Was ist das für eine Figur? Einer, dem der Krieg anscheinend nichts anhaben kann, weil er an allen Fronten seine Alliierten hat. Dem nichts Menschliches fremd ist, weil er die Motive von Freunden, Feinden und Feindesfeinden kennt. Der seelisch allerdings etwas ausleiert wegen dieser Offenheit nach allen Seiten, womöglich zum Zyniker wird (ein starker Trinker ist er schon). Der sich trotzdem schnell verliebt, wenn eine Frau nur genügend Widersprüche verkörpert. Sein Sexappeal ist ein sehr westlicher, speist sich aus der totalen Einsamkeit eines Menschen, der alle versteht und niemandem traut. Sein erster Satz: "Ich bin ein Spion, ein Maulwurf, ein Mann mit zwei Gesichtern."

Diesen zwielichtigen Typen hat der amerikanische Autor Viet Thanh Nguyen erschaffen. Und zwar nach dem historischen Vorbild des vietnamesischen Meisterspions Pham Xuan An. Der Erzähler seines Thrillers Der Sympathisant, ein namenloser Doppelagent, arbeitet während des Vietnamkriegs für die Amerikaner und beschafft dabei den Kommunisten Informationen. Nguyen macht seine Geschichte zum packenden populären Genreroman. Denn der Literaturwissenschaftler und Schriftsteller hat ein politisches Ziel: Die Hegemonie der amerikanischen Kultur über die Erinnerung an eine Katastrophe zu brechen, die überall auf der Welt "Vietnamkrieg" heißt, in Vietnam aber "Amerikanischer Krieg".

Als wir uns treffen, taucht Nguyen ziemlich plötzlich aus dem Feierabendgewusel auf: ein unauffälliger Mann mittlerer Größe, mittleren Alters, weißes Hemd, gerader Blick. Er lotst in den abgelegenen Winkel eines Cafés, in dem er Interviews zu geben pflegt. Nguyen lebt in Los Angeles und unterrichtet an der University of Southern California. Aber die Samtsesselchen, auf die wir uns jetzt setzen, stehen im Café Français an der Place de la Bastille in Paris. Hier lebt er für ein paar Monate und versucht, sich aufs Schreiben zu konzentrieren, was zu Hause in den USA nicht so einfach ist, seit er 2016 den Pulitzer-Preis für Der Sympathisant bekommen hat.

So "great" ist die amerikanische Kultur (zumindest ihr liberaler Teil) nämlich schon: Wenn jemand sie kritisch attackiert, seine Angriffe aber unterhaltsam und geistreich vorbringt, wie Nguyen mit seinem Genreroman, weiß man das zu schätzen. Dann ist der wichtigste Literaturpreis der Nation gerade genug Anerkennung. "Mein Leben hat sich dadurch sehr verändert", sagt Nguyen. Jetzt wollen alle mit ihm sprechen und Artikel von ihm drucken. Und Nguyen, der sich als "public intellectual" versteht, als engagierter Schriftsteller, will die Aufmerksamkeit nutzen, solange sie währt. Nur hatte er deshalb lange keine Zeit für eine Fortsetzung von Der Sympathisant, die er jetzt in Paris schreibt. "Ich will mich nicht beschweren", sagt Nguyen. Er benutzt diese Wendung oft, als fürchte er, lästig zu fallen. Dabei ist er ein bescheidener Mann, der manchmal die Augen niederschlägt und den Kopf schüttelt, als wolle er sagen: "Ich kann nicht glauben, dass ich so viel von mir selbst rede."

Lieber will er wissen, auf was für ein Publikum sein Buch trifft, wenn jetzt die deutsche Übersetzung erscheint, was die Deutschen über den Vietnamkrieg wissen. Ja, was? Vielleicht hören sie noch die 68er "Ho Ho Ho Chi Minh" rufen, sehen die von Napalm verbrannte Phan Thi Kim Phuc verzweifelt die Arme ausbreiten. Und wahrscheinlich haben sie Apocalypse Now von Francis Ford Coppola gesehen. Über den Film ärgert sich Nguyen, seit er ihn als Kind zum ersten Mal gesehen hat: Er sei ein großes Kunstwerk, aber die Vietnamesen stellten darin eben nur die Kulisse dar, vor der die Westler wieder mal ihr finsteres Herz entdeckten.

Es gibt komische Kapitel in Der Sympathisant, in denen der Agent den amerikanischen Regisseur eines Vietnam-Films kennenlernt. Er reist zum Set auf die Philippinen, will da vietnamesische Flüchtlinge in Sprechrollen unterbringen. Es folgt eine großartige Persiflage der Abenteuer, die vom Dreh von Apocalypse Now erzählt werden. Als der Film im Kino läuft, ist unser Held gescheitert. "Du hast ihnen bloß eine Ausrede verschafft", wirft ihm sein bester Freund vor. "Jetzt können die Weißen sagen: Schaut her, wir haben auch ein paar Gelbe mitmachen lassen. Wir hassen sie nicht. Wir lieben sie."

Nguyen gelingt die Kunst, politische Thesen in seinem Roman unterzubringen, ohne den süffigen Ton der Erzählung zu beschädigen. Außerhalb des Romans würde man sie wohl der "postkolonialen Kritik" oder gar "Theorie" zuordnen. Aus den Erlebnissen des fiktiven Doppelagenten folgen sie wie selbstverständlich. In diskursiv disziplinierter Form finden sie sich noch einmal in Nguyens Essayband Nothing Ever Dies. Vietnam and the Memory of War, der fast gleichzeitig mit dem Roman erschien und sich wie ein theoretischer Waschzettel liest. Hollywood bezeichnet Nguyen da als Teil des militärisch-industriellen Komplexes: "Amerika hat den Krieg zwar verloren, aber den Krieg um die Erinnerung daran überall außerhalb Vietnams gewonnen, denn es dominiert das Filmemachen, die Buchveröffentlichungen, die Kunst und die historische Dokumentation." Sein Thriller ist ein Gegenentwurf dazu – bezeichnenderweise in Form dieses sehr amerikanischen Genres, des Agententhrillers.

Dass Nguyens antiimperialistische Haltung auch das Ergebnis einer amerikanischen Bildungsbiografie ist, leugnet er nicht. Nothing Ever Dies beginnt mit dem markigen Satz: "I was born in Vietnam but made in America" – geboren in Vietnam, geprägt in Amerika. Die Geschichte dahinter erzählt er geduldig, wird sie wohl unzählige Male wiederholt haben: Seine Familie floh aus Vietnam vor den Kommunisten, als er vier Jahre alt war: "Wir kamen in ein Flüchtlingslager in Pennsylvania, das man nur durch einen amerikanischen Paten verlassen konnte. Meine Familie wurde auseinandergerissen, meine Eltern bekamen einen anderen Paten als mein Bruder, ich einen dritten. Mit der Erfahrung, meinen Eltern weggenommen zu werden, setzen meine Erinnerungen ein."