DIE ZEIT: Herr Bischof, wann haben Sie zum letzten Mal Ihre Meinung geändert?

Wolfgang Huber: (lacht) Eine relevante Meinung?

ZEIT: Ja, bitte.

Huber: (überlegt lange) Hmm, das ist nicht leicht.

ZEIT: Sie haben selber empfohlen, jeder möge sich diese Frage einmal im Monat stellen.

Huber: Ja, das könnte helfen gegen die zunehmende Polarisierung unserer Gesellschaft. Ich glaube, wir erleben eine neue Subkultur der Selbstgerechtigkeit: Man schließt sich im Kokon der eigenen Überzeugungen ein, bleibt unter Gleichgesinnten und pflegt seine Vorurteile. Man vermutet die richtige Erkenntnis nur noch bei sich selbst und den Irrtum immer beim anderen. Diese Selbstgerechtigkeit tötet den öffentlichen Diskurs. Wer heute über Populisten schimpft, muss sich fragen, ob er selber eigentlich noch für andere Positionen erreichbar ist.

ZEIT: Sind Sie es?

Huber: Hoffentlich. Geändert habe ich in diesem Jahr meine Meinung, dass der Asylartikel des Grundgesetzes es uns Deutschen unmöglich mache, Länderkontingente zur Verteilung von Flüchtlingen zu benennen. Es ist aber möglich. In Wahrheit praktizieren wir in der Regel kein Asylrecht nach Artikel 16 Grundgesetz, sondern Flüchtlingsrecht nach der Genfer Konvention. Früher war ich überzeugt, dass jeder, der sich in Deutschland um Asyl bewirbt, auch einen Anspruch auf ein entsprechendes Verfahren habe. Eine Begrenzung dürfe es daher nicht geben. Jetzt denke ich, wir müssen auch darauf achten, dass unser Land nicht überfordert wird – damit wir auch in Zukunft handlungsfähig sind.

ZEIT: Sie fordern eine Obergrenze für Flüchtlinge?

Huber: Nein! Eine generelle Grenze wäre inhuman. Wenn Menschen im Mittelmeer ertrinken, kann ich nicht sagen: Lass sie ertrinken, weil sie jenseits der Obergrenze sind. Aber wir sollten die anderen europäischen Länder in die Pflicht nehmen. Und es sollte keine Garantie für Flüchtlinge von überallher geben, in Deutschland politisches Asyl zu beantragen und daraufhin ein garantiertes Bleiberecht für das ganze Verfahren zu bekommen.

ZEIT: Warum waren Sie vorher anderer Meinung?

Huber: Weil ich an dem Verfassungsgrundsatz hänge: "Politisch Verfolgte genießen Asylrecht." Da geht es nicht um Zahlen, sondern ums Prinzip. Dennoch sollten wir endlich aufhören, alle Flüchtlinge durch das deutsche Asylverfahren zu schleusen. Wer aus einem Bürgerkrieg flieht, ist kein Asylbewerber, sondern genießt in der EU Gott sei Dank subsidiären Schutz.

ZEIT: Seine Schutzwürdigkeit muss also nicht eigens bewiesen werden?

Huber: Genau, dafür ist sie fast immer befristet. Anders bei den Wirtschaftsmigranten. Ihre Hoffnung auf eine bessere Zukunft ist zwar legitim, aber ebenso legitim sind die Interessen des aufnehmenden Landes. Für diese Menschen brauchen wir dringend ein Einwanderungsgesetz.

ZEIT: Jene Flüchtlinge, die nun seit Jahren in akuter Lebensgefahr schweben, zum Beispiel Verfolgte des IS in Syrien oder im Irak, haben nahezu keine Chance, auf legalem Weg nach Deutschland zu kommen. Es gibt keine Visa. Wer auf illegalem Weg kommt, etwa übers Mittelmeer, hat bessere Chancen – falls er überlebt.

Huber: Menschen, die unter religiöser Verfolgung leiden, sollen unser Land erreichen können! Aber wir müssen die Fluchtgründe unterscheiden, statt alle Flüchtlinge über einen Kamm zu scheren. Will Deutschland humanitär handlungsfähig bleiben, muss es den Gleichheitsgrundsatz beachten, der auch beinhaltet: Ungleiches ungleich zu behandeln.