Was Kultur alles kann! Hätte nicht im Mai und Juni das Festival Theater der Welt hier stattgefunden, wer hätte von diesem Ort Kenntnis genommen? Seit Tänzer und Performer aus Samoa, Australien und Burkina Faso durch die riesige Halle des Kakaospeichers am Baakenhöft geschritten sind, weiß man von der Magie dieses Raumes. Die Frage drängt sich auf: Was soll mit dieser schönen Halle und dem sie umgebenden Baakenhöft-Kai vis-à-vis der HafenCity Universität in Zukunft passieren?

Die Hamburger Performancegruppe Geheimagentur wird ihre Idee in der kommenden Woche im Rahmen des Internationalen Sommerfestivals auf Kampnagel ausprobieren. Aus dem ehemaligen Afrika-Terminal, an dem von 1900 an die Schiffe der Deutschen Ost-Afrika Linie anlegten, wird eine Woche lang der "African Terminal". Nein, es gibt kein afrikanisches Kunsthandwerk und kein Foufou mit Hühnchen. Stattdessen will die Geheimagentur mit zehn afrikanischen Migranten einen 40-Fuß-Container mit Fernsehern, Matratzen oder Möbeln befüllen, um ihn in die gambische Hauptstadt Banjul zu verschiffen. Die Waren sollen Zuschauer spenden. "Keine Fahrt zum Recyclinghof, keine Arbeit mit Kleinanzeigen – werden Sie Förderer des African Terminal!", wirbt die Gruppe. Über Spenden soll zudem so viel Geld zusammenkommen, dass eine Kooperative gegründet werden kann, sagt Regisseurin Sibylle Peters, Mitgründerin der Geheimagentur.

Die Idee zum African Terminal kam Peters und ihren Mitstreitern bei Recherchen, die die Gruppe in den Hamburger Hafen und andere Häfen der Welt geführt hat. An der Billstraße in Rothenburgsort stießen sie auf einen Exporthandel, der deutschen Sperrmüll in afrikanische Länder verfrachtet. Hunderte von Containern mit Gebrauchtwagen, bis zur Decke mit Matratzen und Elektronik befüllt, verlassen Hamburg jährlich in Richtung Afrika. Das Exportbusiness ernährt nicht wenige junge Afrikaner in Hamburg, aber oft springt nur ein schlecht bezahltes Tagelöhnerdasein heraus. Das soll sich ändern, falls die Geheimagentur es schafft, den African Terminal am Baakenhöft zu etablieren. Zur Idee gehört es unter anderem, eine Business School einzurichten.

Schön und gut, aber ist das nicht einfach Import–Export? Wo bleibt die Kunst? Warum findet das im Rahmen des Sommertfestivals statt? Sagen wir so: Wären die afrikanischen Kleinexporteure nicht Teil dieses Kunstwerkes, würden sie wohl nie einen Fuß auf diese einst zentrale Dockingstation des deutschen Kolonialismus setzen. Insofern hat das Projekt durchaus eine historische Dimension. Außerdem ist der African Terminal Teil eines größeren Versuchs, der aus dem Baakenhöft ein "Zentrum für Kunst auf dem Wasser" machen möchte. Während des Sommerfestivals soll es ein "Reisebüro Anheuern" geben, für Hamburger "mit Fernweh oder Liebeskummer". Höhepunkt soll eine "Offshore-Art-Regatta" sein, bei der unter dem Titel Battle of Baakenhöft schwimmende Objekte zu Wasser gelassen werden, darunter ein floßartiges Gefährt der Geheimagentur namens Marina Abramovic. Noch verweigert die HPA (Hamburg Port Authority) aber die Genehmigung für die Regatta, die Künstler wollen die Hafenlenker nun mit einem neuen Sicherheitskonzept milde stimmen.

Es wird wohl unterhaltsam, wenn die Künstler auf dem letzten Filetstück der HafenCity Ansprüche auf einen "freien Hafen der vielen" erheben. Bekommt Hamburg eine Art Gängeviertel mit Kai? Die HafenCity GmbH, die das Areal verwaltet, erklärte, eine "dauerhafte, spezifische Nutzung", sei "auf dem Baakenhöft nicht angestrebt", das Areal könne aber ab und an für Kulturevents genutzt werden. Der Kakaospeicher sei aus Brandschutzgründen "so gut wie nicht vermietbar", eine Investition für einen dauerhaften Betrieb würde eine "eine kommerzielle Nutzung erzwingen", die man dort nicht haben wolle.

Eine Lösung, die diskutiert wird, könnte eine Entwicklung nach dem Vorbild der NDSM-Werft in Amsterdam sein: In der riesigen Halle, die einstmals die größte Schiffwerft Europas beherbergte, bauten Künstler und Handwerker in den neunziger Jahren Ateliers und Werkstätten in Containern und Holzbauten auf. Die Stadt Amsterdam beäugte die Entwicklung erst misstrauisch, inzwischen ist es ein Vorzeigeprojekt. Der Kakaospeicher, so die Idee der Geheimagentur-Macher, würde sich bestens eignen für ein vergleichbares Vorhaben. Ist das realistisch? Bei der HafenCity GmbH zeigt man derzeit wenig Lust, über alternative Nutzungen des Baakenhöft zu sprechen. Eine Einladung von Kampnagel und der Geheimagentur zur abschließenden Diskussionsveranstaltung am 24. August über die Zukunft der jetzigen Brache schlugen die Vertreter der Hafencity GmbH aus.

Free Port Baakenhöft, vom 17. bis 24. 8., Infos unter www.kampnagel.de