Es war der heißeste Tag des Jahres, an dem wir uns für immer von meinem Vater verabschiedeten, in Prag, auf dem Neuen Jüdischen Friedhof, wo auch Kafka und Vilém Flusser darauf warten, dass nach der Ewigkeit noch etwas kommt. Wir gingen – während die Luft immer heißer und klebriger und der Himmel immer dunkler wurde – hinter meinem Vater und Rabbi Sidon her, und ab und zu blieben wir stehen, weil der feine, ernste Herr Kočí von der Prager Chewra Kadischa uns leise dazu aufforderte. Wahrscheinlich fand er, dass wir es etwas zu eilig hatten, zu der schönen, schattigen Stelle zu kommen, die meine Mutter, meine Schwester und ich am Tag vorher für meinen Vater ausgesucht hatten. Aber vielleicht hatte das auch etwas mit den Gebeten zu tun, die Rabbi Sidon so zart und leise wie Gedichte aufsagte, und dann waren wir endlich da, und danach ging alles sehr schnell.

Ich sagte, ohne ein Wort zu verstehen, das Kaddisch, und Rabbi Sidon betete auch noch einmal, vor oder nach mir, das weiß ich nicht mehr genau, und hinterher, wenn ich mich richtig erinnere, sagten alle anderen meinem Vater Auf Wiedersehen, und während sie sich langsam zerstreuten oder sich unter den großen, leise rauschenden Kafka- und Flusser-Bäumen von der Hitze und von ihrer Traurigkeit ausruhten, redeten Rabbi Sidon und ich über Literatur.

Rabbi Sidon war, bevor er Rabbi wurde, Schriftsteller. Sein erstes Buch erschien noch während des Prager Frühlings, es hieß Traum von meinem Vater und begann so: "1945 erfuhr meine Mutter, dass sie mit mir wegfahren soll, weil ich sonst deportiert und ins Gas geschickt werde." Der Rest dieses direkten, unkitschigen und ziemlich genialen Buchs handelt davon, wie der junge Karol Sidon seinen toten Vater vermisst, der schon vor seiner eigenen Flucht in Theresienstadt umgebracht wurde. Danach schrieb er noch zwei, drei andere Bücher, von denen eins Traum von mir selbst hieß, und dann hatte er plötzlich keine Lust mehr auf Literatur, er studierte Judaistik und wurde nach der 89er-Revolution der neue Rabbi Löw von Prag. Vor drei Jahren kam aber wieder ein Buch von ihm heraus, ein Roman, der erste Teil eines mehrbändigen Riesenwerks, und den hatte ich mir am Tag vor der Beerdigung gekauft.

"Ich habe gestern die ersten Seiten Ihres neuen Buchs gelesen", sagte ich. "Ich finde es wahnsinnig gut."

"Wirklich?", sagte Rabbi Sidon.

"Ist es so gut wie das Buch über Ihren Vater?"

"Ich hoffe es", sagte er. "Es ist aber etwas ganz anderes."

"Ja, ich weiß", sagte ich. "Es ist eher so eine Art Pynchon oder Bolaño für Juden, stimmt’s?"

Er lächelte selbstbewusst, und ich fragte mich, ob er hinter seinem hellgrauen, schütteren Rabbinerbart immer noch wie ein Schriftsteller aussah.

"Ich hab’ auch schon ein Buch über meinen Vater geschrieben", sagte ich. "Wahrscheinlich handelt fast jedes meiner Bücher von ihm. Aber bei mir ging es nie darum, dass ich ihn vermisst hätte."

"Das wird sich jetzt bestimmt ändern."

"Ja, bestimmt."

"Und worum ging es bei Ihnen bisher?"

"Dass ich immer anderer Meinung war als er. Und dass er im Kommunismus ein Mensch geblieben ist und kein Verbrecher wurde. Und dass er mir beigebracht hat, mich immer mit den Chefs anzulegen – und dass sich das leider manchmal auch gegen ihn wendete."

"Schicken Sie mir eins?"

"Ja, sehr gern", sagte ich widerwillig. "Aber erst, wenn ich wieder in Berlin bin."

Dann wurde der Himmel über uns plötzlich schwarzblau, dann grau, dann einfach nur schwarz, und wir verabschiedeten uns freundlich, und noch während alle schnell zum Ausgang gingen, fielen die ersten dunklen Regentropfen vor uns auf den Friedhofsweg mit den kleinen, hellgrauen Kieselsteinen. Das Gewitter kam dann aber doch nicht, es kam erst später, als wir schon zu Hause waren. Es blitzte, donnerte und regnete fast drei Stunden lang, und ich kriegte schlimme Kopfschmerzen.