Falls Sie es noch nicht gemerkt haben: Die Welt geht unter. Nicht wegen Donald Trump oder Kim Jong Un, sondern wegen der Verleger. Das behaupten zumindest viele Schweizer Journalisten. "Weil die Finanzierung zusammenbricht, geht der Journalismus vor die Hunde", sagt die Zürcher Journalismus-Dozentin Alexandra Stark. "Bis in 20 Jahren haben sich alle Verleger aus dem Inhalte-Geschäft verabschiedet, weil es kein Geschäft mehr ist", meint Markus Somm, streitbarer Chefredaktor der Basler Zeitung und Präsidiumsmitglied im Verband Schweizer Medien.

Die Angst ist berechtigt. Ohne Journalisten, die Skandale aufdecken und den Finger in die Wunde legen, ohne unabhängige Presse und Berichterstattung, ohne ihre Wächter funktioniert die Demokratie, wie wir sie heute kennen, nicht mehr. Wer kann das wollen? Niemand. Am wenigsten der Staat selbst, denn der sind ja wir alle.

Naheliegend scheint darum der Ruf nach staatlicher Unterstützung für die ach so gebeutelten Medien. Auch in der Schweiz. Wenn der Staat weiter funktionieren soll, muss er dafür zahlen, damit ihn jemand kontrolliert, lautet die steile These. Ein ordnungspolitischer Wahnsinn.

Nur, die Zahlen sind tatsächlich erschreckend. Es geht abwärts mit der Zeitungsbranche. Und zwar rapide. 20 Minuten, das größte Blatt der Deutschschweiz und immerhin gratis verteilt, hat in den vergangenen vier Jahren fast 14 Prozent seiner Leser verloren. Der Blick verlor im gleichen Zeitraum sogar 30 Prozent seiner Leser. Licht am Ende des Tunnels? Gibt es nicht. Bald heißt es: Ausgeblickt.

Die Zahlen sind hart, im doppelten Sinne. Wenn die Print-Produkte Leser verlieren, verschwinden auch die Anzeigen. Leser- und Auflagenzahlen sind die Basis für die Anzeigenpreise. Darauf beziehen sich Alexandra Stark und Markus Somm. Wie sollen Zeitungen überleben, wenn die eine Hälfte ihrer Einnahmen wegfällt?

Trotzdem: Etwas geht nicht auf. Die Mediennutzung der Schweizer steigt seit Jahren. Nahezu alle Schweizer, die lesen können, haben 2016 auch eine Zeitung konsumiert, wie das Forschungsinstitut Publicom in einer repräsentativen Befragung herausgefunden hat. Nur: Die Leute lesen ihre News nicht mehr gedruckt, sondern auf den etablierten Online-Portalen, also auf 20min.ch, watson.ch oder baz.ch.

Was das bedeutet, liegt auf der Hand. Das Bedürfnis nach Information, nach qualitativ hochwertigem Journalismus, nach gut recherchierten Geschichten wird nicht kleiner. Es ist allein das Produkt Zeitung, das heute nur noch für einen Teil der Menschen unverzichtbar ist – übrigens in der Schweiz noch für bedeutend mehr Menschen als in den meisten anderen Ländern der Welt. Die Zahlen, die zum Abgesang auf eine ganze Branche herhalten müssen, sind in Wirklichkeit eine riesige Chance, das angestammte Geschäft in die Zukunft zu führen, indem wir unser Wissen und Können und unsere Finanzkraft einsetzen, um neue Produkte zu entwickeln. Der Blick ist nicht Kodak, deren Filme nun wirklich niemand mehr brauchte.

Natürlich: Auf eines müssen sich die Verleger als Tribut an diese neuen Zeiten einstellen. Eine Welt, in der ihre Unternehmungen 30 oder mehr Prozent Umsatzrendite erzielt haben, wird es so nicht mehr geben. Die Zeiten sind vorbei, in denen Medienzaren vom ersten Buchstaben eines Artikels auf Papier über Satz, Druck und Vertrieb bis hin zum Zeitungsverträger über die gesamte Wertschöpfungskette herrschten. In der digitalen Welt gibt es mehr Mitspieler – Google, Facebook und Apple sind die Größten, dazu kommen unzählige kleinere.

Die Verleger und ihre Journalisten sind also zurückgeworfen auf ihr altes Geschäftsmodell: Geld verdienen mit der Herstellung von hochwertigen Inhalten – oder wie wir heute neudeutsch sagen: Content.

Nicht alle Zahlen aus der Branche erschrecken

In der Schweiz funktioniert das vor allem noch in der den Regionen. Im Gegensatz zu ihrer nationalen Konkurrenz verlieren die Regionalzeitungen noch immer kaum Leser. Internetseiten, die vor allem auf regionale Informationen setzen, gewinnen sogar deutlich Nutzer dazu. Kein Wunder, dass die Schweizer Verleger reagieren. Redaktionen, die sich mit internationalen und nationalen Themen befassen, sind bei einigen Medienhäusern schon lange zusammengelegt – übrigens ohne große negative Auswirkungen auf die Auflage. Die AZ Medien, für die ich arbeite, haben das in der Nordwestschweiz vorgemacht. Andere, wie die Zürcher Tamedia, planen nun offenbar solche Schritte bei ihren eigenen Regionalzeitungen. Warum auch nicht? Berichte über Syrien oder die Ukraine lesen sich in Bern nicht anders als in Zürich oder Basel. Den Unterschied sollen in Zukunft vor allem die regionalen Informationen machen.

Klar, es gäbe eine Alternative, aber die wäre viel schlimmer: wenn sich die Medienhäuser mit ihren Redaktionen aus den Regionen zurückziehen würden. Dann berichtete niemand mehr unabhängig aus diesen Gebieten. Der Schaden wäre riesig. Diversifizierte regionale Berichterstattung anstelle von internationalen Themen dagegen stärkt den Markt in der Schweiz wirtschaftlich und politisch. Das schafft Vielfalt und Wachstum.

Sowieso: Nicht alle Zahlen aus unserer Branche erschrecken. Im vergangenen Jahr wurden in der Schweiz knapp 5,4 Milliarden Franken für Werbung ausgegeben, nicht viel mehr als 2015 – aber auch nicht weniger. Gleichzeitig waren 2016 in der Schweiz rund 1.000 Medienschaffende arbeitslos. Diese Zahl hat sich in den vergangenen zehn Jahren kaum verändert. Wo also sind denn all die notleidenden Journalisten und Pressefotografen, deren Jobs es angeblich nicht mehr gibt? Sie wurden aufgesogen von einem dynamischen Arbeitsmarkt und einer boomenden Medienbranche. Gruner + Jahr, immer noch Europas größter Zeitschriftenverlag und auch in der Schweiz sehr aktiv, hat in den vergangenen 24 Monaten 18 neue Magazine auf den Markt gebracht – auf Papier gedruckt wohlgemerkt.

Dennoch haben die Untergangspropheten Hochkonjunktur in der Schweiz. Sie schaffen es, Stimmung zu machen. Stimmung für die öffentliche Finanzierung von Medienunternehmen und gegen die großen Verlage, was in der Regel in einem Aufwasch geht. Denn wenn die private Medienbranche öffentliche Mittel bekommt, dann ginge das nur mit mehr Service Public – ein Standpunkt, gegen den sich die Schweizer Verleger seit Jahren eigentlich konsequent aussprechen. Doch die Position, dass der Medienwandel nur mit Geld aus Bundesbern zu schaffen ist, scheint populär.

So versucht auch der umtriebige Medienunternehmer Hansi Voigt, einst Online-Chef von 20 Minuten und Gründer von Watson, die öffentlichen Geldgeber für sein neues Projekt Wepublish zu gewinnen. Er will eine technische Plattform für Kleinverlage bauen, sodass diese ihre Kräfte auf das Herstellen von "gutem Journalismus" (Zitat Voigt) konzentrieren können. Eine Idee, die aus vielen Gründen zwar kaum funktionieren kann, bei den politischen Entscheidern aber nicht ungehört verklingt. Sie können sich damit elegant aus der notwendigen Diskussion um den Service Public schleichen und gleichzeitig den großen Verlagen im Kampf gegen diesen Service Public den Wind aus den Segeln nehmen: Wer wird sich schon beschweren, wenn öffentliches Geld in die privaten Medien fließt? Niemand, Streit erledigt.

Dabei wäre der umgekehrte Weg der bessere. Weniger Service Public würde dafür sorgen, dass nicht nur klassische Medienhäuser, sondern auch Gründer und Start-ups mehr Spielraum hätten und damit mehr Innovation und Arbeitsplätze schaffen könnten. Vielleicht entstünden dann auch noch weitere "Project R", wie die Neugründung von zwei Zürcher Journalisten, aus der 2018 das Digital-Magazin Republik werden soll, ursprünglich hieß. Als "Rebellion gegen die traditionellen Verlage" bezeichnen die Macher ihr Projekt. Ein solches Medium mit Staatsknete zu unterstützen wäre absurd. Und auch die klassischen Medienhäuser hätten mehr Marktlücken für ihre Ideen. Denn niemand kann behaupten, dass die Schweizer Verleger nicht bereit sind, ihr Geld in Journalismus zu stecken. Projekte wie das von den AZ Medien neu gegründete Nachrichtenportal Watson ist ein Beispiel, aber nicht das einzige.

Ob Watson oder Republik die richtigen Produkte sind, um das wachsende Bedürfnis nach Informationen und journalistischen Inhalten beim jungen Publikum zu erfüllen, wird sich zeigen. Vielleicht gibt es die dafür richtigen Produkte auch noch gar nicht. Dass es sie aber niemals geben wird, ist sehr unwahrscheinlich. Denn wo eine Nachfrage besteht, wird es auch Angebote geben, die sich durchsetzen und über Werbung finanzieren lassen, gerade in der dynamischen Digitalbranche. Und wie schnell sich hier neue Player etablieren, zeigen Google und Facebook. Die Mutter aller Suchmaschinen ist heute noch keine 20 Jahre alt, Facebook sogar erst seit knapp zehn Jahren im deutschen Sprachraum aktiv. Ein Leben ohne Google? Schwierig.

Und so wird es auch diesmal sein, wie es immer war, wenn der Weltuntergang prophezeit wird: Er kommt nicht.