Wenn irgendjemand dieses Fotoalbum von Josef Settele fände, er würde dessen Besitzer für einen mäßig talentierten Fotografen halten, noch dazu für jemanden mit einer sehr ausgefallenen Vorliebe. Und Josef Settele würde wahrscheinlich nicht einmal widersprechen.

Den Mann, der hier seit mehreren Stunden über feuchte, ungemähte Wiesen in der Pfalz wandert, treibt eine ebenso spezielle wie auch seltene Form des Wissensdrangs. Er interessiert sich leidenschaftlich für Insekten. Settele arbeitet ganz woanders, am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Halle. Er beschrieb zusammen mit anderen Autoren im Weltklimabericht den Einfluss der Erderwärmung auf die Biosphäre, und er koordiniert nun gerade den zweiten Bericht des UN-Weltrates für biologische Vielfalt. Außerdem will er, der momentan einer der wichtigsten deutschen Ökologen ist, lieber geduzt werden: "Von mir aus gerne Sepp."

Dieser Sepp Settele ist der richtige Mann, um über ein Wort zu sprechen, das Wissenschaftler seit Jahren im Mund führen und das in diesem Sommer plötzlich in Zeitungen und Nachrichtensendungen auftauchte: Insektensterben. Verliert Deutschland gerade die Vielfalt seiner Bienen und Käfer, Heuschrecken und Schmetterlinge – und all der anderen sechsbeinigen Tiere?

Ökologe Sepp Settele sucht nach Faltereiern in Blüten des Wiesenknopfs. © Anne-Sophie Stolz für DIE ZEIT

Beantworten lässt sich das nur draußen, also los. Sepp stapft voraus und hält Ausschau nach den Blättern des Krausen Ampfers, eines Knöterichs. Er beugt sich zu ihnen hinunter, dreht ein Blatt zu sich hin, sucht erst die Oberseite ab, dann die Unterseite. Was er sucht, sind winzige Punkte, die mit dem bloßen Auge kaum zu erkennen sind. Dann das nächste Blatt, die nächste Pflanze. Und weiter zur nächsten Wiese. Denn die winzigen Punkte sind Schmetterlingseier. Erst unter der Lupe wird ihre Form sichtbar; sie erinnern an mikroskopisch kleine Kaiserbrötchen. Rund hundert Weiden und Wiesen durchstreift Settele so Jahr für Jahr in der Pfalz, schon seit 1989 hält er sich dafür jeden Sommer zehn Tage frei.

Mit der Kamera hat er festgehalten, wie die Wiesen sich verändert haben, und die Fotos bewahrt er in diesem seltsamen Album auf. Erste Erkenntnis beim Blättern: Eine Wiese sah vor 30 Jahren auch schon aus wie eine Wiese heute. Was aber sieht man auf den ersten Blick nicht?

Wie es den übersehenen Wesen geht, mit denen wir uns Felder, Wiesen, Städte und Wälder teilen, das ist mitnichten eine ästhetische oder ethische Frage, sondern eine existenzielle. "Es sind die Kleinsten, die unsere Welt am Laufen halten", hat der große Biologe E. O. Wilson einmal gesagt. Zwei Drittel der hundert wichtigsten Nutzpflanzen sind ganz oder teilweise von der Bestäubung durch Bienen, Schmetterlinge oder Schwebfliegen abhängig. Diese Leistung taxieren Experten auf weltweit 235 bis 577 Milliarden US-Dollar – jährlich. Gleichzeitig gehören Insekten zu den ersten Betroffenen, wenn sich die Umweltbedingungen verschlechtern. Das wiederum spüren all die Vögel, Nager, Reptilien, die sich von ihnen ernähren.

Der Forscher fotografiert jeden einzelnen Standort. Auf dieser Wiese hat sich invasives Springkraut ausgebreitet. © Anne-Sophie Stolz für DIE ZEIT

Dreierlei weiß man: In vielen Gebieten geht die Vielfalt zurück, vor allem spezialisierte Arten verlieren, Generalisten hingegen scheinen zu profitieren. Zweitens finden Forscher von den einzelnen Arten immer weniger Individuen. Und drittens verringert sich offenbar die Biomasse, also das Gesamtgewicht aller krabbelnden, fliegenden und schwirrenden Tiere. Diese Trends zeigen eindeutig in eine Richtung. Doch gleichzeitig sind die Befunde extrem lückenhaft.

Deshalb sucht Josef Settele an diesem Tag Eier von Schmetterlingen, genauer vom geschützten Großen Feuerfalter, der seine Eier auf Ampfer ablegt. Und jene des Dunklen und des Hellen Wiesenknopf-Ameisenbläulings. Die heißen so, weil ihre Raupen sich irgendwann von der Blüte fallen lassen und einen Duft produzieren, um Ameisen hereinzulegen. Diese glauben, ihre eigene Brut zu erschnuppern, und tragen die Betrüger in ihr Nest, wo die Schmetterlingsraupen dann die Ameisenlarven auffressen oder sich durchfüttern lassen. Ein verstörendes Schauspiel der Natur auf einer pfälzischen Wiese.

Als Settele hier mit seiner Feldforschung begann, absolvierte er gerade seinen Zivildienst in der Region. 150 Bewerbungen hatte er dafür verfasst, in denen er ausführlich beschrieb, was er als Zivi erwarte. Drei positive Antworten bekam er, am Ende landete er im Pollichia-Museum für Naturkunde in Bad Dürkheim. Damit begann die Geschichte, in der Settele nun in diesem Juli, im 29. Jahr seiner Forscherkarriere, die Blätter des Krausen Ampfers umdreht.