Drinnen im Bundestag sind Ferien. Draußen im Hof fliegen die Bienen zum nahe gelegenen Tiergarten, sammeln Blütenstaub und bringen ihn zurück in ihren Stock. Manchmal kann man sie laut summen hören. "Schmeckt nach Linden", sagt Daniel Hollstein, während er die Waben inspiziert und am Honig nascht. Hollstein pflegt die Bienen im Auftrag der Grünen-Abgeordneten Bärbel Höhn. Die hat den Einzug zweier Völker mit etwa 100.000 Bundestagsbienen durchgesetzt. Leicht war das nicht, Insekten haben keine Lobby. Anfangs verweigerte der Präsident des Bundestages die Erlaubnis. Als Hausherr darf er das. Dann bestand er auf einem Test, also wurde mit 2000 Bienen sorgfältig geprüft, ob die auch keine Abgeordneten gefährden. Taten sie nicht. Und so dürfen die Völker heute "Bundestagsblüten-Honig" produzieren.

"Für viele Besucher sind die Bienen eine Attraktion, wenn sie den Reichstag besichtigen", sagt Hollstein. Dann aber setzt er hinzu: Ob diese Tiere oder vielleicht alle Insekten bald aussterben, das interessiere in der Politik kaum jemanden. Egal was für Folgen es habe. Für die Vögel, die hungern und sterben. Für die Landwirtschaft, der die Bestäuber fehlen. Und damit irgendwann auch für die Menschen.

Spielen Insekten in der Politik wirklich keine Rolle? "Na ja", antwortet Steffi Lemke, "mit solchen Themen macht man in Berlin keine Karriere. Normalerweise." Lemke hat immer für Naturschutz gekämpft und trotzdem viel erreicht. Noch in der DDR gründete sie die Grünen mit, hatte in Partei und Parlament allerlei Ämter, gilt als kompetente Umwelt-Fachfrau. Doch das ist eher die Ausnahme, in anderen Parteien noch viel mehr. Wer da etwas auf sich hält, kümmert sich um Finanzen, Verteidigung, Auswärtiges. All das bringt schneller Schlagzeilen, Bedeutung und damit Macht.

Kurz vor den Sommerferien hat Lemke allerdings bewiesen, dass auch Insekten es in die politischen Nachrichten schaffen können. Da berichteten Zeitungen, Radio und Fernsehen plötzlich vom Aussterben vieler Arten: Dass Umweltministerium um Barbara Hendricks sei über den Rückgang der Insektenbiomasse besorgt. Zwischen 1982 und 2017 sei die Zahl der Insekten an Versuchsstandorten "um bis zu 80 Prozent" zurückgegangen. Es schien so, als ob die Berliner Politik sich doch um Biene, Schmetterling und Käfer kümmere.

In Wahrheit hatte Lemke nur beim Umweltministerium nach der Lage der Tiere gefragt. Anfragen sind das Recht jedes Abgeordneten und für die Opposition die Möglichkeit, ein bisschen Politik zu machen: Das zuständige Ministerium muss ehrlich antworten, auch wenn die Regierung dabei schlecht aussieht. Die schriftliche Antwort bekommt der Fragende für eine kurze Zeit exklusiv und kann sie selbst an die Presse weiterreichen, meist verbunden mit einem kritischen Zitat. Im Falle der Insekten klappte das allerdings nur halb. Zwar schrieb das SPD-geführte Umweltministerium der Abgeordneten Lemke brav, gab die Informationen aber selbst an die Presse weiter und zwar mit einer eigenen Bewertung.

Wer vertritt die Belange der Insekten? Alle anderen Interessen überwiegen

"Die wollten einfach nicht schon wieder als diejenigen dastehen, die die Natur nicht schützen können", sagt Lemke und setzt hinzu: Genau hier liege das Problem. Das Umweltministerium warne zwar gern. Es sei aber als Lobby für Tiere, Pflanzen, Luft und Wasser zu schwach. Regelmäßig unterliege es anderen, mächtigeren Ressorts wie jenen für Wirtschaft, Verkehr oder Landwirtschaft.

So wird die Struktur der Politik für die Insekten zum Problem. Und ist ein wichtiger Grund für ihr Verschwinden. Für den Schutz der Natur sind das Umweltministerium und der Umweltausschuss zuständig. Für Aktivitäten, die der Natur schaden, hingegen viele sehr viel mächtigere Gremien. Wenn also um Umweltschutz gerungen wird, dann kämpft Ministerin Barbara Hendricks gegen eine Phalanx von Abgeordneten, die für die Interessen von Unternehmen eintreten, für neue Straßen oder für die Bauern – und sie werden von den entsprechenden Verbänden, Vereinen und Lobbyisten bearbeitet, im Zweifel den Naturschutz nicht ganz so wichtig zu nehmen.

Kurz vor der Sommerpause hat das die Bundesregierung selbst zugegeben. Da verabschiedete das Kabinett den Rechenschaftsbericht zur Umsetzung der Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt, und in dem steht: "Zur Trendwende beim Verlust der biologischen Vielfalt ist noch viel zu tun!" Es folgen 124 Seiten, auf denen steht, wie viele Tiere und Pflanzen in Deutschland vom Aussterben bedroht sind. Und auch durch wen: "Die wichtigsten Ursachen für den Rückgang von Artenvielfalt und Landschaftsqualität sind – regional unterschiedlich – die intensive landwirtschaftliche Nutzung, die Zerschneidung und Zersiedelung der Landschaft, die Versiegelung von Flächen sowie großräumige Stoffeinträge (zum Beispiel Säurebildner oder Nährstoffe)."