Petra Bahr ist Landessuperintendentin für den Sprengel Hannover. In ihrer Kolumne geht sie der großen Politik im Alltag auf den Grund. © Kulturrat der EKD

"Nehmen Sie sich Zeit für sich. Dafür ist der Urlaub da. Leben Sie nach Lust und Laune. Tun Sie nur, was Sie gerne tun." So steht es in jedem Urlaubsratgeber, der einem zwischen die Finger gerät. Sogar die Briefwurfsendungen mit den günstigsten Lebensmitteln überlassen diesen Pausen-Experten mit ihrer Guck-in-die-Luft- Philosophie eine Spalte. Vielleicht sind die Experten einfach zu sehr beschäftigt, um auszuprobieren, was wirklich geschieht, wenn man Urlaub macht. Alleinreisende ausgenommen. Mein Allerwertester tut mir immer noch weh, nach 50 Kilometern auf einem viel zu großen klapprigen Fahrrad. Recht auf Faulheit?

Meine Freundin erzählt erschöpft von den Bergen, die sie mit ihren Jungs erklettert hat. "Mütter und Söhne sollten nicht gemeinsam Ferien machen. Die einen haben unablässigen Bewegungsdrang, die andere stetes Schlafbedürfnis", stöhnt sie. Ihre kaum verheilten Blasen an den Füßen zeigt sie aller- dings wie Trophäen. "Habe ich schlanke Waden gekriegt?", fragt sie mich und streckt ihre braunen Beine. Die Bücher hat sie ungelesen wieder mitgebracht. Urlaub, das ist eine Aneinanderreihung von ungeplanten Horizonterweiterungen. Zeltabenteuer im Dauerregen, Radtouren, von denen nur die Lkws im Gedächtnis bleiben, die an den zauberhaften Auen und an den Radlern vorbeirauschen. "Nochmaldavongekommensein" statt "Verweiledochdubistsoschön".

Wenn meine Freundinnen von ihren Familienurlauben berichten, so klingen die Berichte wie eine Aneinanderreihung von ungeplanten Herausforderungen. Sie berichten von Sprungtürmen, auf denen sie bibbernd standen, von Bergseen, die wunderblau, aber schockkalt waren, Brücken, die ächzten, Autos, Schiffen und anderen Gefährten, die niemals eine TÜV-Prüfung überstanden hätten, und Essen, das man zu Hause niemals mit der Gabel angerührt hätte. "Du musst doch mal was Neues ausprobieren", sagt mein Sohn altklug und zeigt auf knallblaues Eis. Schön war es trotzdem, all das kleine und große Befremden, samt blauer Flecke und verdorbenem Magen.