Als Christian Zeiske noch nicht wusste, wo das größte Gefängnis der Türkei liegt, hatte er mit einem ruhigen Sommer gerechnet. Einige Kollegen waren im Urlaub, aber nichts deutete darauf hin, dass der 64 Jahre alte Pfarrer etwas Außergewöhnliches machen würde: Getauft und geheiratet und gepredigt wird immer – auch in den Ferien. Jetzt aber hat Christian Zeiske eine ganz andere Mission: Er organisiert Fürbitten-Gebete, fragt sich, ob er vor die türkische Botschaft ziehen soll und was man sonst noch tun kann für einen, der nur kurz in der Türkei helfen wollte und jetzt wohl als politische Geisel in der berüchtigten Haftanstalt Silivri sitzt: Peter Steudtner, der Menschenrechtsaktivist, der auf einer Insel bei Istanbul unter dem Vorwand des Terrorverdachts verhaftet wurde, gehört zur evangelischen Gemeinde im Prenzlauer Berg.

Steudtners Fall hat den Außenminister aus den Ferien geholt, die Kanzlerin forderte die Freilassung des Berliners. Das Auswärtige Amt warnt seitdem sogar Urlauber vor der Gefahr, aus der Türkei nicht mehr zurückkehren zu können. Und weil die große Politik ja im Kleinen ankommt, ist auch der Alltag in der Gethsemanekirche ein anderer. Bisher sah der sehr gut geordnet aus: Die Gemeinde am Prenzlauer Berg gilt als eine der erfolgreichsten in Deutschland. Es wird hier mehr getauft als anderswo, wer heiraten will, braucht etwas Glück, um einen Termin zu bekommen. Ein Berliner Kirchen-Bullerbü im Gutverdiener-Kiez, sagen die Nörgler. Doch Gethsemane war mehr: 1989 war die Kirche eine Zentrale der Opposition, bewacht von der Stasi, im Oktober des Wendejahres strömten die Menschen vor ihre Tore. Sie waren Revolutionäre, demonstrierten für die Freilassung der politischen Gefangenen in der DDR. Jetzt kämpfen sie wieder für einen politischen Inhaftierten und fragen sich: Sind wir zu bequem geworden? Müssen wir wieder politisch werden? Sie hatten nach den großen Momenten 1989 in den vergangenen Jahren zwischen Taufen und Trauungen das Gefühl, etwas den Sinn verloren zu haben. Der Fall Steudtner gibt der Gemeinde auch etwas zurück, eine Erinnerung an die Kraft von damals.

Pfarrer Christian Zeiske sitzt in seiner Dienstwohnung in bester Prenzlauer-Berg-Wohnlage, die Sonne scheint in den dritten Stock, man hört den Kinderspielplatz, sieht die Gethsemanekirche vor dem Fenster. Berlin gilt nicht als Stadt, in der das Christliche eine prägende Rolle spielt, doch dieses Gebäude kennt man nicht nur im Viertel. Viel schönere neugotische Kirchen hat die Hauptstadt nicht. Es ist ein warmer, ruhiger Augustnachmittag, Christian Zeiske ist trotzdem nervös: "Wir sind im Ausnahmezustand", sagt er.

Zeiske, seit 17 Jahren Pfarrer vor Ort, kennt Peter Steudtner schon lange, er hat den älteren der beiden Söhne getauft. Für jeden, der Steudtner begegne, sei es völlig abstrus, dass er in Erdoğans Türkei unter dem Vorwurf des Terrorismus verhaftet wurde: "Jedem anderen hier würde ich das noch eher zutrauen als ihm", sagt Zeiske. Steudtner selbst ist im Berliner Westen aufgewachsen und erst nach der Wende in den Prenzlauer Berg gezogen. Sein Viertel hat er immer wieder verlassen, um in Mosambik ehemaligen Kindersoldaten zu helfen, Friedensdienstler in Israel und Nepal zu betreuen. In der Kirchengemeinde kennen sie vor allem den Peter, der die Kinder- und Jugendarbeit organisierte, auf Kirchenfreizeiten mitfuhr. Steudtner, 46, hat eine Ausbildung zum Mediator, manche Gemeindemitglieder saßen schon bei ihm in einem Anti-Gewalt-Seminar. Pfarrer Zeiske sagt: "Peter ist einer, der die Bergpredigt lebt." Selig sind die Sanftmütigen – das passe zu ihm, finden viele. Da ist Bewunderung, aber auch ein wenig Kopfschütteln: Wie kann er in allem so still und geduldig sein? Irgendwann muss man doch mal auf den Tisch hauen, Peter. Aber Erdoğans willkürliche Macho-Autokratie macht natürlich nicht vor den Klugen und Sanften halt. Erst recht nicht vor denen. Zeiske schaut in die Sonne: "Plötzlich trifft einen die Weltpolitik hier persönlich."

Was soll man da machen, wenn das geopolitische Machtgezerre auf einmal sehr nah ist? Christian Zeiske nimmt an diesem Augusttag den Weg, den er seit einigen Wochen jeden Tag nimmt, raus aus der Altbauwohnung über die Straße, durch die Berliner Sommer-Café-Stimmung, in den Hintereingang der Gethsemanekirche. Jeden Tag um 18 Uhr halten sie jetzt Andacht für Steudtner und seine inhaftierten Kollegen, sie zünden Kerzen an, sie beten. Zwischen 30 und 50 Besucher sind es meist. Es ist die besondere Gethsemane-Mischung: Der ältere Mann mit dem Kirchenschlüssel berlinert, das hippe Paar in der zweiten Reihe kann eigentlich nur ein Designer-Büro betreiben. Dazwischen die Mütter mit ihren Babys und teuren Kinderwagen. Die Gemeinde von Gethsemane sei wahrscheinlich die bestangezogene in ganz Deutschland, schrieb mal eine Berliner Zeitung. Ab und an stehen noch Touristen im Tor. Neulich war Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller da – und appellierte von der Kanzel an Erdoğan.

Pfarrer Zeiske sagt, die Aufmerksamkeit für den Fall sei wichtig. "Wir wollen aber vor allem, dass Peter davon erfährt." Eine Gedankenverbindung jeden Abend.

Die Verhaftung von Peter Steudtner trifft ein evangelisches Paradies, eine christliche Vorzeigewelt: Kaum eine andere Gemeinde in Deutschland ist in den vergangenen Jahren so stark gewachsen, kaum eine ist so jung. Wer sein Kind taufen lassen will, kommt erst einmal in Kontakt mit einer Warteliste. Es gibt hier erwachsene Männer, die sich konfirmieren lassen. Frauen, die mit 18 gleichgültig aus der Kirche ausgetreten sind und jetzt zurückkommen. Bis 2008 ist die Gemeinde immer größer geworden, jetzt schrumpft sie nur unwesentlich, viel langsamer als andere. Eine Singschule, Krabbelgottesdienste, Kinderprogramm fast jeden Nachmittag – sie haben die richtigen Einsteigerangebote für das Prenzlauer-Berg-Publikum, das im Ruf steht, besonders viel in die Brutpflege zu investieren. Das "Wunder von Gethsemane" nannte es die Lokalzeitung.

Manche, die es weniger freundlich sehen, sagen, die Gemeinde wachse vor allem, weil viele evangelisch sozialisierte Gutverdiener aus West- und Süddeutschland zugezogen sind, die nach Party- und erster Karrierephase ihre Kleinfamilie gründeten.

Christian Zeiske beschäftigt etwas anderes: Seit sie wissen, dass Peter Steudtner in Erdoğans Gefängnis sitzt, wird in der Gemeinde auch die Frage gestellt, ob man es sich im Altbau-Bezirk zuletzt zu bequem gemacht hatte. Soll die Gemeinde allein ein Ort für gemeinsame Gottesdienste, für Bibelarbeit sein? Endet der gesellschaftspolitische Anspruch bei Spendenständen für Brot für die Welt und einer gut geführten Gemeindekita? Ist das Wohlfühl-Protestantismus? Oder was sollte da noch sein? Gehören Kirchengemeinden auf Demonstrationen?