Lun Suksri streichelt über den Rüssel seiner Elefantendame und blickt ihr zufrieden in die großen, dunklen Augen. Mina heißt das Tier, um das sich Lun bereits seit über zehn Jahren kümmert. Für den 60 Jahre alten Thailänder ist sie weit mehr als nur ein Haustier: Mina ist ebenso Einkommensquelle wie Altersvorsorge – und dabei offenbar ein gutes Investitionsobjekt. Lun kaufte Mina, als sie noch klein war: 650.000 Baht, umgerechnet fast 17.000 Euro, bezahlte er dem Vorbesitzer. Inzwischen seien Elefanten weit mehr als das Doppelte wert, schwärmt Lun, während sich seine Mina im Dschungel im Norden Thailands an einem Baum reibt.

Dass Elefanten in Thailand teurer sein können als ein 3er-BMW in München, liegt an ihrem enormen wirtschaftlichen Potenzial: Sie sind eine der Hauptattraktionen der thailändischen Touristenindustrie. Jeder dritte Besucher des Landes will mit Elefanten in Kontakt kommen oder hat das bereits hinter sich, zeigt eine Umfrage der Tierschutzgruppe World Animal Protection (WAP). Die Organisation schätzt, dass in dem Land mehr 2.000 Elefanten im Einsatz sind, um die Nachfrage der Urlauber zu bedienen – so viele wie in keinem anderen Land der Welt.

Was für die Besitzer ein gutes Geschäft ist, kritisieren Tierschützer seit einigen Jahren stark: Elefantenreiten sei die grausamste Tierattraktion der Welt, sagen die Tierschützer von WAP. Die Aktivisten von Peta sprechen von einer lebenslangen Qual für die Elefanten, auf denen geritten wird oder die in Shows einstudierte Tricks vorführen. Mehr als 100 Reiseveranstalter – darunter Thomas Cook und TUI – haben solche Angebote schon aus den Katalogen gestrichen. Auch das Reiseportal TripAdvisor will Tickets dafür nicht länger verkaufen. Die WAP-Aktivisten feiern das als Sieg: "Elefanten sind Wildtiere, keine Entertainer."

Doch die einfachen Botschaften verschleiern ein komplexes Problem. Dass die Lebensbedingungen der Tourismuselefanten nicht artgerecht sind, ist unter Fachleuten unumstritten. Das Problem ist aber: Auch wenn kein einziger Urlauber künftig mehr Geld für diese Angebote zahlt, wird es den Tieren wohl kaum besser gehen – im Gegenteil.

Früher halfen die Tiere, den Regenwald abzuholzen – ihren eigenen Lebensraum

Artgerecht ist für Wildtiere nur die Freiheit. Aber all die in Gefangenschaft lebenden Elefanten freizulassen – und ihnen so ein lebenswerteres Leben zu bescheren – funktioniert nicht. Zum einen gibt es nicht mehr genug unberührte Regenwälder. Zum anderen würden sich die Elefanten, die häufig schon ihr ganzes Leben in Ketten und hinter Gittern leben, in freier Wildbahn kaum zurechtfinden.

Wie aber lassen sich die Lebensbedingungen der Elefanten dann verbessern?

Seit mehreren Tausend Jahren werden die großen grauen Tiere in Südostasien als Arbeitstiere eingesetzt. Im 20. Jahrhundert halfen die Elefanten vor allem bei der Abholzung der Regenwälder. Sie beförderten mehrere Hundert Kilo schwere Stämme und mussten so zur Zerstörung ihres eigenen natürlichen Lebensraumes beitragen. Ein Abholzungsverbot Ende der achtziger Jahre machte die Tiere und ihre "Mahouts" – so nennen sich die traditionellen Elefantenführer – arbeitslos. Mensch und Tier zogen an die Straßenkreuzungen von Bangkok und bettelten um Geld. Elefanten, die nichts erwirtschaften, werden für ihre Besitzer schnell zur Last: Jeden Tag brauchen sie mehr als 200 Kilo Futter. Aktuell kostet das mehrere Hundert Euro im Monat. Gemessen am thailändischen Durchschnittseinkommen von nicht mal 9.000 Euro im Jahr ist das viel Geld.

Der Boom der Tourismusindustrie entwickelte sich zum Ausweg für die Elefantenbesitzer: Seit 2010 haben sich die Besucherzahlen in Thailand von knapp 16 Millionen auf mehr als 32 Millionen im vergangenen Jahr verdoppelt. Auch in diesem Jahr wird ein neuer Gästerekord erwartet. "Wir brauchen den Tourismus, damit es Leute gibt, die sich um die Elefanten kümmern", sagt der Elefantenforscher Richard Lair. Er arbeitet seit fast 40 Jahren in Thailand und zählt zu den meistzitierten Autoren auf diesem Gebiet. "Das Wohlergehen der Elefanten ist inzwischen abhängig davon, wie viele Urlauber nach Thailand kommen", sagt er. Die Entwicklung macht sich auch in den vielen Elefantencamps bemerkbar: Die steigende Nachfrage bringt nicht nur genug Geld, um die Elefanten zu versorgen, sondern ermöglicht auch üppige Gewinne – zulasten der Tiere.

Urlauber und Reiseveranstalter stehen vor einem Dilemma. Einerseits birgt der Boykott der Branche die Gefahr, Tieren und Mahouts die Lebensgrundlage zu nehmen. Andererseits unterstützt der Besuch der Tierattraktionen vielleicht diejenigen, die mit Blick auf hohe Profite die Elefanten bis zur Grenze ihrer Belastbarkeit treiben.

In der Strandstadt Pattaya, dem Zentrum des thailändischen Massentourismus, zahlen Urlauber 20 Euro, um sich eine der bekanntesten Elefantenshows des Landes anzusehen. Zum Soundtrack von Star Wars starten die Tiere ihre Tricks: Erst schleudern sie mit ihrem Rüssel Dartpfeile auf Luftballons. Dann pinseln die Elefanten Palmen auf Leinwände und kicken zur Melodie von We Are The Champions Bälle in ein überdimensioniertes Fußballtor. In der Pause können die Besucher für ein Foto Klimmzüge an den Stoßzähnen machen und auf dem Rücken der Tiere durch einen angrenzenden Park reiten. Rund 2.000 Menschen haben in der Elefantenarena Platz, sechs Shows gibt es jeden Tag. Die Lebensbedingungen für die Tiere hier: nicht optimal.