Die Sklaverei in den USA mag lange her sein, vorbei ist sie nicht. Black lives matter, das Leben jedes Schwarzen zählt; das muss immer noch und immer wieder mit Nachdruck erklärt werden, denn es versteht sich mitnichten von selbst. Black lives matter, das hieß vor zweihundert Jahren: so viel, wie sie dem Käufer wert sind. Ajarry zum Beispiel, eine junge Schwarze aus Dahomey, bringt auf dem Markt von Ouidah an der westafrikanischen Küste exakt 226 Dollar ein. Diesen Betrag hat der schneeweiß gekleidete Aufkäufer ermittelt, indem er die Sklavin, die wie alle anderen nackt auf dem Markt stand, in die Brust kniff, um zu sehen, ob sie schon "mannbar" sei, also Sklavenkinder gebären könne.

Mit Ajarry fängt die Geschichte an, die Colson Whitehead in Underground Railroad erzählt. Sie ist die Mutter von Mabel, der als einziger Sklavin je die Flucht aus der Plantage von Terrance Randall gelingt, eines selbst für die Verhältnisse des alten Südens üblen Sklavenhalters, der sein Eigentum aus nichtigem Anlass und mit sadistischer Freude auspeitschen lässt. Ihn und den professionellen Sklavenjäger Ridgeway versetzt diese Flucht in rasenden Zorn, immer höhere Kopfgelder werden auf Mabels Ergreifung gesetzt. Ihre achtjährige Tochter Cora aber steht fassungslos vor der Tatsache, dass ihre Mutter sie, um ihrer eigenen Freiheit willen, schutzlos und ohne ein Wort zu sagen zurückgelassen hat.

Cora ist die eigentliche Heldin des Buchs. Sie muss schon früh allein für sich sorgen und verteidigt den von ihrer Großmutter ererbten Gemüsegarten, der gerade mal drei auf drei Yard misst, mit der Axt in der Hand gegen den hünenhaften Mitsklaven Blake, der auf dem Grundstück eine Hundehütte bauen will. Blake sieht das kleine, wild entschlossene Mädchen vor sich, erkennt, dass er sie natürlich überwältigen kann, aber einen Preis dafür wird zahlen müssen – und gibt nach: Coras erster Sieg. Sie wird es später der verhassten verschwundenen Mutter gleichtun und ihrerseits die Flucht wagen, womit eine lange Odyssee durch Süd- und Nordstaaten beginnt.

Whiteheads Buch ist reich an solchen spannenden, emotional starken Szenen. Dass sie glaubwürdig sind, verdanken sie der differenzierten Anlage der Charaktere. Anders als Quentin Tarantino, der im Film Django Unchained Sklavenflucht und Sklavenbefreiung ebenfalls zum Thema machte und das Problem einer herrlich infantilen Lösung zuführte, sind sie bei Whitehead nicht so ohne Weiteres in Gut und Böse einzuteilen. Blake, der ein kleines Mädchen bestiehlt, ist ein Schwarzer; und ebenso der später auftauchende Mingo, ein aalglatter Opportunist. Umgekehrt wird selbst Ridgeway, der Schurke, der sich auf Coras Spur gesetzt hat und nicht lockerlässt, mit seiner Obsession und seinen Kümmernissen als eine Gestalt gezeichnet, die man, wo nicht lieben, so doch begreifen kann.

Underground Railroad ist das rechte Buch im rechten Augenblick. Zu einem Zeitpunkt, wo in Amerika die alten weißen Männer wieder obenauf sind und mit genussvoller Häme die emanzipatorischen Anstrengungen von Jahrzehnten zunichte machen, fühlen ihre Gegner die Notwendigkeit, sich neu zu formieren, wozu an zentraler Stelle die historische Vergewisserung gehört. Aus welchen barbarischen Anfängen der (immer prekäre) zivilisierte Zustand von heute erwuchs, was einmal möglich war und darum wieder möglich werden könnte, das macht der 1969 geborene Whitehead klar. Erinnert euch und hütet euch! Diese Mahnung macht sein Werk zu einer Art Schlachtruf der in die Enge getriebenen Linken, Liberalen und Minoritäten.

So überrascht der ungeheure Erfolg nicht, den es in den USA gehabt hat. Whitehead wurden der National Book Award und der Pulitzer-Preis zuerkannt, und, was in den USA noch mehr zählt, Oprah Winfrey wählte es für ihren Buchclub aus. Es stand 32 Wochen lang auf der Bestsellerliste der New York Times. Die Rezensionen überschlugen sich: Whitehead sei der größte amerikanische Romanautor (wohl das erste Mal, dass dieser Titel einem Schwarzen zugesprochen wurde), sein Werk ein instant classic, meisterlich sei es, eindringlich, packend, genial und bei all seiner realistischen Kraft eine raffinierte Allegorie.

An diesem Punkt wird die Kritik einsetzen müssen. Whitehead hat nicht nur sorgfältig recherchiert, sondern er ist der Verlockung der Allegorie erlegen. Die titelgebende Underground Railroad, Untergrund-Eisenbahn, das war die Bezeichnung für das weitverzweigte Netzwerk, das weiße Abolitionisten im ganzen Land aufgebaut hatten, um Sklaven zur Flucht in den Norden zu verhelfen. Es war ein Bild; Whitehead entschließt sich, es beim Wort zu nehmen, und verwandelt es in eine wirkliche Eisenbahn. Sie hat, an Stellen, wo man es nie vermuten würde, ihre verborgenen unterirdischen Bahnhöfe und Gleise (so ähnlich wie bei Harry Potter), eine riesenhafte Ingenieursleistung, und auf Draisinen oder in edlen Waggons brausen die Flüchtlinge aus höchster Not davon in die Freiheit; niemand von den Verfolgern hat eine Ahnung, dass diese Einrichtung existiert.

Wozu überall der ganze Aufwand an Realismus?

Kann das funktionieren? Lässt sich überhaupt vorstellen, wie es funktionieren könnte? Das Buch handelt ausführlich von den echten Hindernissen, die während der Flucht auftauchen; die meisten Flüchtlinge werden eingefangen und schrecklich bestraft, und nicht selten ihre weißen Helfer dazu. Da tut sich plötzlich ein Türchen auf, durch die das Märchen hereintritt und die harte Plausibilität der historischen Lage aus den Angeln hebt. Wenn das so einfach geht, wenn man bloß ein Wunder braucht und ein Deus ex Machina (oder genauer: die Dampfmaschine als Gott) die Bedrängten rettet, wozu überall sonst der ganze Aufwand an Realismus?

Und Whitehead begeht noch einen zweiten, ähnlichen Fehler, der das Gefüge seines Buchs erschüttert. Er lässt den Staat North Carolina einen Masterplan zur Ausmerzung der schwarzen Rasse überhaupt aushecken. Die Schwarzen, die doch nichts als Scherereien machen, sollen durch arme europäische Kontraktarbeiter ersetzt werden, die ein paar Jahre wie Leibeigene schuften, bis sie ihre Transportkosten abgedient haben, um sodann vollgültige Mitglieder der weißen Gesellschaft zu werden. Whitehead übergeht, dass es dieses System durchaus gegeben, sich aber nicht im großen Maßstab bewährt hatte – eben deshalb war man ja auf schwarze Sklaven umgestiegen.

Der Autor versteht nicht, dass er sein Buch durch solche Willkür schwer beschädigt. Na gut, solche Gesetze habe es in North Carolina nicht gegeben, hat er im Interview erklärt; aber wenn man an die genozidalen Maßnahmen der Nazis denke, dann bewege sich so etwas durchaus im Rahmen des Möglichen, oder? Er halte sich nicht an Tatsachen, sondern an die Wahrheit.

Das ist eine heikle Entgegensetzung. Ein Buch wie dieses darf, wenn es seine Intensität behalten soll, zwar die Personen erfinden, nicht aber die Umstände, unter denen sie agieren und gegen die sie kämpfen. Es geht eben nicht um Nazis oder die menschliche Bosheit generell, sondern sehr spezifisch um die Geschichte der Sklaverei in den USA. Ein Roman (jeder Roman) lebt nur in dem Maß, wie er dieses Spezifische gestaltet, auch wenn er noch so edle allgemeine Absichten im Schilde führt.

Mit Bedauern stellt der Leser also fest, dass dieser Autor sich mit einem verkehrten Ehrgeiz selbst im Weg steht. Das hat allerdings kaum Auswirkungen auf die Sprache des Buchs. Sie besitzt eine starke rhythmische Kraft und vermag komplexe Dinge sehr knapp auszudrücken. Im Englischen hört es sich so an: "Finally, Georgia. A representative of the Randall plantation bought her for two hundred and ninety-two dollars, in spite of the new blankness behind her eyes, which made her look simple-minded. She never drew a breath off Randall land for the rest of her life. She was home, on this island in sight of nothing."

Diese Qualität lässt sich leider schlecht ins Deutsche herüberholen, nicht einmal durch einen erfahrenen Übersetzer wie Nikolaus Stingl. Er macht daraus: "Schließlich Georgia. Ein Vertreter der Randall-Plantage kaufte sie für zweihundertzweiundneunzig Dollar, trotz der neuen Leere hinter ihren Augen, die sie einfältig wirken ließ. Für den Rest ihres Lebens tat sie keinen Atemzug mehr außerhalb von Randall-Land. Sie war zu Hause auf dieser Insel ohne Aussicht auf irgendetwas." Nichts daran ist eigentlich falsch. Aber der schwere und doch zielgenaue Schwung der Sätze ist dahin. Merkwürdigerweise versteht man im Original sofort, was "new blankness behind her eyes" bedeuten soll, während das deutsche Gegenstück "neue Leere hinter ihren Augen" bemüht und verquer klingt. Dem Übersetzer kann man das nicht vorwerfen; alles Deutlichere müsste in der geschwätzigen Paraphrase landen. Vielleicht sollte man akzeptieren, dass es in unserer Sprache gewisse Grenzen gibt, an die wir uns herantasten, die wir aber nicht überschreiten können.

Colson Whitehead: Underground Railroad. Roman. A. d. Engl. von Nikolaus Stingl; Hanser Verlag, München 2017; 352 S., 24,– €, E-Book 17,99 €