Vor zwei Jahren, am 26. Juli 2015, tötete die deutsche Verkehrspolitik meine Schwester Lucia und ihre Tochter Sofia. Lucia wurde 55, Sofia 15 Jahre alt.

Fast überall auf der Welt wird die Fahrgeschwindigkeit auf Autobahnen gesetzlich begrenzt. Erwartbare Ausnahmen bilden Staaten wie Afghanistan, Haiti oder Somalia – Länder also, in denen vieles nicht funktioniert und schon der Zustand der Straßen massenhafte Raserei unmöglich macht. Eine überraschende Ausnahme stellt Deutschland dar. Es ist der einzige Staat Europas und der einzige Industriestaat der Welt, der unlimitiertes Schnellfahren auf Autobahnen nicht prinzipiell verbietet, sondern prinzipiell erlaubt und nur streckenabschnittsweise untersagt.

Lucia und Sofia wollten die Schulferien nutzen für einen Urlaub auf Usedom. Von gemeinsamen Fahrten weiß ich, dass meine Schwester eine besonnene Fahrerin war; selten fuhr sie mehr als 120 Kilometer in der Stunde, aus Furcht und auch weil ihre Autos das nicht ohne Knirschen zuließen. Sie arbeitete in der Kranken- und Behindertenpflege und konnte sich zeitlebens keines jener Fahrzeuge leisten, die zum Rechtsbruch einladen, weil sie mit ihren überdimensionierten Motoren zwei- oder dreimal so schnell fahren können wie auf fast allen Straßen Europas erlaubt. So baut der, wie man heute weiß, in maßgeblichen Teilen kriminelle VW-Konzern neuerdings ein Audi-Serienmodell mit über 600 PS und einer Höchstgeschwindigkeit von 330 Kilometern pro Stunde.

Als Lucia einen Lastwagen überholen wollte und auf die linke Spur wechselte, raste ein Auto dieser Marke von hinten in ihr Auto hinein, das nach rechts in einen Acker stürzte und sich mehrmals überschlug. Sekunden später waren Lucia und Sofia bewusstlos vor Schmerz und ihre Körper zerstört. Meine Schwester starb auf diesem Acker, ihre Tochter auf dem Weg ins Krankenhaus.

Es wird unklar bleiben, ob Lucia den mit etwa 200 Stundenkilometern heranrasenden Audi übersah oder ob dessen Fahrer ihre Geschwindigkeit überschätzte und deswegen in sie raste. Unabweisbar aber ist, dass meine Verwandten mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit noch leben würden, hätte die Geschwindigkeitsdifferenz zwischen den beiden Autos nicht 80 oder 100 Stundenkilometer betragen, sondern 10 oder 20. Und gäbe es in Deutschland ein Tempolimit, müsste auch der Fahrer des sogenannten Gegnerautos nun nicht damit leben, an zwei Toden beteiligt zu sein. Seine Familie saß im Auto und sah dieses Sterben, und so sind auch diese Menschen Opfer der deutschen Verkehrspolitik, die riskant schnelles Fahren nicht verbietet, sondern fördert.

Dass auf deutschen Autobahnen Krieg herrscht, leugnen nur die, deren Politik ihn täglich neu entfacht.

Deutsche, die ins Ausland reisen, kennen diesen Moment des Auf- und Durchatmens: Wie entspannt das Fahren plötzlich ist! Tendenziell gleich schnelle Autos rollen hintereinander her, überholende fahren kaum schneller, augenblicklich registriert man die Verminderung der Lebensgefahr. Dass auf deutschen Autobahnen Krieg herrscht, leugnen nur die, deren Politik ihn täglich neu entfacht. Und wäre die Autobahnpolizei omnipräsent, sie müsste täglich Tausende verwarnen, weil sie nicht genug Abstand halten. Gewiss gibt es Menschen, die trotz ihrer übertriebenen Geschwindigkeit defensiv und vorausschauend zu fahren und also Rücksicht zu nehmen versuchen auf ihr und anderer Leben, und vielleicht zählt jener Audi-Fahrer dazu. Doch auf der linken Spur dahinrasende, drängelnde, hupende und lichthupende Horden ziviler Rennwagen sind nicht die Ausnahme, sondern die Regel, und in der Regel sind es junge dumme Männer mit der moralischen Intelligenz eines Kieselsteins, die aufs Leben, das ihnen blüht, pfeifen und aus Verzweiflung, die sie als Mut missdeuten, auch alle anderen mit jenem Tod bedrohen, dem sie johlend entgegenrasen. Dass diese Horden gerne auf der ganzen Welt so rasen würden, mag sein; dass sie es in Deutschland dürfen, ist ein Skandal.

Nach dem Unfall schrieb ich in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung über die speziell deutschen Bedingungen seiner Möglichkeit und erhielt einige Hundert Zuschriften. Manche berichteten vom ähnlichen Tod ihrer Verwandten; andere, nicht wenige, wussten von grenznah wohnenden Bürgern unserer Nachbarländer, die, wenn der Druck zu groß wird, zum Rasen nach Deutschland kommen; und wieder andere schrieben, dass meine Schwester halt besser Zug gefahren wäre, anstatt eine deutsche Autobahn zu belästigen. Ich zitiere aus vier beispielhaften Zumutungen:

1) "Warum haben Sie – wissend um den Krieg auf deutschen Autobahnen – Ihre unterbezahlte Schwester nicht unterstützt und ihr, als furchtsamer Fahrerin in einem knirschenden Auto, eine Bahnfahrt ermöglicht?"

2) "Ich denke, Ihre Trauer hat Ihr sachliches und logisches Denken beeinträchtigt. Verständlich, aber nerven Sie bitte andere nicht mit Ihren kruden Ausführungen und Ihrer Wut. Ich bin auch gegen Geschwindigkeitsbegrenzungen auf Autobahnen, denn diese sind zum schnellen Vorankommen da, und Zockelei ist gerade bei eintönigen Strecken (Autobahn!) ebenfalls gefährlich bzw. einschläfernd."

Die Raser sind vernarrt in ihre Hirn- und Herzlosigkeit

3) "... bin ich froh, dass Sie keinen Einfluss auf die Art haben, wie wir in Deutschland im Straßenverkehr und auf den Autobahnen unser Verhalten einrichten. Wenn Ihre Schwester sich auf den Straßen unsicher verhält, sollte sie mit solchen Verkehrsmitteln fahren, die andere beherrschen, also Zug oder Bus, oder, wenn sie selbst ein Auto auf der Autobahn fährt, auf der rechten Spur hinter dem Lkw bleiben."

Wissen diese Leute nicht, dass ein Recht auf Autobahnnutzung auch die haben, die für ein Auto keine idiotisch große Summe ausgeben können oder wollen? Dass dieses Recht auch die haben, die selten fahren oder erst kürzlich den Führerschein erwarben und daher ungeübter sein mögen als die Viel- und Dauerfahrer? Wissen diese Leute nicht, dass gefahrvolle Momente im Autobahnverkehr unvermeidlich sind und die Politik dafür zu sorgen hat, dass sie möglichst wenige Leben kosten? Wissen diese Leute nichts vom deutlich höheren Schadstoffausstoß bei Raserei? Und wissen sie nicht, dass man mit ihr oft nur unwesentlich schneller vorankommt, aber wesentlich gefährlicher ist für alle anderen und sich selbst? Nein, sie wissen es nicht. Sie wissen nichts. Sie sind vernarrt in ihre Hirn- und Herzlosigkeit, warum also sollten sie vorm Schreiben ein bisschen nachdenken oder nachlesen?

Die vierte exemplarische Zumutung ist keine Zuschrift, sondern ein Artikel des Chefredakteurs der in Flugzeugen verteilten Tageszeitung Die Welt, Ulf Poschardt. Unter den Freunden des Tempolimits fänden sich diejenigen, die "mit ihren armseligen Kisten schon heute auf der Überholspur auf Einhaltung der Richtgeschwindigkeit dringen, auch um ungeduldigere Menschen auf das eigene, mittelmäßige Tempo einzubremsen". Man könnte soziologisch werden und derlei Beleidigungen Klassenkampf von oben nennen: Da macht sich einer Maul und Finger schmutzig, der sogenannte Mittel- und Kleinwagen samt ihren Fahrern von der Autobahn werfen möchte, auf dass Platz sei für seinesgleichen.

Man könnte aber auch neurologisch werden und sich freuen, dass erwähnte junge dumme deutsche Raser im Porsche-Fahrer Poschardt ein Sprachzentrum gefunden haben: "Je mieser das Auto, umso mieser die Laune. Je unglücklicher die Existenz, umso drängender das Bedürfnis, das zähe eigene Elend zu generalisieren", schimpft er unterm Joch des quälenden Verdachts, nur dank seines tollen Autos ein toller Hecht zu sein und ohne es das nackte zähe Elend. Poschardt: "Die Autofeindlichkeit ist tief in der bürgerlichen Mitte angekommen und führt in Kombination mit der deutschen Neigung, die Mitwelt auf die eigene Mittelmäßigkeit zu normieren, zu einer Verödung der Autobahn, lahmgelegt durch Blechthrombosen, angeführt von selbst ernannten Entschleunigungspropheten". Noch nämlich weiß der junge dumme deutsche Raser nicht, dass Staus nicht von den lahmen Autos kommen, sondern von den vielen.

So ist die Freiheit, die Leute wie Poschardt auf deutschen Autobahnen suchen, nichts als dumpfe Resonanz der Freiheit der deutschen Autoindustrie, unsere Straßen als ihren Testparcours zu missbrauchen. "Erprobt auf deutschen Autobahnen", heißt einer ihrer widerlichen Auslandwerbeslogans, und das Blut, das an diesen Autos klebt, sollte man der Industrie und ihren gestopften Lobbyisten ins Essen tun.

Denn die Verantwortlichen haben Namen und Anschrift, und an ihrer organisatorischen Spitze steht, als Beispiel für seinesgleichen, Matthias Wissmann, der als Verkehrsminister von 1993 bis 1998 die Autoindustrie hofiert hat. Am Tag seines Abschieds aus der Politik ließ er sich von der Straße wegkaufen: Seit Juli 2007 ist Wissmann, der Duzfreund und Vertraute Merkels, Präsident des Verbandes der Automobilindustrie, wo er sich der Einführung eines Tempolimits nun als Lobbyist just so erfolgreich widersetzt wie vordem als Minister. Mit dieser Tätigkeit verdient er gewiss zehn- , vermutlich hundertmal so viel Geld, wie meine kranken- und behindertenpflegende Schwester es tat, bevor sie und ihre 15-jährige Tochter an einer Autobahn starben, auf der es faktisch kein Tempolimit gibt, weil die deutsche Autoindustrie und Matthias Wissmann samt seinesgleichen das nicht wollen.

Eine Mehrheit der Deutschen will es längst. Gegen die in Jahrzehnten gewachsene Komplizenschaft von Geld, Macht und Hooligans, von Industrie, Regierung und ADAC kann sie bislang aber ebenso wenig ausrichten wie verantwortungsvollere Parteien und Politiker. Die wiederholten Vorstöße des CSU-Umweltexperten Josef Göppel; Sigmar Gabriels hilfloser Versuch, das Tempolimit zum SPD-Wahlkampfthema 2013 zu adeln (es wurde ihm von der Parteispitze tags drauf aus der Hand geschlagen); die seit Jahren klaren, wenn auch nicht mehr allzu lauten Forderungen der Grünen und Linken: All das rennt gegen einen Wanst aus frecher Ignoranz und feister Siegesgewissheit, wie ihn auch die Gangster der amerikanischen Waffenlobby vor sich hertragen: "Gebt auf, ihr habt keine Chance."

Die Zeit wird sie entwaffnen. Bis dahin werden dank einer weltweit einzigartigen Brühe aus Lobbyismus und Klientelpolitik weiterhin Menschen gejagt, bedroht, verkrüppelt, getötet, ihrer Liebsten beraubt, und niemand wird dafür zu büßen haben. Die zivilrechtliche und Schmerzensgeldklage der Angehörigen von Lucia und Sofia wurde im März dieses Jahres von der Staatsanwaltschaft Rostock abgewiesen, da die deutsche Richtgeschwindigkeit von 130 km/h keine ist, nach der sich deutsche Autofahrer richten müssen.

Der andere Teil der Zuschriften auf den FAZ-Artikel betonte, dass es so nicht weitergehen könne. Die Zustände auf deutschen Autobahnen seien beängstigend, schrecklich, katastrophal und ihre Aufrechterhaltung sei ein tagtägliches politisches Verbrechen. Die Einführung eines Tempolimits würde es beenden.