Um sechs Uhr morgens holten die Fahnder der israelischen Betrugsbehörden am Montag ein illustres Quintett aus den Betten. Die Geschäftsleute rund um den Multimilliardär Beny Steinmetz wurden anschließend zum Verhör in das Gerichtsgebäude der Mittelmeerstadt Rischon LeZion gebracht. Ihnen wird systematischer Betrug vorgeworfen, sie sollen Millionen von Euro verschoben und Dokumente gefälscht haben, um an Bergbaukonzessionen im afrikanischen Guinea zu kommen und Immobiliendeals in großem Stil abzuwickeln. Über Steinmetz wurden vorerst vier Tage Untersuchungshaft verhängt – ebenso wie über seinen Mitbeschuldigten Tal Silberstein, den Mann, der bis zu diesem Augenblick dem österreichischen Bundeskanzler Christian Kern zum Wahlsieg im Oktober hätte verhelfen sollen.

Ein Politikberater, der offensichtlich in krumme Geschäfte verwickelt ist, ein Wahlkampfstratege, der im Verdacht steht, riesige Summen in dunkle Kanäle umgeleitet zu haben, und zugleich eine Kampagne entworfen hat, in der soziale Gerechtigkeit im Mittelpunkt steht. Der neue zentrale Slogan der Sozialdemokraten, "Holen Sie sich, was Ihnen zusteht", bekam unversehens einen sehr sarkastischen Unterton.

Das rote Wahlkampfteam wurde von der Nachricht aus Israel zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt kalt erwischt. Eben erst hatte Parteichef Kern mit seiner Rede am Bundesparteirat den Genossen das optimistische Gefühl zu vermitteln versucht, man werde mit einem kleinen Hauch von Klassenkampf im Rücken eine dramatische Aufholjagd starten. Plötzlich sitzt einer der Architekten dieser Strategie wegen Korruptionsverdachtes hinter Gittern. Zwar trennten sich die Sozialdemokraten unverzüglich von ihrem gefallenen Kampagnenguru und bemühen sich, seine Rolle herunterzuspielen. Doch im Team um Spitzenkandidat Kern breitet sich bitterer Galgenhumor aus – es wird nun überlegt, welche Hiobsbotschaft dieses verhängnisvolle Ereignis noch übertreffen könnte. Allen ist klar, dass der Wahlkampf zu entgleisen droht.

Noch hüllen sich die israelischen Behörden – an den Ermittlungen sind auch die Schweizer Polizei und das amerikanische FBI beteiligt – in Schweigen, welche Rolle Tal Silberstein in der globalen Organisation des Milliarden-Jongleurs Steinmetz gespielt haben soll. Medien mutmaßen, es könnte mit den Aktivitäten des Beraters in Rumänien zu tun haben, wo Silberstein im Sold dreier Politiker stand und wegen eines großen Immobiliendeals in das Visier der Korruptionsjäger geraten war.

Bereits im Jänner hatte die Volkspartei das unzutreffende Gerücht verbreitet, der Kanzler-Stratege sei in dem Schwarzmeerland zur Fahndung ausgeschrieben. Tatsächlich läuft aber in Bukarest ein Gerichtsverfahren gegen ihn und seine Geschäftspartner. Damals verteidigte Christian Kern seinen Berater noch vehement.

Der Kanzler hätte aber gewarnt sein müssen. Tal Silberstein war ja bei den Sozialdemokraten kein unbeschriebenes Blatt. Zweimal stand er an der Seite von Ex-Bundeskanzler Alfred Gusenbauer, war für seinen ruppigen Kampagnenstil berüchtigt und half, den "Sozialfighter" Gusenbauer 2006 an die Regierungsspitze zu hieven. Als dann Christian Kern den glücklosen Vorvorgänger in seinen inneren Kreis holte, brachte der seinen früheren Mann fürs Grobe als Morgengabe mit.

Im Kabinett von Kanzler Kern agierte Silberstein fortan als Schattenwesen beinahe Tür an Tür mit dem Regierungschef und hatte eine Zeit lang als oberster Einflüsterer eine der Schlüsselrollen inne. Seine Spezialität: aus den Gesprächsprotokollen von Fokusgruppen (die für Silberstein übersetzt werden mussten) die Notwendigkeit herauszudestillieren, einen möglichst unnachgiebigen Kurs in der Migrationspolitik einzuschlagen. Sicherheit, so der Rat des Ratgebers, sei das entscheidende politische Thema, das über Sieg oder Niederlage entscheide.

Christian Kern, so heißt es in seiner Umgebung, habe großes Vertrauen in das politische Gespür seines Beraters gehabt – vor allem nachdem dieser im Präsidentschaftswahlkampf des vergangenen Jahres, als alle noch von einem Kopf-an-Kopf-Rennen ausgingen, den deutlichen Sieg von Alexander Van der Bellen prognostizierte. Kern folgte auch den Eingebungen seines Spindoktors aus Israel, als der Kanzler vor vier Monaten mit der Forderung verblüffte, Österreich solle sich aus dem Relocation-Programm der EU zurückziehen. Im Beraterstab herrschte daraufhin helle Aufregung, der Chef wurde bestürmt, er solle sich von diesem modernen Rasputin trennen. Erst danach wurde die Rolle von Tal Silberstein zurückgestutzt.

Gleichviel knirscht es im roten Wahlkampfteam gewaltig. Zwei Fraktionen rivalisieren miteinander, es kam zu Handgreiflichkeiten, und kaum jemand hat das Gefühl, der Kanzler würde eine klare Linie vorgeben. Schließlich schmiss der externe Wahlkampfmanager Stefan Sengl seinen Job nach nur wenigen Wochen hin. Er fühlte sich häufig in Entscheidungen nicht eingebunden, sollte nur absegnen, was andere ohne ihn beschlossen hatten. Acht Wochen vor der Wahl verfestigen sich die schlechten Umfragewerte für die Genossen, und die Opposition trampelt genüsslich auf der neuesten roten Affäre herum. Sie wird Christian Kern verlässlich bis zum Wahlabend verfolgen.