Vor einigen Wochen widmeten wir uns in ZEIT im Osten einem Räuber, der längst Wahlkampfthema ist: dem Wolf. Aber der Wolf ist da draußen nicht allein. Im Juli und August bestimmen ganz andere Geschöpfe die Schlagzeilen: Nandus, gestohlene Kühe – und Tigerbaby Stormi aus Magdeburg. Hier sprechen wir mit seiner Pflegerin. Auch darüber, wieso Tiere im Sommer so oft Medienstars werden

Schräge Vögel

Der Nandu lebt in Südamerika. Neuerdings aber auch hier. Wieso nur? Fragen an einen Forscher

DIE ZEIT: Herr Korthals, Sie betreiben Nandu-Monitoring in Mecklenburg-Vorpommern. Nandus sind eine Straußenart aus Südamerika. Laufen die echt frei in Norddeutschland herum?

Arne Korthals: Ja, die leben hier! Wir vermuten, dass die gesamte Population auf einen Hahn und fünf Hennen zurückgeht, die um die Jahrtausendwende gemeinsam aus einem Gehege in Schleswig-Holstein ausgebüxt sind. Sie haben sich erfolgreich vermehrt und sind irgendwann nach Mecklenburg-Vorpommern gelangt.

ZEIT: Das norddeutsche Gras schmeckt denen?

Korthals: Klar, wobei die Nandus am häufigsten Kräuter fressen. Sie haben sich sehr gut an ihren neuen Lebensraum angepasst. Wir finden das selbst faszinierend: wie gut die Nandus das norddeutsche Klima vertragen. Aus Südamerika dürften sie eigentlich keine Temperaturen unter sieben Grad kennen. Trotzdem kommen sie erstaunlich gut sogar mit unserem Winter zurecht. Einmal, 2010, gab es einen sehr kalten, schneereichen Winter. Da sind viele Jungtiere verhungert. Inzwischen haben die Nandus gelernt, sich von Raps zu ernähren, dessen Blätter und Knospen sehr energiehaltig sind.

ZEIT: Da werden sich die Bauern aber freuen.

Korthals: Eher weniger. Ich kann auch verstehen, dass die Bauern sich beschweren. Sie dürfen die Vögel nicht einmal vertreiben, weil Nandus in Deutschland unter Artenschutz stehen.

ZEIT: Klingt, als wären die Nandus in Mecklenburg-Vorpommern eher unerwünscht.

Korthals: Ach, das würde ich so pauschal nicht sagen. Das unterscheidet sie von manchen anderen eingewanderten Tieren. Einige machen hier ja durchaus Probleme und sind viel weniger gern gesehen: Waschbären etwa oder der Mink. Minke rauben die Nester heimischer Vögel aus. Das macht der Nandu nicht!

ZEIT: Sind Nandus gefährlich für andere Tiere?

Korthals: Das war anfangs ein Risiko, wie immer, wenn sich eine fremdländische Art etabliert. Deshalb haben wir unsere AG Nandu-Monitoring gegründet, um die Entwicklung der Nandu-Population und mögliche Auswirkungen intensiver zu untersuchen. Wir stellen uns die ganz grundlegenden Fragen: Bringen die Nandus Krankheiten mit? Richten sie Schaden an der Natur an? Machen sie einer heimischen Tierart Konkurrenz? Und was bedeuten die Nandus für den Menschen?

ZEIT: Zu welchem Schluss kamen Sie?

Korthals: Unsere Untersuchungen laufen noch, aber bisher haben wir das Gefühl, dass der Nandu eine Nische gefunden hat. Er bringt, vom Ärger für Bauern abgesehen, auch Positives. Inzwischen kommen sogar Touristen wegen der Nandus. An einzelnen Orten kommt man den Nandus mittlerweile richtig nah, so gut haben sie sich an Menschen gewöhnt. Da kann man auf Nandu-Safari gehen, mitten in Mecklenburg-Vorpommern!

ZEIT: Könnte es sein, dass die Tiere irgendwann wieder gehen?

Korthals: Das ist ausgeschlossen, der Nandu ist mittlerweile etabliert. Er gilt hier laut Bundesnaturschutzgesetz sogar schon als heimische Tierart, da er sich ohne Hilfe des Menschen über mehrere Generationen erhalten hat. Das heißt konkret: Er darf jetzt der Natur nicht mehr entnommen werden, wie man so schön sagt. Nach 17 Jahren und mehreren Generationen von Jungtieren gehört der Nandu hierhin wie Hase und Igel. Wir konnten feststellen, dass sich die Nandus sogar nach Osten ausbreiten. Und das so schnell, dass wiederum das Bundesamt für Naturschutz den Nandu als "potenziell invasiv" einstuft.

ZEIT: Es gibt zu viele.

Korthals: Das kann man so einfach nicht sagen. Allerdings hat das Biosphärenreservat am Schaalsee, das unsere Nandu-Monitoring-AG unterstützt, auf die Verluste der Landwirte reagiert: Einzelnen autorisierten Personen wurde das Anbohren von Nandu-Eiern genehmigt.

ZEIT: Anbohren?

Korthals: Wenn Sie alle Eier eines Nestes einsammeln oder das Nest komplett zerstören, legen die Nandus einfach ein neues an. Sie müssen cleverer vorgehen. Wenn Sie Eier anbohren – nur ganz frisch gelegte Eier, in denen sich noch keine Embryonen befinden –, können diese sich nicht mehr entwickeln. Bei unseren Rundgängen finden wir immer wieder illegal zerstörte Nester. Das ist schon erschreckend, wenn man da aufgeschlagene Eier liegen sieht, mit toten Küken daneben. Mitunter haben Wanderer schon erschossene Nandus gefunden, denen die Oberschenkel herausgeschnitten wurden. Es gibt Wut und Hass gegen die Nandus. Auch im Internet, wo manche fordern, man solle die Nandus "zerhacken" oder "abknallen".

ZEIT: Es gibt im Internet auch kreative Vorschläge, die Population zu begrenzen, zum Beispiel: Man sollte Wölfe auf sie ansetzen.

Korthals: Das ist gar nicht so weit hergeholt. In Brandenburg hätten wir ja Wölfe, die teilweise nach Mecklenburg-Vorpommern hinüberwandern. Der Wolf wäre sicher ein guter Prädator, wie man sagt, für die Nandus.

ZEIT: Wie zählen Sie die Nandus eigentlich?

Korthals: In bis zu acht Teams fahren und laufen wir das bekannte Verbreitungsgebiet über mehrere Stunden zeitgleich ab. Wir locken die Nandus auch an: Dafür verwenden wir Klangattrappen – zum Beispiel mit einem Ghettoblaster spielen wir den Ruf eines Nandu-Hahns ab. Das ist so ein sehr tiefes Brummen. Wenn Sie Glück haben, melden sich darauf andere Hähne oder ein paar interessierte Hennen. Bei der letzten Zählung sind wir auf 220 Nandus gekommen.

Das Gespräch führte Josa Mania-Schlegel.

Studenten der Hochschule Wismar haben gerade ein Kunstprojekt über den Nandu vorgestellt. Ihre Fotos und Texte stehen online: www.robertdrost.de/nandu