DIE ZEIT: Haben wir heute eigentlich mehr oder weniger Lärm als früher?

Rainer Guski: Kommt darauf an, wie man misst.

ZEIT: Wie wird denn gemessen?

Guski: Wir betrachten meistens den sogenannten Dauerschallpegel. Den kann man nicht hören, denn das ist eine Rechengröße. In Europa benutzen wir meist den sogenannten Lden. Das "den" steht für day, evening, night. Es ist ein 24-Stunden-Pegel, bei dem der Abend stärker und die Nacht noch stärker gewichtet wird. Gemessen am Lden zeigt sich, dass der Straßenverkehr in den vergangenen 30 Jahren in deutschen Städten um zwei bis drei Dezibel lauter geworden ist.

ZEIT: Also um bis zu 25 Prozent, das überrascht. Der Verkehr hat zwar zugenommen, gleichzeitig sind die einzelnen Fahrzeuge doch viel leiser geworden. Und wir haben heute Lärmschutzwände und Flüsterasphalt.

Guski: Trotzdem haben wir eine Zunahme der Belastung. Lärmschutzwände und Flüsterasphalt funktionieren kaum in den Städten, also dort, wo viele Menschen leben. Die Motoren sind zwar leiser geworden – gerade auch moderne Diesel. Wichtiger sind aber die Reifen-Fahrbahn-Geräusche. Und die erhöhen sich direkt mit der Zunahme des Verkehrs.

ZEIT: Neben dieser objektiv gemessenen Lärmbelastung gibt es die Lärmbelästigung, also die subjektiv empfundene Störung durch den Lärm. Nach Angaben des Umweltbundesamtes fühlen sich heute über 50 Prozent der Deutschen durch Straßenlärm belästigt, sechs Prozent sogar stark. Hat auch dieser Wert zugenommen?

Guski: Darauf gibt es leider keine Antwort, denn frühere Untersuchungen zu diesem Thema sind mit heutigen Befragungsmethoden nicht vergleichbar. Erst seit 2001 gibt es eine internationale Vereinbarung, wie Lärmbelästigung erhoben werden sollte. Und seitdem haben sich die Werte kaum verändert – außer beim Fluglärm, dort sind die Belästigungen deutlich gestiegen.

ZEIT: Die Norah-Studie zu den Auswirkungen des Verkehrslärms im Rhein-Main-Gebiet hat gezeigt, dass die empfundene Belästigung durch Fluglärm auch damit zusammenhängt, wie positiv oder negativ man dem Fliegen gegenübersteht. Kann man das auf den Straßenverkehr übertragen? Fühlen sich Autonarren weniger davon gestört als Autofeinde?

Guski: Das ist ganz sicher so. Allerdings sind wir im Straßenverkehr fast alle gleichzeitig Täter und Opfer, das darf man nicht vergessen. Lärm ist ja definiert als unerwünschter Schall. Er hat eine soziale Dimension: Es sind immer die anderen, die Lärm machen. Wenn ich in die Wand bohre, dann ist das Geräusch ein willkommenes Feedback, das mir sagt, wie tief ich schon gekommen bin. Für den Nachbarn ist das einfach nur Lärm.

ZEIT: Und beim Auto?

Guski: Das ist eine komplizierte Gemengelage. Autos sind inzwischen innen so gut gedämmt, dass wir, wenn wir drinsitzen, gar nicht mehr hören, was wir draußen anrichten. Andererseits wissen wir natürlich, dass wir Lärm machen. Das trägt sicher dazu bei, dass die Belästigung beim Straßenverkehr bei vergleichbarem Pegel längst nicht so stark empfunden wird wie beim Flug- oder Schienenverkehr.

ZEIT: Ans Dauerrauschen des Straßenverkehrs gewöhnen wir uns, aber auch an einzelne, besonders laute Fahrzeuge?

Guski: Ein gleichmäßiger Verkehrsfluss ist in der Tat weniger belästigend als ein einzelnes hervorstechendes Ereignis. Darauf reagiert auch der Körper stärker. Und wenn der Lärm dann noch von einem Rennauto oder schweren Motorrad erzeugt wird – wir erkennen ja die Quelle intuitiv –, dann kommt dazu, dass die oft von Leuten gefahren werden, die wenig Sympathie genießen. Da denkt man: Das muss nicht sein – und fühlt sich besonders belästigt.

ZEIT: Wer dort wohnt, wo gerne mit PS geprotzt wird, hat besonderes Pech?