der nicht ganz so Mathe-affine Geschichtslehrer vertritt die Mathelehrerin. Oder: Zwei Klassen werden zum gemeinsamen Unterricht zusammengelegt. Oder: Statt zwei Lehrer, wie in einigen Klassen mit Förderkonzepten üblich, unterrichtet nur einer. Und was ist mit dem sogenannten eigenverantwortlichen Arbeiten, bei dem die Schüler ohne Aufsicht mal mehr, oft weniger anspruchsvolle Aufgaben lösen?

Besonders ärgerlich ist der "strukturelle Unterrichtsausfall". In diesem Fall wird ein vorgeschriebenes Fach im ganzen Schuljahr gar nicht unterrichtet, weil kein Fachlehrer zur Verfügung steht. Im Alltag werden diese entfallenen Stunden vielfach gar nicht wahrgenommen, weil sie im Stundenplan schon "eingepreist" sind.

All das in einer Statistik auszudrücken ist durchaus eine anspruchsvolle Aufgabe für die Kultusministerien. Aber es kann doch nicht sein, dass man von der Kultusministerkonferenz keine aussagekräftige Auskunft bekommt, wenn man dort anfragt, wie hoch der Unterrichtsausfall in den verschiedenen Bundesländern ist. Stattdessen bedauert man dort, dass die Statistiken der Länder nicht miteinander vergleichbar seien und man daher nichts Genaues sagen könne.

Für die Schulen mit moderner Verwaltungssoftware sollte es kein großer bürokratischer Akt sein, die Statistiken zu füttern. Vor allem aber müssen sich die 16 Bundesländer auf ein einheitliches Verfahren verständigen.

Unterrichtsausfall wird es natürlich immer geben, weil auch Lehrkräfte mal krank werden und nicht immer der richtige Vertretungslehrer mit dem passenden Fach zur Stelle ist. Wie groß er aber ist und wie die Kultusminister seine Folgen abfedern – das zu wissen, darauf haben die Eltern, hat die Öffentlichkeit ein gutes Recht.

Eine aktuelle Studie des Essener Bildungsökonomen Klaus Klemm deutet darauf hin, dass es in den kommenden Jahren mehr Schüler geben wird als bislang vorausgesagt. Wird der Unterrichtsausfall dadurch steigen? Verantwortungsbewusste Bildungspolitiker sollten alles daransetzen, das zu verhindern – und die Bürger müssen überprüfen können, ob ihnen das gelingt.