Vor wenigen Tagen gingen an Europas Küste, in einer Bucht mit weißen Villen und weißem Strand, ein paar Urlauber spazieren. Sie trugen Bikinis und bunte Badehosen, hüpften in die Brandung, planschten im Meer. Die Sonne schien, die Wellen rauschten. Dann kam ein Schlauchboot angeschwemmt, mit afrikanischen Flüchtlingen an Bord. Die sprangen aus dem Boot, stürzten hastig an den Touristen vorbei, retteten sich an Land. Es sah aus, als stürmten sie den Badestrand. Oder als liefen sie um ihr Leben.

Die Szene ist auf einem Video festgehalten, jemand hat es mit seinem Handy gefilmt und ins Netz gestellt. Seitdem verbreiten sich die verwackelten Bilder tausendfach. Es sind genau die Bilder, die Europas Regierungschefs nicht brauchen können. In Italien nicht, wo die meisten Flüchtlinge ankommen. Und auch nicht in Deutschland, wo die meisten Flüchtlinge hinwollen. In beiden Ländern möchte ein großer Teil der Bevölkerung keine Bootsflüchtlinge aus Afrika. In beiden Ländern wird bald gewählt.

Wo bleiben all die Arbeitsvisa für Afrikaner, die in Europa einfache Jobs suchen?

Dazu passt, dass am Wochenende etwas geschah, worauf die EU-Regierungschefs seit Jahren warten, was sie aber lange für unmöglich hielten – und für unmenschlich: Die Fluchtroute von Libyen nach Italien wurde verriegelt, jener Weg über das Mittelmeer, auf dem die meisten Flüchtlinge nach Europa gelangen. Verantwortlich dafür ist die libysche Küstenwache, die, unterstützt von der EU, quasi über Nacht ihr Einflussgebiet bis weit in internationale Gewässer ausgedehnt hat. Sie schafft die Menschen auf den Schlauchbooten zurück nach Libyen – und sorgt dafür, dass die Rettungsschiffe der Hilfsorganisationen dabei nicht stören. Schon vor Wochen hatte sie begonnen, die Retter einzuschüchtern, mit Drohungen und mit Schüssen. Die meisten haben sich zurückgezogen.

Das alles ist gefährlich, womöglich tödlich für die Flüchtlinge.

Die Schließung der Route könnte aber auch für Europa bedrohlich werden. Dann, wenn sich zwei Reflexe wiederholen, die vor anderthalb Jahren schon einmal zu beobachten waren – nach der Schließung der Balkanroute. Damals atmete Europa zunächst erleichtert auf. Und wandte sich dann klammheimlich von den Flüchtlingen ab.

Gut möglich, dass es diesmal nicht so einfach wird. Die Küstenwache des zerfallenen libyschen Staats ist schwächer als die der Türkei; dass im Moment kaum Boote in Libyen ablegen, heißt nicht, dass dies so bleibt. Die wichtigste Frage ist noch lang nicht geklärt: Halten sich die Europäer an ihr Versprechen, die Afrikaner bei der Bekämpfung der Fluchtursachen zu unterstützen? Tun sie genug dafür, dass dort mehr Sicherheit, mehr Frieden und mehr Wohlstand entstehen können? Und falls sie etwas tun: Tun sie das Richtige?

Bislang haben die EU-Staaten ihr Geld vor allem in Projekte gesteckt, die nicht die Gründe für Auswanderung im Blick haben, sondern lediglich Migration erschweren. Zäune wurden gezogen, elektronische Passerkennungssysteme installiert, Patrouillenjeeps gesponsert. Aus europäischer Sicht hat das den Grenzschutz gestärkt. Aus afrikanischer Sicht hat es in manchen Gegenden die Wirtschaft geschwächt: weil Wanderarbeiter keine Freizügigkeit mehr genießen, weil der Handel gehemmt und nun noch mehr geschmuggelt und bestochen wird.

Ein Versprechen haben die Europäer bislang kaum eingelöst: mehr Menschen einen legalen Weg nach Europa anzubieten. Wo bleiben all die Arbeitsvisa für Menschen, die in Europa auch in einfachen Jobs Geld verdienen – und später mitunter in ihre Heimat zurückkehren wollen? Die Bundesregierung machte immerhin einen Anfang. Sie hat in Tunesien Arbeitsvermittlungen eröffnet, in anderen afrikanischen Staaten plant sie ähnliche Büros. Dort können Jobsuchende sich beraten lassen. Dort bekommen sie eine Alternative zu Schleppern und Gummibooten.

Die ist auch deshalb wichtig, weil sich die Route, die im Moment verriegelt scheint, womöglich nur verlagert. Die Afrikaner aus dem Video, die mit ihrem Schlauchboot in der Touristenbucht strandeten, wurden nicht in Italien gefilmt, sondern in Andalusien. Seit die Zahl der Flüchtlinge in Italien sinkt, liegt sie in Spanien nun dreimal so hoch wie noch vor einem Jahr. Der Süden des Landes galt lange als eine der bestbewachten Außengrenzen der EU. Offenbar ist er das nicht mehr.

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