Die Rektorin und ihre Schule

Auf dem Weg zur Schulleiterin fühlt man sich an Thomas de Maizières Thesen zur Leitkultur erinnert. "Wir klopfen! Wir grüßen laut und deutlich! Wir denken an das Zauberwort!" steht groß an der Tür des Vorzimmers. Drinnen verteilt ein Ventilator die Sommerhitze. Ingrid Macher, schwarze Bluse, kurze Haare, Lesebrille in der Hand, steht vor dem Schreibtisch und nennt die Eckdaten der Rosensteinschule: Grund- und Werkrealschule mit insgesamt 574 Schülern aus 40 Ländern, 97 Prozent haben einen Migrationshintergrund, 250 sind Flüchtlingskinder.

Das ist rekordverdächtig für eine Schule in Deutschland. Und es ist problemverdächtig. Vor Kurzem ergab eine Bildungsstudie der Caritas, dass in Deutschland 47.000 Jugendliche die Schule ohne Abschluss verlassen, das sind fast sechs Prozent der Schulabgänger. Der aktuelle Chancenspiegel der Bertelsmann Stiftung zeigt, dass der Anteil der Schulabbrecher bei Jugendlichem mit ausländischen Wurzeln doppelt so hoch liegt: bei rund 13 Prozent.

Ingrid Macher, 64 Jahre alt, sagt dazu nur: "Wir werden das schaffen." Mit den Flüchtlingen habe man einen pädagogischen Auftrag erhalten, den gelte es zu erfüllen.

Die Rektorin hat schon vieles geschafft.

Die Rosensteinschule war das, was häufig als Brennpunktschule beschrieben wird. Der funktionale Bau aus den fünfziger Jahren liegt im Stuttgarter Nordbahnhof-Viertel, einem der sozial schwächsten der Stadt. Bevor Macher vor 15 Jahren hier übernahm, war Unterricht kaum mehr möglich. Es gab Schlägereien auf dem Hof, Lehrer wurden regelmäßig von Schülern bedroht, einmal schoben randalierende Schüler ein Auto auf die Straßenbahnschienen.

Ingrid Macher führte strengere Regeln ein, forderte Disziplin, Pünktlichkeit, Leistungsbereitschaft. Benimmtraining gehört zum Schulstoff. Kaugummikauen ist ebenso verboten wie das Tragen von Tops mit Spaghettiträgern; wer auf den Boden spuckt, putzt. Zugleich nimmt die Wertschätzung für die Schüler eine große Rolle ein. In einer regelmäßigen Schulversammlung dürfen sie die Lehrer kritisieren.

Sozialwirksame Schule nennt sich dieses pädagogische Konzept, das auch von etwa drei Dutzend anderen Schulen in dieser Republik praktiziert wird. Zu dem Konzept gehört noch ein Trainingsraum. Macher bezeichnet ihn als "Disziplinierungsinstrument". Davon wird später noch die Rede sein. Die Rektorin sagt: Regeln haben viele Schulen. Aber man muss sie auch durchsetzen.

Als die Schule das tat, schüttelte sie ihren schlechten Ruf ab. Sie bekam eine Reihe von Preisen, bei dem bundesweiten Wettbewerb Starke Schule reichte es für den vierten Platz.

Drei Flüchtlingsheime liegen in der Nachbarschaft der Schule, sechs sogenannte Vorbereitungsklassen haben sie an der Rosensteinschule seitdem eingerichtet. Hier lernen die Flüchtlinge Deutsch, in ein, maximal zwei Jahren sollen die Kinder fit für den Regelunterricht sein. Die Rektorin sagt, je jünger die Schüler sind, umso besser läuft es, und dass ein Jahr für viele zu knapp sei.

Eine Zeit lang gab es in den Pausen wieder häufiger Schlägereien. Manche Jugendliche oder Väter aus arabischen Ländern haben auch Autoritätsprobleme gegenüber Lehrerinnen. Da müsse man sich dann eben hinstellen können, sagt Macher. Sie bestellt Eltern ein, erklärt mithilfe eines Dolmetschers, was sie unter Schule und Erziehung versteht.

Natürlich sei die Arbeit mühsamer als an einer Schule mit Kindern aus gutbürgerlichen Elternhäusern. Aber auch an der Rosensteinschule gehe die Welt nicht unter, es gebe keinen Vandalismus, keine Drogen. Wenn etwas Lehrer an den Rand bringe, erzählt die Schulleiterin, dann die Inklusion.