Wem gehört das Abendland? Mein Abendland, dein Abendland, unser Abendland? Wer darf über unsere christlichen Werte sprechen, wer entscheiden, wie sie definiert werden? Das Abendland ist schon lange eine Lieblingsvokabel der Rechten, ein Kampfbegriff von hoher Attraktivität und großer Ausstrahlung. Die christlich-abendländische Leitkultur, wie die AfD sie handhaben und verstanden wissen möchte, ist ein antihumanistisches Dominanzprinzip, ein Ausschlussverfahren. Sie wird als ein gut klingendes Vehikel missbraucht, um nationalistische Politik zu legitimieren, die ausschließlich für jene da sein will, die deutsche Wurzeln haben, einem traditionellen Familienbild folgen und die Idee eines geeinten Europas ablehnen.

Eine Debatte darum, was wir eigentlich mit Leitkultur meinen, hat noch gar nicht richtig begonnen, dabei liegt der Beginn der sogenannten Flüchtlingskrise schon zwei Jahre zurück. Aber die Münsteraner Sozialethikerin Marianne Heimbach-Steins hat in der vergangenen Woche wenigstens versucht, eine Debatte anzuzetteln. Sie warf der AfD vor, die christlichen Kirchen für sich zu vereinnahmen. Die Partei instrumentalisiere das Christentum "für eine Ideologie der nationalen Abgrenzung gegen das Feindbild Islam", sagte Heimbach-Steins auf einer Veranstaltung in Salzburg. Die Idee einer "christlichen Leitkultur" diene der "kollektiven Identitätsbehauptung" mit dem Ziel, "gesellschaftliche Heterogenität" durch "behauptete Homogenität" zu ersetzen. Das sei jedoch nicht christlich, sondern national, also deutsch.

Man muss vielleicht das Abendland gegen seine selbst ernannten Verteidiger verteidigen. Pegida hat das Wort als Kampfbegriff zuerst auf die Straße gebracht, ausgerechnet im atheistischen Osten Deutschlands, und die AfD hat ihn hernach gekapert und in die Länderparlamente getragen. Bis heute schlägt die Partei, die eigentlich einmal entstanden war, um den Euro wahlweise zu retten oder abzuschaffen, aus der Angst vor Fremden und anderen und dem prophezeiten Untergang des Abendlandes ihr größtes politisches Kapital. Bis weit in die Mitte der Gesellschaft hinein reicht nun im Osten wie im Westen ihre Wählerschaft. Eine gesamtgesellschaftliche Diskussion über den Abendlandsbegriff hat es aber seither nicht gegeben, nur ein Wabern. Immerhin kommentierte der Leiter des Katholischen Büros in Berlin, Prälat Karl Jüsten, kürzlich in einem Interview: Das Menschenbild der AfD sei nicht mit einem christlichen Verständnis vereinbar. Die Kirche gehe von der Würde aller Menschen aus, egal aus welchem Land sie stammten.

Rechtsextremismus - Verunsicherte Arbeiter wählen eher AfD Die konkrete Situation am Arbeitsplatz kann Menschen laut einer Studie für Rechtspopulismus empfänglich machen. Das Einkommen soll dabei keine große Rolle spielen. © Foto: Reuters TV

Die Bundeskanzlerin selbst hat im Jahr 2015 mäandernde Sätze zur Abendlandsfrage vorgetragen. Auf einem Podium in der Schweiz sagte sie: "Wenn Sie mal Aufsätze in Deutschland schreiben lassen, was Pfingsten bedeutet, dann würde ich mal sagen, ist es mit der Kenntnis über das christliche Abendland nicht so weit her. Und sich dann anschließend zu beklagen, dass Muslime sich im Koran besser auskennen, das finde ich irgendwie komisch. Und vielleicht kann uns diese Debatte auch mal wieder dazu führen, dass wir uns mit unseren eigenen Wurzeln befassen und ein bisschen mehr Kenntnis darüber haben. Ich finde diese Debatte sehr defensiv." Wirklich offensiv ist jene Diskussion seither nicht geführt worden.

Wer weiß, was das Abendland ist? Tun das nur jene – wie Merkel sagte –, die Weihnachten zum Gottesdienst gehen und auch Kenntnis darüber haben, was Pfingsten passiert ist? Ist das wiederum nicht selbst im Kern hoffnungslos defensiv? Und auch: Wie bunt, wie heterogen sind eigentlich diese Kirchen selbst? Noch wirken sie oft viel zu sehr wie ein deutscher Kulturverein. Polemisch gesagt: Sind nicht viele kirchliche Gremien und christliche Gemeinden genau jene homogenen, ziemlich einheitlich deutsch, wenig bunt oder migrantisch besetzten Räume, von denen die AfD fürchtet, sie könnten bald verschwinden? Noch polemischer formuliert: Schaut man sich die Kirchen als politischen und gesellschaftlichen Gesamtkörper an, dann hat die AfD leider recht. Das Abendland, wie wir Demokraten es in den vergangenen Jahrzehnten interpretiert und gelebt haben, war zuallererst nur für uns selbst zuständig. Plus Spenden für Brot für die Welt. Plus Soziales Jahr mit Aktion Sühnezeichen.

Es braucht Taten mehr denn gute Worte. Das ist viel leichter gesagt als getan. Aber Vielheit, Buntheit und Heterogenität sind mehr als ein papiernes Konzept, eine Idee aus dem Kopf oder ein nettes Statement auf einem Podium. Vielheit und Buntheit und Heterogenität müssen gelebte Praxis werden, überall und immer. Sie müssen auch uns, die wir nicht für AfD-Gedanken empfänglich zu sein glauben, in Fleisch und Blut übergehen. Noch aber sind wir, die Gesellschaft wie auch die Kirchen, weit davon entfernt.

Prinzipiell steht zu befürchten, dass politische Debatten mit Denkverboten und dem Versuch, Hoheitsgebiete abzustecken, nicht zu gewinnen sind. Die AfD, wie alle anderen europäischen Rechtspopulisten übrigens auch, kämpft an zwei Fronten: einerseits gegen Fremde, andererseits gegen die sogenannten Eliten, also gegen Menschen wie die Wissenschaftlerin Marianne Steinbach-Heims selbst, die anderen von Podien aus vorschreiben wollen, was sie zu denken und zu empfinden haben. Auch der Widerstand gegen dieses Phänomen war und ist ein Grund für den Erfolg der AfD.

Unserer demokratischen Streit- und letztlich Überzeugungskultur sind hier enge Grenzen aufgezeigt worden. Man kann das nicht einfach ignorieren und weitermachen wie bisher. Die Gefahr, in ein Nichts hinein zu reden und die AfD und andere Rechtspopulisten dadurch sogar zu stärken, ist einfach zu groß.

Es verhält sich genau umgekehrt: Nicht die AfD, wie die Sozialethikerin Steinbach-Heims beklagt, vereinnahmt die christliche Leitkultur. Es ist an uns, diesen Begriff neu zu besetzen und anders als bisher zu leben. Dann lässt auch die AfD ganz von selbst davon ab.