Die Ränder der Käsescheibe auf dem liegen gelassenen letzten Brötchenbissen wölben sich schon, im Kaffeebecher schwappt nur noch ein kalter Schluck. Die angekrampften Waden sind gelockert, der müde Kopf ist durchgelüftet. Ein Schlenker zu den Toiletten, auf dem Rückweg schon mit dem Autoschlüssel geklimpert, dann hole ich mir ein frisches Getränk und suche einen neuen Platz. Ich sitze ja noch keine zwei Stunden in der Autobahnraststätte Linumer Bruch, meine Pause hat gerade erst angefangen.

Heute morgen bin ich losgefahren, einfach los, von Berlin vage nach Westen. Eine Reise des Rastens soll es werden, hin zu den Orten, von denen die meisten Menschen nicht schnell genug wieder wegkommen können. Eine Expedition an die Stellen, an denen Reisende und Rollende kurz die Pausetaste drücken. Linumer Bruch ist die erste Rausfahr-Chance auf der A 24 in Richtung Hamburg, der Name klingt zugleich nach wildromantischer Waldlichtung und komplizierter Fraktur, das gefällt mir. Es ist wenig los, drinnen stehen mintgrüne Stühle und leere braune Clubsessel aneinandergedrängt wie schüchterne Schafe, draußen sitzen zwei Familien und essen Grillwürste. Ich setze mich mit meiner Orangenlimo an den Nebentisch. Sehr durchschnittlich hier, wie schön.

Ich will nicht zur den prominenten Raststätten reisen, zu den besten und schlechtesten der alljährlichen Rankings oder zu jenen mit besonderen architektonischen Ambitionen, denn am besten ruht man sich im Schoß der Erwartbarkeit aus, dort, wo es keine Ablenkungen und Aufregungen gibt.

Nach der Limo steige ich wieder ins Auto, rege mich über ein neues weinerliches Lied von einem dieser Säusler im Radio auf (Bendzko? Giesinger? Poisel?), trinke einen Kaffee in Walsleben und esse einen Riegel Pfefferminzschokolade in Prignitz. Meine peinlich blindfleckigen Deutschlandkenntnisse helfen mir dabei, mich zu verlieren. Schon nach wenigen Pausen habe ich keine Ahnung mehr, wo ich bin.

Autobahnraststätten sind Nicht-Orte – diesen Begriff liest man fast immer, wenn jemand über diese Anspül- und Auffangbecken entlang der großen Reiserouten nachdenkt. Ausgedacht hat ihn sich der französische Philosoph Marc Augé. Er meint damit Punkte, an denen Menschen aufeinandertreffen, ohne sich zu begegnen. Der Einzelne erscheine dort als Teil eines gigantischen Reisenden-Rudels, sei aber in Wahrheit schrecklich allein. Stimmt nicht, finde ich, nachdem ich den Abend in der Raststätte Dammer Berge zugebracht habe, die sich quer über die Autobahn spannt: Selten konnte ich die Menschen um mich herum so intensiv und ungestört studieren wie hier, wo sich ganze Familienstrukturen bereitwillig für blitzsoziologische Mutmaßungen vor mir auffächern.

Da sind die Kinder am Greifarm-Abzockautomaten, die die Mutter (mit nachlässig unter den Arm geklemmtem Yorkshire-Terrier) hastig zum Hartgeldwechseln an die Kasse schickt: "Schnell, sonst kommt der Papa, dann geht es nicht mehr." Die Familie aus Vater-Mutter-Teenagertöchtern, sämtlich toastbrotbraun und mit leicht großzahnigen Dauerlächelgesichtern, die sich einen großen Teller Pommes teilt. Der Mann hat seine nackten Füße auf den Beinen der Frau abgelegt, es ist ein bisschen unappetitlich, wie sie vertraulich seine nackten Zehen befühlt, als suche sie den richtigen Griff auf einer Panflöte.

Die Töchter gehen Softeis kaufen, und die Eltern machen Grinse-Pause. "Es ist ganz schön scheiße", sagt sie. "Immer diese Hoffnung zu haben, dass sich was geändert hat." Dann kommt Bewegung in das Sitzarrangement, eine teil-beige Seniorengruppe in Kalauerlaune belegt den Nebentisch: "Ich habe es im Rückspiegel genau gesehen, dein Hosenstall war vorhin offen!" – "Wo ein Toter liegt, muss Luft ran."

Mir wird auch nach Stunden nicht langweilig, es gibt immer etwas zum Hinschauen und Ablauschen, wie in einem handlungsschwachen, dafür enorm personalstarken Theaterstück: Auftritt Kleingruppe ledrig gegerbter, fideler Sylt-Rentner. Zwei junge Schmuckhühner mit Perlenketten – seitlich ab. Immer neue interessante Kleinstdarsteller treten auf: der Zopfmann, der einen an das Pferdevolk aus Game of Thrones erinnert, die paar Jungs, die zunehmend maulig auf Popo und Kalli warten. Und der Tiroler Knabe, der seinen Eltern ungebremst entgegenblökt: "I wüüh Currywurscht!"

Vielleicht lassen sich die Menschen hier bereitwilliger gehen, öffnen gleichmütiger die Schleusen für die Empfindungen, die sich in der Enge eines überfüllten Autos angestaut haben. Womöglich streiten sie schamloser miteinander, und es ist ihnen schnurzer, was andere über sie denken, weil sie wissen: Ich bin gleich wieder weg. Eigentlich ja nicht mal richtig da.

Ich fühle mich wunderbar, wie ich so in diesem Betonriegel über der Autobahn sitze, in die Dunkelheit schaue und mich für vorbeiflitzende Augenblicke in die Autos unter mir hineinträume. Aber ich muss weiter, zur Unterkunft in der Nähe von Ratingen, die ich reserviert habe. Im Radio ein anderer Sender und derselbe Säuselschmalz – Giesinger ist der Schuldige, höre ich jetzt. Nach sechs besuchten Raststätten an diesem ersten Tag verlasse ich erstmals die Autobahn. Ein grober Fehler.