Wenn Martin Schulz vor dreißig Jahren nicht Bürgermeister von Würselen geworden wäre, sondern Bundeskanzler, säßen wir heute alle in kaltem, weißem Licht. In den Wohnzimmern, in Fabriken und Büros gäbe es nur Energiesparlampen. Also diese Dinger, wo anstelle der Glühbirne eine manchmal merkwürdig geknotete Leuchtstoffröhre sitzt – und ein grässliches Licht ausstrahlt.

Solche Energiesparlampen kamen in den achtziger Jahren auf den Markt. Sie verbrauchen deutlich weniger Energie, was ein enormer ökologischer Vorteil ist. Bundeskanzler Schulz hätte das damals sicher erkannt und eine Quote festgelegt für den Marktanteil dieser Lampen. Damit sich die Technik wirklich durchsetzt. Die Quote, die Jahr für Jahr erhöht worden wäre, hätte dafür gesorgt, dass Glühbirnen verschwinden – und sie hätte bewirkt, dass die noch viel besseren LED-Lampen gar nicht erst in die Läden kommen, obwohl sie sparsamer sind und schönes Licht verbreiten.

Solange der Strom aus Kohlekraftwerken stammt, nützt der schönste e-Golf nichts

Diese fiktive Wirklichkeit mag weit hergeholt erscheinen, aber genau diese Politik hat der Kanzlerkandidat Schulz (SPD) vergangene Woche vorgeschlagen. Autos mit Elektroantrieb seien ökologisch besser als solche mit Verbrennungsmotor. Um dieser Technik den Weg zu ebnen, solle eine europäische Quote festgelegt werden.

Wenn die Quote für E-Autos kommt und diese stufenweise erhöht wird, ist klar, was passiert: In andere Techniken wird weniger investiert. Egal, ob Erdgasantrieb, Brennstoffzelle oder synthetisch hergestellte Kraftstoffe. Industrie, Forscher und Entwickler werden Geld und Kreativität dann darauf konzentrieren, den politisch favorisierten Elektroantrieb zu optimieren. Weil die Regierung eine bestimmte Technik zum Sieger erklärt hat. Die Quote erstickt die Suche nach dem Besseren, das noch niemand kennt.

Man kann so Umweltpolitik machen. Und das will ja nicht nur Schulz. Auch Chinas Führung, die noch immer Fünfjahrespläne verabschiedet, favorisiert eine E-Quote. Frankreich und Großbritannien gehen intelligenter vor. Sie kündigten an, ab 2040 keine Autos mit herkömmlichen Verbrennungsmotoren mehr zuzulassen. Damit legen sie zwar das Enddatum für eine alte Technik fest, schreiben aber nicht vor, welche neue Technik sie ersetzen soll. Das hält sogar Kanzlerin Angela Merkel für "im Ansatz richtig".

Klar ist, dass Deutschland seine Klimaziele nur einhalten kann, wenn es drastisch weniger Treibhausgase in die Luft bläst. Eine Quote für Elektroautos ist trotzdem das falsche Mittel. Solange ein Großteil des in Deutschland produzierten Stroms aus Kohlekraftwerken stammt, nützen auch die schönsten e-Golf, i3-BMW und Tesla nichts. Denn mit diesem Strom geladen, verursacht ein Elektroauto genauso viel Treibhausgas wie ein Diesel. Das zeigt eine Ökobilanz, die das Bundesumweltamt vorgelegt hat. Deshalb ist die Energiewende vordringlich.

Aber das Problem ist nicht allein der Strom. Auch bei der Herstellung der E-Autos fallen Schadstoffe an. Zumindest bei Fahrzeugen mit großer Batterie entsteht selbst bei Einsatz von Ökostrom mehr Feinstaub als durch Diesel, sie tragen eher zur Versauerung von Böden bei, eher zu Sommersmog und eher zu Krankheiten durch Giftstoffe wie Blei, Arsen und Kadmium. Wahrscheinlich lassen sich E-Autos in Zukunft sauberer produzieren, etwa durch recycelte Batterien. Aber auch das ist kein Argument für eine Quote. Schließlich soll Umweltpolitik uns nicht einen bestimmten Motortyp bescheren, sondern weniger Abgase und Giftstoffe. Für sie sollte der Staat Vorgaben machen.

Grenzwerte nützten nichts, lautet ein Einwand, das habe der Dieselskandal gezeigt. Doch selbst bei einer E-Quote müssten die verbliebenen Diesel und Benziner noch lange reguliert und kontrolliert werden, ebenso wie die Batterieproduktion, die Schulz in Deutschland ansiedeln will. Es geht also in keinem Fall ohne Grenzwerte. Sie müssen nur durchgesetzt werden.

Eine ideale Umweltpolitik gibt das Ziel vor, aber nicht den Weg. Dass Technik allein es möglich macht, die anspruchsvollen Klimaziele zu erreichen, erscheint allerdings schwer vorstellbar. Das ist vielleicht die größte Schwäche der E-Quote: Sie verleitet dazu, zu glauben, wir müssten bloß umsteigen und könnten dann weiter so viel Auto fahren wie bisher. Das wird auch mit dem E-Auto nicht gehen.

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