Ob man den Neuen Rechten eine öffentliche Bühne geben soll, ist eine Frage, die strategisch verhandelt wird. Dass jede Interaktion mit der AfD und ihren intellektuellen Ablegern nur zu ihrer Entlarvung beitragen soll, scheint eh ausgemacht. Während man in Talkshows AfD-Politiker zu entzaubern versucht, setzen kulturelle Institutionen wie die Theater mit ihren Diskussionsrunden häufig auf Ausschluss – und steuern damit als sich betont offen gebende Orte der Debattenkultur auf einen Selbstwiderspruch zu. Versuche von Theatern, AfD-Politiker oder Vertreter der Neuen Rechten auf die Bühne zu bringen, wurden nach heftigen Protesten zumeist wieder aufgegeben.

Nach einer spontihaften Störung einer Podiumsdiskussion durch die Identitäre Bewegung im Maxim Gorki Theater wurde dort vor einigen Monaten ein Banner angebracht: Man werde fortan vom Hausrecht Gebrauch machen und rechtsradikal Gesinnten – oder auch nur solchen Personen, die nach Maßgabe der Theatermacher in der Vergangenheit "menschenverachtende Äußerungen" von sich gegeben haben – den Zugang verwehren. Der Spiegel wiederum sah es kürzlich als notwendig an, Rolf Peter Sieferles Aphorismen-Buch Finis Germania, das mit seiner Führerbunkermelancholie und bebender Schicksalsdramatik vor allem unfreiwillig komisch ist, kurzerhand von der Bestsellerliste zu streichen, als seien durch das dünne Bändchen Abend- und Morgenland zugleich bedroht.

Die wenig souveränen, wenig differenzierten Abwehrreaktionen im Kulturmilieu mögen verständlich sein, machen es den Rechten aber leicht, sich als Paria der Demokratie zu inszenieren, als Ausgestoßene, deren Botschaften tabuisiert und unterdrückt werden, als Opfer der Lügenpresse. Mehr noch: Fatalerweise suggeriert das Kulturmilieu, es mit den Argumenten der neurechten Denker nicht aufnehmen zu können, wenn deren Gedankengut wie ganz besonders frivole und leckere Ware vor den Blicken Unmündiger in den Giftschrank muss.

Das neurechte Denken wurde dabei in jüngerer Zeit in mehreren Publikationen mit Detailfreude entfaltet. Volker Weiß hatte in seinem viel beachteten Buch Die autoritäre Revolte (Klett Cotta) die trüben Ursprünge der sich avantgardistisch gebenden Neurechten aufgezeigt. Der Politikwissenschaftler Samuel Salzborn (Angriff der Antidemokraten, Beltz Verlag) tat dies gerade ebenfalls und warnt im Sinne einer wehrhaften Demokratie lebhaft davor, die Protagonisten dieser Bewegung in den öffentlichen Diskurs einzubinden – wobei man sich den Kreis derjenigen, die nicht dazugehören sollen, recht groß denken darf.

Einen gewagten Weg beschreitet jetzt der dezidiert linke Soziologe Thomas Wagner mit seinem Buch Die Angstmacher. 1968 und die Neuen Rechten (Aufbau Verlag). Im Glauben, ein offen geführter Streit führe weiter als ein Diskursausschluss, liest er nicht nur die Texte der intellektuellen Rechten der Gegenwart, sondern sucht die maßgeblichen Protagonisten auch auf, unter anderem den zwischenzeitlich verstorbenen Kultursoziologen Henning Eichberg, den Verleger Götz Kubitschek, die Publizistin Ellen Kositza, den Wiener Identitären-Sprecher Martin Sellner, den Franzosen Alain de Benoist, den Lektor und Politikwissenschaftler Benedikt Kaiser. Er spricht mit ihnen nicht im üblichen Gestus des extremismusforschenden Entlarvers, der eh schon weiß, was seine Gesprächspartner in Wahrheit so denken und glauben und es nur nicht so sagen, sondern als neugieriger Diskutant. Das ist zweifellos der Reiz dieses ungewöhnlichen Buches.

Als Ausgangspunkt der Recherche macht der Autor eine für sein Milieu unangenehme Beobachtung. Der ehemalige Redakteur der Jungen Welt stellt fest, dass viele klassisch linke Positionen und politische Aktionsformen von den Rechten übernommen worden sind, ob nun aus Überzeugung oder aus Strategie: Die Forderung nach mehr direkter Demokratie, die Medienkritik, die Religionskritik, die Kritik am Establishment, das Einklagen von Frauenrechten (wie etwa nach der Kölner Silvesternacht), zum Teil auch die Kapitalismuskritik werden heute intuitiv den Rechten zugeordnet. Selbst der Kampf gegen Political Correctness kann mit einiger Großzügigkeit als Fortschreibung linker, engagierter Intellektualität und Ideologiekritik unter umgekehrten Vorzeichen durchgehen.

Altvertraute Methoden der Provokation in rechtem Gewand

Manche Altlinke erblicken mit Entsetzen die eigenen, altvertrauten Methoden der Provokation in rechtem Gewand. Die Identitäre Bewegung sprengt Podiumsdiskussionen, führte eine Sitzblockade vor der CDU-Bundeszentrale durch und versuchte gerade mit einem Schiff vor Libyen, die Arbeit von Nichtregierungsorganisationen zu behindern – eine auf den Kopf gestellte Greenpeace-Aktion. Mit dem anarcho-rechten, schwulen Trump-Verehrer Milo Yiannopoulos hatte zeitweise auch die amerikanische Alt-Right-Bewegung einen Spaßguerillero an ihrer Seite, der mit seinem enthemmt-befreiten Sprechen die semantische Hypersensibilität linker Akademiker konterkarierte, als gelte es wieder, den Muff unter den Talaren zu vertreiben.

Das Meiste hat die Neue Rechte von der alten Linken gelernt

Thomas Wagner zeigt an der Biografie von Henning Eichberg, wie bereits zur Zeit der Studentenrevolte junge, rechte Zirkel in Berlin, Hamburg und Bochum entstanden, die sich von den alten Nationalsozialisten und ihren Verbrechen abgrenzten, um auf etwas abgerüsteter und aufgefrischter theoretischer Basis einmal mehr sowohl das Bürgertum als auch die marxistische Linke anzugreifen. Die Aktionsformen der gut organisierten Studentenbewegung und ihr rebellischer Geist wurden zum beneideten Vorbild, auch weil die Jungfaschisten zunächst wenig praxistauglich waren.

Sie teilten mit den Achtundsechzigern die Antibürgerlichkeit, auch popkulturelle Vorlieben, zum Teil sozialistische, später auch ökologische Ziele – allerdings nicht, um internationale Solidarität zu propagieren, sondern ein ethnisch homogenes Europa. An die Stelle des Rassenkampfs trat das Konzept des "Ethnopluralismus". In Abkehr von einer Blut-und-Boden-Ideologie sollte die kulturelle Identität einzelner Völker in den Blick gerückt werden, die sich nicht allzu sehr vermischen sollten, um die Gleichmacherei des globalen Kapitalismus zu unterbinden.

Man las die Franzosen Pierre Drieu la Rochelle und Alain de Benoist, traf sich in Wohnzimmern, gründete Zeitschriften, die außerhalb des eigenen Milieus aber kaum Leser fanden. Es herrschte weitgehend das Gefühl vor, den lektürefreudigen Achtundsechzigern ziemlich unterlegen zu sein, weshalb man versuchte, theoretisch aufzurüsten. Durch das Werk von de Benoist sickerte jedenfalls linkes Gedankengut in die Szene ein – Lenins Schrift Was tun?, vor allem aber Gramscis Überlegungen zur kulturellen Hegemonie, die man sich als Bewegung erkämpfen müsse. Heute nimmt die rechte Szene direkt Bezug auf die Achtundsechziger und ihre Aktionsformen, namentlich auf die "Subversive Aktion" von Dieter Kunzelmann.

Der heute 73-jährige Alain de Benoist, der wohl immer noch wichtigste Intellektuelle der Neuen Rechten, bekundet gegenüber Wagner, nie ein Feind der Achtundsechziger gewesen zu sein: "Mein Hauptgegner war immer der Kapitalismus in ökonomischer Hinsicht, der Liberalismus in philosophischer und das Bürgertum in soziologischer Hinsicht." Man begreift leicht, warum ein entschiedener Linker wie Wagner wenig Berührungsängste gegenüber einer derart reformierten Rechten zeigt. Mit Verve empört er sich im Buch nicht etwa über seine Gesprächspartner, sondern über die (alles in allem maßvollen) Hartz-IV-Reformen, mit denen die SPD ihre Seele verkauft habe, und ganz grundsätzlich über den Liberalismus, der für eine Gängelung der sozial Schwachen stets so furchtbar anfällig sei. Nach dieser Lesart hat der Neoliberalismus der Reform-Linken den Neuen Rechten das Feld der Kapitalismuskritik überlassen.

Das Versagen der Linken ist aber nach Ansicht Wagners in Wahrheit noch ärger. Es sei kein Zufall, glaubt er, dass an die Stelle des Kampfes gegen die ökonomische Ausbeutung der Kampf gegen kulturelle Diskriminierung getreten sei. Mit der Vielfaltseuphorie sei man von den Neuen Rechten nicht mehr weit entfernt: "Eines verbindet die rechten Verfechter des Ethnopluralismus mit den linken Anhängern der multikulturellen Gesellschaft. Beiden Gruppen geht es nicht um das kulturell Gemeinsame, sondern um die Betonung des je Spezifischen, des Anderen." Dem Lebensstil der anderen werde eine unhintergehbare ethnische Identität zugeschrieben, Minderheiten sollten vor dem normierten, weißen, heterosexuellen Mann und seiner kulturellen Aneignung beschützt werden.

Da hat Wagner, im Gegensatz zu seiner Kritik an den Hartz-IV-Reformen, natürlich vollkommen recht: Die derzeit vehement betriebene Identitätspolitik vieler Linker entfernt sich in gleichem Maße vom Universalismus der Aufklärung wie die Neue Rechte. Warum, ließe sich ketzerisch fragen, sollte man da nicht gleich das Original der Rechten statt die verschraubte, identitätspolitische Verirrung der Linken favorisieren? Beide operieren schließlich mit einem Opfernarrativ – die Neue Linke leitet es kurioserweise häufig ethnisch ab ("white supremacy", "cultural appropriation"), eine Reihe Neuer Rechter wie der Politikwissenschaftler Benedikt Kaiser kurioserweise ökonomisch.

Viele Rechte begreifen eine großherzige Migrationspolitik als Projekt von wohlhabenden Hypermoralisten, während deren gesellschaftliche Kosten nach unten, in die prekären Viertel der Städte weitergereicht würden. Masseneinwanderung sei eine "Stütze der globalen Ungleichheit", und man könne nur hoffen, dass die "abgehängten, dahinvegetierenden, mit falschen Versprechungen hierhergelockten Leute, die als Lohndrücker nicht gebraucht und gewollt werden, zu einer Kraft werden könnten, die in ihrer Heimat eine Veränderung bewirkt", erklärt der poprechte Identitäre Martin Sellner. Thomas Wagner findet bei den Neuen Rechten überhaupt eine Vielzahl an Stimmen, die das alte, für den Autor attraktive Lied der Kapitalismuskritik und des Antiimperialismus singen, während die postmaterialistische Linke sich mit letztlich belanglosen Befindlichkeitsthemen wie Gender-Mainstreaming befasst.

Man lernt in diesem durchaus anregenden Buch: Nicht die Linke ist der Hauptgegner der Neuen Rechten, sondern das liberale Bürgertum. Nicht die Rechte ist der Hauptgegner der orthodoxen Linken, sondern das liberale Bürgertum. Nach der Lektüre zahlreicher Querfront-Gedanken, in denen nationaler Sozialismus und sozialer Nationalismus in eins zu fallen drohen, erscheint die weltoffene, kapitalismusfreundliche, liberale, bürgerliche, etwas altmodische Gesinnung der Mitte so zukunftsfähig und integrativ wie nie.

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