Es war im Oktober 1992, ich war 22 Jahre alt, Student der Literaturwissenschaften und Politik an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, als dieses ungewöhnliche Kuvert in meinem Briefkasten lag. Es war aus grobem, billigem Papier, darauf stand in fetten Buchstaben "Godwin Hospital". Noch nie hatte ich etwas vom "Godwin Hospital" gehört, dennoch war mir sofort klar, dass ich Post von meinem Vater bekommen hatte.

Meine Mutter ist Deutsche, mein Vater Nigerianer, ich hatte ihn nie kennengelernt. Aber dass er in Nigeria als Arzt arbeitete, das hatte meine Mutter mir erzählt.

Ich stieg die Treppen zu meiner Wohnung hinauf. Ich hatte den Brief noch nicht geöffnet, aber ich wusste schon, was in ihm stehen und was auf mich zukommen würde: Ich würde jetzt einen Vater haben. Ich seufzte. Ich fühlte mich ohnmächtig.

Ein unbekannter Mann aus einem fernen Land schreibt dir einen Brief, und weil er dein Erzeuger ist, musst du seinen Wünschen nach einer neu gelebten Beziehung willfahren, sonst giltst du als herzlos: So sah es aus, so würde es kommen, dachte ich, während ich die Wohnungstür aufschloss, dieser Mann würde sich in mein Leben drängen, und die Tatsache, dass es 22 Jahre ohne ihn ging, würde nicht mehr zählen.

Ich setzte den Rucksack ab und schloss die Tür. Ich nahm ein Bier aus dem Kühlschrank, zündete mir eine Zigarette an und öffnete den Brief.

Nie hatte ich über meinen Vater nachgedacht. Er war, hätte ich damals behauptet, noch nicht einmal eine Leerstelle. Den Gedanken einer klassischen Vatersuche hatte ich nie gehabt, und in der nicht ganz unlogischen Annahme einer Beziehungssymmetrie, in der sich Einfalls- und Ausfallswinkel gleichen, hatte ich auch nicht mit dem umgekehrten Fall einer Sohnessuche gerechnet.

Mit diesem Brief aber würde etwas Neues beginnen, ohne dass ich danach verlangt hatte. Ihn – return to sender, address unknown – einfach zu ignorieren war keine Option, schließlich hatte ich ein Interesse daran, dass meine Umwelt mich für einen Menschen mit fühlendem Herzen hielt, und von einem solchen wird erwartet, dass er auf Briefe des eigenen Vaters antwortet. Dabei hätte ich mit mehr Recht als Heinrich V. zu Falstaff über den Absender des Briefes sagen können: "Ich kenne diesen Menschen nicht."

War denn nicht alles gut? War nicht alles Heikle und Fragwürdige längst überstanden, der Beweis erbracht, dass eine vollgültige Existenz ohne Vater möglich war?

Dann öffnete ich den Brief. Mein Vater schrieb in einer erstaunlich leserlichen Handschrift: "My dear son Ijeoma" – und schon stutzte ich. Ich konnte schlecht sagen, er schreibe meinen Namen falsch, aber umgekehrt war ich auch nicht bereit, von mir zu sagen, ich hätte ihn meinerseits ein Leben lang falsch geschrieben. Wann meinem Vornamen auf seinem langen Weg von Igbo-Land in Nigeria zum Heidelberger Einwohnermeldeamt wohl das E abhanden gekommen war? Oder stellte meine Schreibweise die vereinfachte Version für den internationalen Gebrauch dar? (Später erfuhr ich, dass es beide Schreibweisen gab, die einen schreiben den Namen mit e, die anderen ohne, mein Vater hatte ganz einfach die falsche Version abgespeichert.)

Ich las: "I hope you will not be surprised to get this my letter. It is not usual for one to introduce himself to his child but in this circumstance I have to do it." Er habe, erklärte mein Vater weiter, in Deutschland zu tun gehabt, glücklicherweise wohne meine Mutter noch immer in Heidelberg, so habe er sie im Telefonbuch gleich gefunden; sie habe seinen Anruf sehr freundlich aufgenommen und ihm meine Adresse gegeben.

Natürlich falle ihm dieser Brief nicht leicht. Sicherlich hätte ich in den vergangenen zwanzig Jahren oft "darüber" nachgedacht (da lag er falsch), aber so seien nun einmal die Umstände gewesen. Niemals, niemals ("never, never") habe er mich vergessen. Die Entfernung und das Fehlen einer Adresse hätten es ihm unmöglich gemacht, sich zu melden. Doch Blut sei dicker als Wasser, er bitte mich um Verzeihung, denn ganz gleich, wie man darauf schaue, wir gehörten zusammen. Er fügte noch hinzu, er wolle gern hören, wie ich all das empfände, und hoffe, dass meine Gefühle keine bitteren seien. Dann lud er mich zu sich nach Nigeria ein.

An dieser Stelle wechselte er in ein sehr flüssiges Deutsch, indem er sagte, ich könne ihm gerne auf Deutsch antworten, er werde mir später – und das klang ein bisschen nach der Welt der alten Geheimdienste, mochte aber auch dem Gebrauch der entwöhnten Fremdsprache geschuldet sein – "meine Kontaktperson in Deutschland vorstellen".

Wie ich auf die Sätze des ersten Briefs meines Vaters genau reagierte, weiß ich nicht mehr. Zu oft habe ich die Episode erzählt, um ihrer aktuellen Version noch völlig trauen zu können. Was ich sicher weiß, ist dies: Wenn jemand fragte, wie mein Vater seine zwanzigjährige Abwesenheit und sein plötzliches Wiederauftauchen erklärt habe, dann zitierte ich immer jenen einen Satz aus seinem Brief: "Blood is thicker than water." Es war, als wäre sein ganzer Brief für mich auf diesen Satz zusammengeschnurrt. Ich fand ihn abgeschmackt. Sich aufs Blut zu berufen war in meinen Augen keine sinnvolle Grundlage für eine Wiederbegegnung. Blut war ein Phantasma; was zählte, waren erarbeitete Beziehungen – hier gebrauchte ich innerlich eines jener Lieblingswörter meiner Mutter, auf die ich sonst, wenn sie mir galten, allergisch reagierte: In den Augen meiner Mutter wollte alles, was Wert hatte im Leben, ernsthaft und konzentriert "erarbeitet" werden.