Blasen sind böse. Da sind sich eigentlich alle einig. Blasen sind schädlich. Selbst der Justizminister hat jetzt den Kampf gegen sie aufgenommen. Filterblasen, warnte Heiko Maas in einer Grundsatzrede, würden dazu führen, "dass wir oftmals nur noch auf Positionen treffen, die uns in der eigenen Meinung bestärken". Sie würden, beklagte der Minister, abweichende Meinungen ausblenden, "damit sich der Nutzer in seiner eitlen Selbstbespiegelung und Selbstbejahung sogar noch sonnen kann".

Gefangen in der Filterblase, titeln Zeitungen. Oder gleich: Raus aus der Filterblase. Kaum eine andere Theorie ist derzeit so populär wie die von der filter bubble: Menschen bekommen von den Algorithmen der sozialen Netzwerke nur noch Nachrichten vorgesetzt, die ihr Weltbild bestätigen, wodurch sich die Gesellschaft polarisiert. Die Blasen, fordern Politiker und Medien, müssen wir platzen lassen und endlich wieder miteinander reden.

Und das ist schon ein bisschen erstaunlich, weil man eigentlich nur fünf Minuten im Internet verbringen muss, um zu sehen, dass mit dieser These etwas grundsätzlich nicht stimmt. Besuchen Sie mal eine beliebige Nachrichtenseite, beispielsweise das linksliberale ZEIT ONLINE. Klicken Sie auf den erstbesten Politik-Artikel (Thema ist wahrscheinlich Trump). Lesen Sie die ersten drei Leser-Kommentare. Und? Haben Sie den Eindruck, dass da nur linksliberale Akademiker sich selbst bejahen? Anderes Experiment: Haben Sie schon mal Euro-Rettung oder Flüchtlinge gegoogelt? Ja? Und stimmten Sie wirklich allem zu, was Sie fanden? Oder auch nur der Hälfte?

Der amerikanische Politaktivist Eli Pariser hat die These vor sechs Jahren mit seinem Bestseller Filter Bubble in die Welt gebracht. Sie passte zum Zeitgeist der polarisierten und Social-Media-verrückten Vereinigten Staaten; und sie verfing in Deutschland, wo der Aufstieg sozialer Netzwerke zufällig mit dem Aufstieg einer rechten Partei zusammenfiel. Seitdem gilt als gesichert: Die AfD ist in einer Filterblase groß geworden.

Wie kein anderes buzzword zeigt die filter bubble: Die Diskussion über die Macht der Daten hat ein Esoterik-Problem: Man weiß ja nicht genau, was dieses Internet so alles anrichtet, also darf man ruhig alles glauben, was es so anrichten könnte.

Die Filterblase (jetzt auch im neuen Duden!) war nur der Anfang. Hatten Social Bots den Brexit herbeigeführt? Machte gezielte Online-Werbung Trump zum Präsidenten? Oder waren es gar Fake-News?

Klar, Algorithmen personalisieren unsere Facebook-Meldungen und unsere Google-Nachrichtenseite. Doch die Anhänger der filter bubble-These blenden einfach aus, dass das Internet das Spektrum an sozialen Kontakten und politischen Meinungen in nie da gewesener Weise erweitert hat. 2011 berechneten Ökonomen der University of Chicago die Wahrscheinlichkeiten, dass sich in den USA zwei Menschen mit gegensätzlichen politischen Meinungen an bestimmten Orten treffen. Unter Freunden betrug sie 35 Prozent. In der Familie etwas mehr. Unter Nachbarn 40 Prozent, unter Arbeitskollegen 42 Prozent. Und auf Nachrichtenseiten? Ganze 45 Prozent.

Nun mag man einwenden, dass das ein paar Jahre her ist, Facebooks Newsfeed mächtiger wurde und politisch extreme Nachrichtenseiten womöglich zahlreicher. Gegen eine weitere Studie kann man ins Feld führen, dass sie von Facebook finanziert wurde. Ihre Resultate sind aber beachtenswert: Gerade durch soziale Netzwerke erhöht sich die Chance, auf andere politische Meinungen zu treffen. Man hat online einfach mehr Freunde als offline, und etwa 20 Prozent haben eine andere Parteiaffinität als man selbst. Den amerikanischen Elitesoldaten, den ich vor Jahren mal traf, hätte ich längst wieder aus den Augen verloren. Auf Facebook lese ich seine Meinungen noch heute.

Kein Wunder also, dass Wissenschaftler der Universität Amsterdam 2016 in einer Überblicksstudie zu dem Schluss kommen, "dass es derzeit nur wenige empirische Belege gibt, die Sorgen um Filterblasen rechtfertigen".

Letztlich mögen Leser Berichte über Politiker, die sie ablehnen. Sei es aus Informationsinteresse (edler Antrieb), sei es zur Unterhaltung (niedrige Beweggründe, aber immerhin), sei es, um sich aufzuregen (auch gut). Kürzlich untersuchte der Tagesspiegel, welche Parteien auf Twitter welche Medien verlinken – mit überraschendem Resultat. Zwar verwies die Linke vorzugsweise auf das Neue Deutschland und die AfD auf die Junge Freiheit. Aber selbst die AfD leitete ihre Leser auf ein breites Spektrum an Medien – bis hin zur taz. Und sogar die Linke verlinkte Bild-Artikel.

Trotzdem höre ich sozialdemokratische Freunde klagen, sie seien in einer Filterblase gefangen – obwohl sie das Parteiprogramm der AfD ("irre!") besser kennen als das der SPD ("nie gelesen"). Vielleicht kommt mir das auch deshalb immer etwas schräg vor, weil ich in der Schweiz aufgewachsen bin – und erlebt habe, wie alle das Gleiche sehen und dennoch völlig anderer Meinung sein können.