Sigmar Gabriel (SPD) hat recht. "Völlig normal" sei es gewesen, sagte der Außenminister, dass der Ministerpräsident Niedersachsens eine Regierungserklärung zum Thema VW vorab dem Cheflobbyisten des Konzerns vorgelegt hatte. Keinem Unbekannten übrigens; Thomas Steg war zuvor SPD-Politiker. Ist er ja auch immer noch, irgendwie.

Völlig normal auch, dass sich Autolobbyisten wie Eckart von Klaeden oder Matthias Wissmann in die Verkehrspolitik einmischen. Sie waren selbst mal CDU-Minister und haben die Telefonnummern ihrer politischen Freunde gewiss nicht aus ihren Smartphones gelöscht: Daraus besteht ihr Kapital.

Normal ist es ohnehin, dass Vertreter der Pharma- und Chemieindustrie, der Energiekonzerne und Banken an Gesetzentwürfen mitschreiben. Sind ja schließlich Experten. Nur manchmal gehen die Akteure etwas zu weit. Etwa der neue Medienminister der schwarz-gelben Regierung in Nordrhein-Westfalen, der kein Problem darin sieht, dass er an bedeutenden Medien seiner Region beteiligt ist – das ist schon kühn. Aber sonst? Alles normal.

So ging auch die Begründung, die aus der niedersächsischen Staatskanzlei verlautete: Das Land Niedersachsen sei schließlich Großaktionär von VW und der Ministerpräsident dort Aufsichtsrat. Da spricht man sich doch ab, bevor man spricht? Ist so was von normal im staatsmotorisierten Kapitalismus.

Wenn aber Sigmar Gabriel recht hat, dann hatten die Linken der sechziger und siebziger Jahre ebenfalls recht, die vom "staatsmonopolistischen Kapitalismus" sprachen, kurz Stamokap.

Der Begriff fand sich damals in allen kommunistischen Parteiprogrammen Moskauer Geschmacksrichtung. In der SPD existierte sogar eine "Stamokap-Strömung", der beispielsweise ein gewisser Olaf Scholz angehörte; lustigerweise war ihre stärkste Bastion der "Hannoveraner Kreis".

Zugrunde lag eine Theorie, die sich bis auf Lenin, aber auch auf sozialdemokratische Ökonomen zurückführen ließ. Ihr zufolge bilden sich marktbeherrschende Konzerne heraus (etwas ungenau "Monopole" genannt), die aufgrund ihrer Macht der Gesellschaft zusätzlichen Tribut auferlegen können. Fetten Extraprofit. Und zwar mithilfe des Staates, mit dem sie geradezu verschmelzen.

Für den durchschnittlichen Zeitungsleser war das eigentlich schon immer klar. Die Stamokap-Theoretiker drückten sich nur etwas umständlicher aus. Als skandalös galten freilich die Schlüsse, die sie daraus zogen.

Erstens: Der Stamokap sei de facto schon eine Art Vergesellschaftung der Produktionsmittel mitsamt zentraler Planung, denn nur durch staatliche Lenkung ließen sich Wirtschaftskrisen bewältigen. Für die Lehre vom Stamokap ist dieser Filz aus Staat und Kapital nicht etwa ein Missstand oder eine Fehlentwicklung, sondern das zwangsläufige Phänomen des letzten Stadiums des Kapitalismus, dem nur noch der Sozialismus nachfolgen kann. Was die Verfechter der Stamokap-These in ihrem historischen Fatalismus für einen optimistischen Ausblick hielten.

Zweitens ließe sich, so wollte es die Theorie, gegen diese "Macht der Monopole" ein maximal breit angelegtes Bündnis fast aller Gesellschaftsschichten mobilisieren, also nicht bloß die Arbeiterklasse (die ja machtpolitisch immer unattraktiver wurde). "Breites Bündnis" hieß nach damaligem Verständnis politisch: Kommunisten und Sozialdemokraten Seit’ an Seit’. Da ging in der SPD-Zentrale natürlich die rote Lampe an.

Das Problem erledigte sich später durch Wegfall der Kommunisten von selbst. Der Stamokap indes ist geblieben. Einschließlich der dazugehörigen Sozialdemokraten.

Doch unbelastet von marxistischer Theorie dürfen wir sagen: Was normal ist, muss deswegen noch lange nicht unausweichlich oder gar richtig sein. Im Rechtsstaat wird das Regierungshandeln am Grundgesetz gemessen, und wenn dieses auch die Interessenverbände schützt, die Lobbys durchaus eingeschlossen, so ist Stamokap in ihm doch nicht vorgesehen.

In Artikel 20 heißt es: "Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus." Und nicht teils vom Volke, teils von Volkswagen. Sollte Aktienbesitz dem entgegenstehen, dann rät der liberale Stamokap-Kritiker: Weg damit!