Als ich drei war, traten meine Eltern den Zeugen Jehovas bei. Die Zeugen Jehovas sind eine christliche Gemeinschaft, sie glauben daran, dass die Apokalypse kurz bevorsteht. Ich habe das lange Zeit auch geglaubt, ich bin bei den Zeugen groß geworden, bis ich mich entschloss, auszutreten.

Die Zeugen bieten dir Heilsversprechen an, sie sagen, du kommst in den Himmel, dafür fordern sie Gehorsam. Als Zeuge unterlag ich strengen Pflichten. Mit anderen Menschen, den sogenannten "Weltlichen", durfte ich nur wenig Kontakt haben. In der Schule durfte ich meinen Mitschülern nicht zum Geburtstag gratulieren. Ich durfte mich nicht mit ihnen verabreden. Ich durfte keine Partys besuchen, keine Filme schauen außer denen, die meine Eltern geeignet fanden, und mich nicht kleiden, wie ich wollte. Meine Mitschüler durften all das. Ich war neidisch auf sie und fühlte mich ziemlich ausgegrenzt.

Bei den Zeugen musste ich sogenannte Dienste erledigen. Das ist das, was jeder kennt: Ich zog von Haustür zu Haustür, klingelte und versuchte die Leute zu bekehren. Ich fand das wahnsinnig peinlich. Die Leute sind an sich schon blöd zu dir und knallen dir die Tür vor der Nase zu. Aber ich musste auch noch in Vierteln Dienst tun, wo meine Mitschüler wohnten. Einmal öffnete ein Junge aus meiner Klasse die Tür, da bin ich weggelaufen. Ich habe mich geschämt, ein Zeuge zu sein.

Als ich 15 war, hatte ich einen Freund. Und ich habe geraucht. Beides Dinge, die du besser nicht tust, wenn du bei den Zeugen bist. Als meine Eltern davon erfuhren, musste ich "bereuen". Das heißt: Ich musste vor einem Gremium von älteren Männern stehen – Frauen dürfen bei den Zeugen keine höheren Aufgaben erfüllen – und meinem Freund und dem weltlichen Leben entsagen. Schon während ich das tat, dachte ich: Das war es jetzt. Dann bin ich ausgetreten. Einfach so. Das war natürlich eine Schande für meine Eltern. Ich zog zu Pflegeeltern. Mittlerweile studiere ich und habe ein eigenes Leben. Das in der Sekte hätte mich irgendwann zerstört.

Meine Familie habe ich seither nie mehr gesehen. Manchmal schreibe ich Briefe oder rufe an. Aber sie nehmen nicht ab. Ihnen ist der Kontakt mit mir verboten, weil ich jetzt einer der "anderen" bin. Ich denke oft an sie, ich vermisse sie schrecklich. Es gibt so viele Momente, in denen ich sie gebraucht hätte, ihre Hilfe, ihren Rat. Ein paar Mal bin ich noch an ihrem Haus vorbeigefahren. Sie waren nie zu sehen.

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