Wenn der DJ mit seinen Rhythmen und Dramaturgien, mit der Kraft seiner langsam sich steigernden Beats zum ersten Höhepunkt kommt und den Gästen des Abends die Bühne überlässt, dann ist auch die lange schon tanzende Menge endgültig zum euphorischen Ausbruch bereit; so viel ist sicher bei den Hafla-Partys, die Omer Lichtenstein in Berlin feiert. Ansonsten ist jedoch wenig sicher, besonders nicht, was die musikalische Mixtur betrifft. Verlässlich ist nur der Eklektizismus, und dass sich aus ihm ein Stil ergibt und eine gelungene Party. Mal sind arabische Gesänge zu hören und darunter schön schubbernde Techno-Beats; ein anderes Mal werden die synkopiert gestampften Rhythmen des dabke, des levantinischen Hochzeitstanzes, mit schier endlosen Orgelsoli verziert.

Kürzlich spielte ein marokkanischer DJ eine spezielle Mischung aus Berberrhythmen und geradem Elektropop, die er als "nordafrikanischen Futurismus" titulierte; ein syrischer Musiker umrankte flott knuckernde Beats wie von einer alten Farfisa-Orgel mit anspruchsvoll prozessierten Sounds von der Oud, der nordafrikanischen Laute.

Achtung:// Hafla! heißt diese Reihe, die einmal im Monat in wechselnden Berliner Clubs läuft. "Hafla", sagt Omer Lichtenstein, "ist Arabisch und heißt: Lasst uns gemeinsam feiern." Gemeinsam, das heißt in diesem Fall: dass sich das junge Ausgehvolk von Berlin mit Israelis und Palästinensern mischt, mit Syrern, Ägyptern und Libanesen. "Bei uns wird die Musik des ganzen Nahen Ostens gespielt, egal wo sie herkommt, denn am Ende des Tages entspringt sie ja ein und derselben Tradition." Nur dass die Menschen dort, wo diese Tradition wurzelt, heute oft miteinander nicht leben und schon gar nicht feiern dürfen. So spiegelt sich in den Hafla-Partys die Tragik der politischen Lage und die Utopie eines möglichen Friedens. "Es ist schon sonderbar", sagt Omer Lichtenstein, "dass ich erst nach Berlin kommen musste, um mich als Bürger eines grenzenlosen Nahen Ostens begreifen zu können. Aber wenn ich mit all diesen Menschen musiziere und tanze, dann ist das gerade das Gefühl, das ich habe. Und das ist ein sehr schönes Gefühl."

Lichtenstein, 1983 geboren, ist in Tel Aviv aufgewachsen. Zur Musik kam er als Kind über den Klavierunterricht und wegen seiner Faszination für die arabische Klassik des 20. Jahrhunderts. "Mit 14 war mein Held Farid al-Atrash, ein Oud-Spieler, einer der bedeutendsten ägyptischen Musiker, den habe ich herauf und herunter gehört", sagt er. "Während des Studiums gründete ich dann aber eine Rockband, die europäischen Postpunk nach Art von The Smiths und The Cure mit orientalischen Einflüssen verband; Ex-Oriental-Rock nannten wir das."

Wegen dieser Band, Felidae, zog er 2011 auch nach Berlin. Die Entwicklungsmöglichkeiten waren hier weit besser als daheim. Wenigstens konnte man in Deutschland und den angrenzenden Ländern auf Tournee gehen, in Israel war das nicht möglich: "So polyglott das Land ist, es ist eben auch enorm eng: Du kannst ja nicht reisen. Man kann von Tel Aviv nach Haifa fahren und wieder zurück, und das war es auch schon. Und wenn du das Land verlassen willst, bleibt dir nur das Flugzeug."

Mit Felidae nahm Lichtenstein diverse Platten auf. Doch wurde ihm das Format der Rockmusik schnell zu eng, nicht zuletzt wegen der Monotonie des Tourlebens: "Wenn du wochenlang im Bus durch die Gegend tingelst und immer wieder ein und dieselben Lieder aufführst, dann wirst du schnell müde. Jedenfalls mir ging es so." Darum begann er als DJ und Partyveranstalter zu arbeiten und wandte sich der elektronischen Musik zu: In dem Projekt Halla-B, das mit wechselnden Gästen zu jeder Hafla-Party gehört, unterlegt er die variantenreichen Sounds aus der Levante mit Samples und Beats aus dem Synthesizer.

Er variiert damit auch den vorherrschenden Stil seiner Heimatstadt. Denn wer gegenwärtig in Tel Aviv tanzen geht, bekommt dort zumeist Minimal Techno zu hören. Zwischen dem größten und wichtigsten Club, The Block im Hipsterviertel Florentin, und dem Berliner Berghain herrscht regelmäßiger DJ-Pendelverkehr. Der musikalische Minimalismus hat gemeinschaftsstiftende Kraft: Im Publikum des Block wie unter dessen einheimischen DJs findet man gleichermaßen Israelis mit jüdischen wie mit arabischen Wurzeln; stärker als alles, was politisch trennt, ist die egalisierende Kraft des 4-to-the-floor.

Doch auch wenn Lichtenstein diese Kraft wahren will, so will er zugleich die enthistorisierende Monochromie des Techno mit den Farben und Sounds der nahöstlichen Musikgeschichte anreichern: Seine Partys zielen auf eine Gemeinschaft, die das Glück des reinen Jetzt feiert, aber den Reichtum der Herkunft nicht vergisst – und auch nicht die Unterschiede, die Vielfalt der Traditionen. Die Musiker, die mit ihm auftreten, kleben nie stoisch an einem Stil; auch stehen sie nicht bloß am DJ-Pult. Die meisten singen zu ihrer Musik oder begleiten sich auf einer Orgel; so können sie noch spontaner auf das reagieren, was das Publikum wünscht. "Das Modell für die Hafla-Abende ist eigentlich gar nicht der Club", sagt Lichtenstein: "Es ist die Hochzeit! Wenn du im Nahen Osten auf Hochzeiten tanzt, dann ist der DJ kein Star, sondern ein Diener, der spontan zwischen den verschiedenen Instrumenten, Ausdrucksweisen und Stilen wechselt und der nur ein einziges Ziel besitzt: die Leute am Tanzen zu halten."

In jeder guten Clubnacht geht es darum, den musikalischen Fluss niemals reißen zu lassen und die Gemeinschaft auf dem Dancefloor so lange zusammenzuhalten wie möglich; auf den Hafla-Partys wirkt dieser Wunsch noch intensiver und existenzieller: denn mit dem Ende des Tanzens zögern sie ja auch den Moment des Erwachens hinaus – den Moment, in dem man zurück in jene Wirklichkeit kehrt, in der die Utopie der grenzenlosen Gemeinschaft im Nahen Osten so weit entfernt ist wie nie zuvor. "Die Musik darf niemals aufhören", sagt Omer Lichtenstein, "denn wenn sie aufhört, fühlst du dich nicht mehr wie auf einer Hochzeit, sondern wie auf einer Beerdigung."