Wenn man Jens Spahn, CDU-Präsidiumsmitglied, Staatssekretär im Finanzministerium und sehr aufstrebend, zuhört, dann bekommt man den Eindruck: Er sagt immer die krassen Dinge, die er eigentlich von seiner Chefin, der Bundeskanzlerin, hören will. Die findet gerade ein paar andere Dinge einfach krasser als die, die Spahn auf den Senkel gehen, Flüchtlingskrise, das Zusammenhalten der EU, das Abwenden eines Atomkrieges etwa. Oft geht es Spahn dabei um die Themen Integration und Islam. Er baut sich gerade als ein Politiker auf, der sich "was traut"; der die Sorgen der Bürger ausspricht, Kopftücher, Burkas, orthodoxe Juden oder Muslime, die Frauen den Handschlag verweigern; der für die Schmutzwäsche da ist. Zum Beispiel für Unterhosen, dazu gleich mehr.

In einem Interview sagte er jetzt, es gehe ihm "zunehmend auf den Zwirn, dass in manchen Berliner Restaurants die Bedienung nur englisch spricht". Nun könnte man einwenden, dass dieses Problem ganz einfach zu lösen ist, indem man statt ins Hipster-Lokal zu gehen, sein Schnitzel in einer Eckkneipe in Lichterfelde oder Marzahn genießt. Aber das ist wohl nicht der Punkt, es gehe ihm um das Bedürfnis von Menschen, "kulturelle Sicherheit" zu haben, so Spahn. Menschen wollten nicht, dass sich ständig alles verändert.

Kulturelle Sicherheit – klingt interessant, aber was genau soll das sein? Und gibt es da ein Anrecht drauf? Vielleicht hilft ein Blick in den Brockhaus: Im weitesten Sinne bedeutet Kultur alles vom Menschen Geschaffene, im Gegensatz zum Naturgegebenen. Aber das ist auch die einzige Gemeinsamkeit der vielen Kulturtheorien. Kaum etwas eignet sich so wenig für Sicherheit und Unveränderbarkeit wie die Kultur, kaum etwas scheint so wenig statisch wie das vom Menschen Geschaffene. Es entwickelt sich einfach weiter, weil Menschen miteinander in Kontakt treten, andere Ideen und Lebensentwürfe kennenlernen, einige annehmen, andere verweigern. Am deutlichsten profitieren Minderheiten davon.

Wo wären wir heute bei den Frauen-, Schwulen- und Zuwandererrechten, wenn etwa sich die politische Kultur in Spahns Partei nicht verändert hätte? Es gibt kein Anrecht darauf, dass sich nie etwas ändert und dass einen nie jemand irritiert. Wie sollte Politik das auch durchsetzen? Diesen Frosch mussten die Katholiken in der CDU schlucken, das wird auch der eine oder andere Muslim akzeptieren müssen. Wohl aber gibt es das Anrecht darauf, dass sich alle an die Gesetze halten. Aber so funktioniert nun mal das Spahnsche Perpetuum mobile: die Irritation suchen, sich darauf konzentrieren, anschließend die Irritation beklagen. Und so weiter und so weiter.

Aber nun wie versprochen zu den Unterhosen: Das Geschäftmodell von Jens Spahn beinhaltet auch, immer wieder mit griffigen Einzelbeispielen die kulturelle Unsicherheit zu beschreiben, die durch Zuwanderung einsetzt. Das Geniale: Die Beispiele werden niemals ausgehen. Vor einiger Zeit beklagte er, dass "zu viele arabische Muskelmachos" in seinem Fitnessstudio in Unterhose duschten, "weil sie sich nackt genierten". Das Studio habe dies dann auch noch erlaubt – ein weiteres Zeichen dafür, dass sich die deutsche an die "fremde" Kultur anpasst. Es drohe ein Rückfall in alte verklemmte Spießigkeit.

Abgesehen davon, dass sich genierende Machos eine neue Spezies zu sein scheinen, die man gerne mal kennenlernen würde, wäre die Frage: Hängt das Wohl des Abendlandes tatsächlich an einer arabischen Unterhose? Sollten Politiker nicht emotionale und intellektuelle Energie lieber für die wirklich heftigen Dinge aufsparen? Davon gibt es ja einige, es fehlt nur der nötige Ernst bei dem CDU-Mann. Etwa: Wenn man die bei Zuwanderern häufiger vorkommende Gewalt gegen Frauen bekämpfen will, sollte man die bei Zuwanderern häufiger vorkommende Gewalt gegen Frauen bekämpfen – und nicht "Unterhose" sagen. Und die Gründe nicht (allein) in der Kultur suchen, denn da stößt man schnell an Grenzen, wenn man sieht, dass die Probleme genug Zuwanderer, Frauen und Männer, ebenso ankotzen.

Jens Spahn hat aber recht, zurück zu einem verklemmten Deutschland wäre nicht wünschenswert. Da hilft nur: mehr Gelassenheit bei den Unterhosen – und mehr schwule arabische Muskelmachos in die CDU!