DIE ZEIT: Fast alle Protagonisten Ihres neuen Romans sind der Überzeugung, dass die Welt vor zwanzig Jahren ein besserer Ort gewesen sei. Als Leser Ihres ersten Romans Baise-moi, der in ebendiesen neunziger Jahren spielt, haben wir das anders in Erinnerung.

Virginie Despentes: Die meisten Figuren meines neuen Romans sind zwischen 40 und 50, und sie haben alle den Eindruck, dass sich die Dinge in Frankreich rasant geändert haben. Und zwar zum Schlechteren. Die meisten Menschen, die ich in Paris kenne, haben ein gutes Leben, und doch fühlen sie sich depressiv.

ZEIT: Wie erklären Sie sich das?

Despentes: Wir Franzosen haben das Gefühl, eine Menge verloren zu haben in den letzten zwanzig Jahren. Die Geschichte, die wir über unsere Nation erzählen, ist deprimierend. Als Sarkozy Präsident war, erzählte er uns, dass Frankreichs Identität weiß und christlich sei und dass diese Identität bedroht sei. Gleichzeitig mussten wir begreifen, dass wir ökonomisch zu Südeuropa zählen. Das war eine Kränkung, denn wir waren in dem Bewusstsein erzogen worden, ein starkes und wohlhabendes Land zu sein.

ZEIT: Vernon Subutex ist ein politischer Gesellschaftsroman. Dabei geht es aber auch immer um Körper, um schöne Körper. Fasziniert Sie das Charisma der Körper?

Despentes: Danach wurde ich noch nie gefragt, vermutlich weil es in Frankreich selbstverständlich ist, empfänglich für Schönheit zu sein. Ja, die meisten meiner Figuren sind verführerisch.

ZEIT: Sie genießen es, die Bewegungen der Körper beim Tanzen zu beschreiben.

Despentes: Wenn ich die Mädchen aus der Pornoindustrie beschreibe, möchte ich sie nicht nur als Opfer des Systems beschreiben.

ZEIT: Der übliche feministische Standpunkt scheint mir zu sein, dass Sex selber eine Quelle der Gewalt darstellt. Und deshalb sollten wir die Macht von Sex reduzieren. Sie hingegen, obwohl Sie auch eine feministische Agenda haben und eine sehr kämpferische Position gegen eine männliche Vergewaltigungskultur einnehmen, würden doch nie die Magie von Sex missbilligen.

Despentes: Ich gehöre zur Pro-Sex-Fraktion des Feminismus. Ich bin für die Legalisierung der Prostitution, und ich finde, Pornografie sollte als Kinogenre anerkannt werden. Dass Sex außerhalb der Ehe der Frau die Würde nimmt, das sieht die katholische Kirche so, nicht ich. Ich bin mit einigen Pornostars eng befreundet und bin überzeugt, dass das Hauptproblem, mit dem sie konfrontiert sind, nicht der Job selbst ist – sie sagen, sie performen mit Vergnügen, und das glaube ich ihnen. Nein, das wirkliche Problem ist, dass sich die anderen beschämt fühlen von dem, was sie tun.

ZEIT: Sie selber haben eine Zeit lang als Pornofilmkritikerin gearbeitet.

Despentes: Und der erste Film, den ich gemacht habe, war Baise-moi mit sehr expliziten Sexszenen und mit Gewalt.