Die Parteien kümmern sich vor allem um die alten Wähler. Das ist nur konsequent – aber ein Problem für die Demokratie.

Auf dieses seltsame Schauspiel unserer Zeit wird man später einmal mit Befremden und Staunen blicken: Eine Gesellschaft verehrt hemmungslos die Jugend. Mode, Musik, Kunst, Sprache, Werte, das alles richtet sich nach den Lebensvorstellungen junger Menschen. Schon das 20. Jahrhundert galt Historikern mit seinen vielfältigen Bewegungen  und Pop-Phänomenen als Jahrhundert der Jugend. Heute ist alles noch extremer: In den Drogerien stapeln sich die Anti-Aging-Cremes, und die Chefs der weltgrößten Unternehmen präsentieren ihre Jahresbilanzen in Outfits, die sich auch für eine Backpacker-Reise durch Südostasien eignen würden.

Seltsamer als dieser Jugendkult ist vielleicht nur das: Die Jugend wird zwar wie ein Gott verehrt, ist aber alles andere als göttlich – sondern völlig machtlos. Ein Toyboy der Alten, die politisch sagen, wo es langgeht. Kulturell mag also eine permanente Pubertät dominant sein; politisch herrscht die Gerontokratie. So lautet das immer gleiche Endergebnis demokratischer Wahlen in der westlichen Welt. Es sind die Alten, die England aus der EU gekegelt haben, es sind die Alten, die Trump in den Sattel gehoben haben, es sind die Alten, die an Merkels Unsterblichkeit werkeln.

Die Alten herrschen, indem sie nichts weiter tun, als zur Wahl zu gehen und für ihre Belange zu stimmen. Bei der letzten Bundestagswahl entschieden sich Wähler ab 60 Jahren zu 50 Prozent für die CDU/CSU. Sie durften sich im vergangenen Jahr über eine kräftige Rentenerhöhung freuen, nicht zum ersten Mal im Vorfeld einer Bundestagswahl.

Wie stets schert sich die Union auch in diesem Wahlkampf nicht um die Interessen der Jugend. Maximal inhaltsfrei wirbt sie mit dem Slogan: "Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben". Noch klarer wanzt sich die SPD derzeit an alte Wähler heran. Wer auf ihre Webseite geht, wird von einem knutschenden Rentnerpärchen empfangen – und dem Slogan: "Klare Kante bei der Rente".

Die Volksparteien haben die Jugend abgeschrieben. Sonst würden sie stärker über Themen reden, die für die Jugend besonders relevant sind. Weil sie sie heute schon betreffen – oder ihre Zukunft maßgeblich beeinflussen werden. Der Klimawandel. Bildung. Migration und Integration.

So, wie es die Grünen manchmal tun. In diesem Wahlkampf verschreiben sie sich einer elektromobilen Zukunft: "Sauber Autofahren ab 2030". Das dürfte bei Alten, die sich nicht sicher sein können, ob sie da noch leben, und die ein bisschen mehr Feinstaub in der Lunge auch nicht mehr kratzt, wenig Beifall finden. Bei der letzten Bundestagswahl wählten gerade mal vier Prozent der Generation 60 plus grün.

Nun heißt es oft, die Jungen seien selbst schuld. Sie gingen schließlich nicht wählen. Und tatsächlich steigt die Wahlbeteiligung in Deutschland mit zunehmendem Alter. In der Gruppe der 60- bis 70-Jährigen lag 2013 die Wahlbeteiligung mit 80 Prozent am höchsten; bei den 21- bis 25-Jährigen war sie mit 60 Prozent am niedrigsten.

Doch selbst wenn die Jungen in Scharen zur Wahl gingen, würde sich nur wenig an den Ergebnissen ändern. Weil die Bevölkerung zunehmend altert, fallen die Stimmen der jungen Wähler von Jahr zu Jahr geringer ins Gewicht.

Bei der Bundestagswahl 2009 war die Hälfte der Wahlberechtigten älter als 50 Jahre – insgesamt 31 Millionen. Ihnen standen sechs Millionen Wahlberechtigte bis 25 Jahre gegenüber. Bei der letzten Bundestagswahl, 2013, hat sich dieses Verhältnis noch weiter zu Ungunsten der Jungen entwickelt: Auf nun 32 Millionen Wahlberechtigte über 50 kamen nur noch 5,4 Millionen Jungwähler. Konkret: Auf einen Jungen kommen sechs Alte.

Verschärft wird diese Problematik, weil die Wahlbeteiligung unter Jungen proportional stärker sinkt als bei Alten. Bei der Bundestagswahl 1983 lagen die jüngsten und ältesten Wählergruppen bei der Wahlbeteiligung mit 83 und 84 Prozent nahezu gleich auf. 2013 betrug diese hingegen bei den Jüngsten nur 64 Prozent, während die Alten noch zu 75 Prozent ihre Stimmen abgaben.

Der demografische Wandel führt in einen Teufelskreis

Der demografische Wandel führt in einen Teufelskreis, der die Jugend systematisch von der parlamentarischen Demokratie entkoppelt: Weil junge Wähler keinen relevanten Stimmenblock mehr bilden, lassen die Parteien sie links liegen. (Die Aussage "Politiker kümmern sich nicht darum, was Leute wie ich denken" bejahten in der letzten Shell-Jugendstudie 69 Prozent der Jugendlichen zwischen 15 und 25.) Die Jugend, gelangweilt von einem Polit-Apparat, der sich nicht für sie interessiert, geht erst recht nicht mehr zu Wahl. Wen wundert es da, dass die Parteien die Jungen missachten? Es scheint sich schlicht nicht zu lohnen, die Jugend anzusprechen – was ist da schon zu holen?

Dürfen Jugendliche früher wählen, wächst ihr politisches Interesse

Der Trugschluss ist gefährlich. Schon die letzte Shell-Jugendstudie belegte, dass das allgemeine politische Interesse der jungen Leute wieder wächst. Damit bieten sich Wege, junge Wähler auch für die repräsentative Demokratie zurückzugewinnen.

Das bestätigt auch eine groß angelegte Studie, die zurzeit von Politologen der Universitäten in Mainz, Frankfurt am Main und Osnabrück durchgeführt und ausgewertet wird. Im Nachgang zur diesjährigen Landtagswahl in Schleswig-Holstein, bei der erstmals auch 16-Jährige wählen konnten, haben die Wissenschaftler Thorsten Faas, Arndt Leininger, Sigrid Roßteutscher und Armin Schäfer rund 3900 junge Menschen zwischen 15 und 18 Jahren über ihre politischen Ansichten befragt. Methodisch ist es die erste große Erhebung, die über amtliche Statistiken hinaus zahlreiche Indikatoren rund um Wahlen und Demokratie für junge Menschen liefert.

Die Studie wird auch die kommende Bundestagswahl umfassen und anschließend die Kommunalwahlen in Schleswig-Holstein 2018, bei denen dann anders als jetzt im September wieder ab 16 gewählt werden darf. Die Wissenschaftler erhoffen sich dadurch Aufschluss darüber, wie sich das Wahlalter auf den gesamten demokratischen Prozess auswirkt.

Das Zwischenergebnis der Studie, das der ZEIT exklusiv vorliegt, zeigt nun: Diejenigen, die mit 16 Jahren wahlberechtigt sind, sind politisch überdurchschnittlich gut informiert. Sie fühlen sich von den Wahlen mehr angesprochen als die nicht wahlberechtigten 15-Jährigen in derselben Klasse, aber auch besser als die 18- bis 19-Jährigen. Die bloße Tatsache, wahlberechtigt zu sein, verändert also bereits das politische Bewusstsein.

"Wer meint, Jugendliche sollten nicht wählen, weil sie sich nicht interessieren, der vergisst, dass es ja auch andersherum sein könnte: Könnten sie wählen, würden sie sich auch mehr interessieren", sagt Thorsten Faas über das Ergebnis der Studie. Anders gesagt: Kommt die Politik den Jugendlichen entgegen, gehen auch die Jugendlichen auf die Politik zu.

Weiter noch geht eine Idee, für die der Sozialwissenschaftler Klaus Hurrelmann wirbt: Parteien sollten sich eine Jugendquote verordnen. Wenn mindestens 20 Prozent ihrer Abgeordneten und Funktionäre unter 30 Jahre alt sein müssten, würden die Interessen der jungen Generation politisch besser abgebildet, und junge Leute hätten einen Grund, zur Wahl zu gehen.

Jugendliche ernsthaft in den demokratischen Prozess einzubinden braucht eine weitreichende Bildungsoffensive. Denn die niedrigste Wahlbeteiligung überhaupt wird regelmäßig unter Jugendlichen gemessen, die von Haus aus keinen oder nur einen geringen Zugang zur Bildung haben. Ein Befund, mit dem man sogar für ein Wahlalter ab 15 Jahren plädieren könnte. Dann verliefe auch der allererste Wahlgang derjenigen, die mit einem Hauptschulabschluss nach der neunten Klasse abgehen, im schulischen Kontext.

Die Generation Merkel abzuschreiben stärkt den Populismus

Mit der Jugend und ihren Belangen gewinnt man keine Wahl. Aber Wähler für die Demokratie! "Wenn man frühzeitig lernt, dass Wählen wichtig ist, ergeben sich daraus langfristig positive Effekte auf die Wahlbeteiligung", betonen die Politikwissenschaftler der schleswig-holsteinischen Jugendstudie. Und noch aus einem weiteren Grund sind die Jungwähler das Lebenselixier der Demokratie. Quantitativ mögen sie unbedeutend sein; qualitativ jedoch stärkt jeder verloren gegebene Jungwähler die These der antidemokratischen Rechten, dass die parlamentarische Demokratie schon lange kein Abbild der Gesellschaft mehr sei. Populistische Parteien zehren besonders von Nichtwählern. Wächst diese Gruppe, wächst auch das populistische Potenzial.

Die Generation Merkel politisch abzuschreiben bedeutet, die Zukunft der demokratischen Parteien zu unterminieren. Oder anders gesagt:

Die Parteien leben derzeit von Voraussetzungen, die sie immer weniger zu garantieren helfen.

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