Die australische Missbrauchskommission, 2013 von der Regierung zur Aufklärung von Kindesmissbrauch in Institutionen, unter anderem der Kirche, einberufen, spricht sich für die Aufhebung des Beichtgeheimnisses in Fällen von Kindesmissbrauch aus. Hintergrund ist die in der Tat unerträgliche Vorstellung, dass sich ein Täter nach einer Beichte subjektiv von seiner Schuld freigewaschen fühlt und dann mit Aussicht auf die nächste Absolution bei der nächsten Beichte seine Verbrechen an Kindern und Schutzbedürftigen fortsetzt. So ist es in vielen Fällen geschehen, nicht nur in Australien.

Es ist aber klar: Hier handelt es sich um den krassen Fall von Missbrauch bei gleichzeitigem Missverständnis der Beichte. Sie ist ohnehin auch im katholischen Verständnis kein Automatismus. Der Priester, der die Beichte, also das Schuldbekenntnis hört, ist nicht zur Absolution verpflichtet. Er hat selbstverständlich auch die Pflicht, das Beichtgeheimnis davor zu schützen, dass es zur Komplizenschaft mit Verbrechen führt. Der Missbrauch einer Institution wie der Beichte wird nicht dadurch verhindert, dass man die Institution abschafft.

2015 wurde nach dem Absturz des Germanwings-Flugzeugs in den Alpen gefordert, die ärztliche Schweigepflicht bei depressiven Piloten aufzuheben. Doch mit dieser Ausnahme wäre die Institution der ärztlichen Schweigepflicht als Ganzes beschädigt worden. Kein unter Depressionen leidender Pilot würde sich mehr einem Arzt öffnen. Dasselbe gälte für einen Ausnahmetatbestand "Kindesmissbrauch" beim Beichtgeheimnis. Defensives Täterschweigen würde weiter betoniert, Schweigekartelle würden noch enger zusammengeschweißt.

Das Beichtgeheimnis gehört zu den ältesten Datenschutzvorschriften der Welt. Geschützte Vertrauensräume gehören zur Grundlage einer humanen, nicht totalitären Gesellschaft: ärztliche, seelsorgliche, pädagogische, journalistische, anwaltliche Schweigepflichten und Schweigerechte. Gerade wegen ihrer Bedeutung verursacht ihr Missbrauch besonders viel Schaden. Doch niemandem ist geholfen, wenn der Missbrauch auch noch die Macht über die Vertrauensräume erhält, indem er sie zerstört.

Der Sinn des Beichtgeheimnisses im Verständnis der katholischen Kirche liegt darin, dem reuigen Sünder – säkular: dem reuigen Täter – das Aussprechen seiner Schuld zu ermöglichen. Ihm oder ihr wird zugesagt, dass gerade nicht das Gericht auf das Schuldbekenntnis hin wartet, sondern zunächst Barmherzigkeit, grundlegendes Wohlwollen – nicht mit der Tat, aber mit der menschlichen Person, die die Tat gesteht. Die Zusage des schützenden Schweigens ist unverzichtbar, denn nur sie kann das steinerne Schweigen wirklich auflösen, das von der Angst vor der Strafe diktiert ist. Jeder Pädagoge kennt den zerstörerischen und selbstzerstörerischen Zusammenhang von Angst vor Strafe und defensivem Schweigen. Schweigekartelle aller Art werden von dieser Angst zusammengehalten. Eingestanden, noch öfter uneingestanden (die Schweigenden tun nach außen oft sehr stark und selbstbewusst) steht hinter der Angst die Resignation: Es gibt für meine Tat keine Vergebung, sondern nur Strafe und Pranger. Es stimmt ja: Die Gesellschaft denkt genauso. Das Evangelium allerdings nicht.

Pater Mertes deckte Missbrauch am Canisius-Kolleg auf. © action press

Die katholische Kirche nennt die Beichte ein "Sakrament". Damit drückt sie aus, dass der Vorgang des Schuldbekennens und der Vergebung im geschützten Vertrauensraum auch ein Vorgang zwischen Gott und Mensch ist, wenn er in diesem Glaubenszusammenhang vollzogen wird. Der Priester spricht mit dem Wort "Deine Sünden sind dir vergeben …" nicht sein eigenes Wort, sondern das Wort Christi aus. Damit ist keineswegs gesagt, dass dem Täter oder der Täterin Leistungen zur Aufarbeitung erspart bleiben, im Fall der Fälle selbstverständlich auch die notwendige strafrechtliche Aufarbeitung nicht. Der kirchliche Begriff dafür heißt Buße. Zur Buße gehört die Bereitschaft zur strafrechtlichen Aufarbeitung. Ein reuiger Sünder, der nicht zur Buße bereit ist, ist kein reuiger Sünder. Gerade deswegen ist es eine Perversion der Beichte, wenn man sich auf sie beruft, um im Fall der Fälle eine strafrechtliche Aufarbeitung zu umschiffen.

Wer immer unter seelsorglichen, anwaltlichen, ärztlichen oder anderen Schweigepflichten steht, kann nicht vermeiden, dass er in ethische Dilemma-Situationen hineingerät. Das gehört zum Berufsrisiko. Das wird auch nicht dadurch verhindert, dass man verallgemeinernde Ausnahmetatbestände schafft, die die Schweigepflicht durchlöchern. Um es für mich als Seelsorger und katholischer Priester zu sagen: Im Falle eines Missbrauchstäters, der bei mir beichtete, befände ich mich als Beichtvater in einer Entscheidungssituation, die mir niemand abnehmen kann. Ich weiß ziemlich genau, welche Optionen mir statt des Bruchs des Beichtgeheimnisses blieben: Aufforderung zur Selbstanzeige, Verweigerung der Absolution et cetera. Im Falle eines schwerwiegenden ethischen Dilemmas wäre ich im Gewissen frei, je nach Einzelfall zu entscheiden. Entscheidungen in ethischen Dilemmata lassen keine verallgemeinerbaren Rückschlüsse zu, auch nicht auf verallgemeinerbare Ausnahmetatbestände. Schutz der Kinder hat grundsätzlich immer Vorrang vor dem Schutz der Institution, insbesondere dann, wenn Gefahr im Verzug ist. Das würde dann auch meine Bereitschaft als Beichtvater einschließen, die Konsequenzen meiner Entscheidung persönlich auf mich zu nehmen, wie auch immer sie ausfallen mag. Keine Verrechtlichung von Vertrauensräumen nimmt mir diese Last ab. Sie macht zugleich die Würde meines Berufes aus.