Die amerikanische Künstlerin Wu Tsang, geboren 1982, gilt als aufstrebender Star. Ihre Videos werden für ihre poetische Schönheit und konzeptionelle Sicherheit gefeiert. Nun zeigt die Kunsthalle Münster ihr Werk Devotional Document (Part2), die erste Einzelschau von Wu Tsang in Deutschland.

Eine erstaunlich kleine Schau: drei Videos, eine grafische Arbeit und eine Skulptur. Doch die Videos überwältigen mit ihrer emotionalen Intensität und theoretischen Fundierung. Die Ausstellung entwirft das Bild eines postidentitären Nirwanas, eines Paradieses, in der Rasse, Geschlecht, Sexualität, wenn nicht aufgelöst, dann doch als Kategorie unwichtig geworden sind. In keinem der Videos kommt eine weiße Person vor, bei keiner ist die geschlechtliche Identität klar, doch dies wird nicht problematisiert oder als plakative Botschaft den Besuchern aufgedrängt – es ist einfach so. Warum überhaupt noch Identität, das scheint die Ausstellung zu fragen. "I don’t want to be authentic", sagt Wu Tsang in einer Arbeit – lieber fluid als rigid.

Es ist eine sehr kalifornische Vorstellung von Zukunft, die bereits im ersten Video die Stimmung vorgibt. In einem Wüstengarten voller Kakteen singt ein Mann mit Perlenohrringen und einem Cape ein Liebeslied. Er hebt die Hände ins warme Westküstenlicht wie ein Gospelsänger. Die zentrale Arbeit ist jedoch We hold where study aus zwei sich überlappenden Videos zu sphärischer Musik. Rechts toben zwei Tänzer in rotem und blauem Neonlicht durch eine Halle, es ist eine kraftvolle und doch delikate Choreografie, ergreifend, voller Trauer und Schmerz und gleichzeitig voller Optimismus und Glück. Diesem künstlichen Innenraum steht ein überwucherter Hinterhof in einem armen Viertel in Los Angeles gegenüber. Vier Spiegel bilden ein Bühnenkarree, in dem zwei Menschen sich am Boden wälzen, aneinander ziehen und sich stoßen wie zwei Ringer.

Voller Trauer, voller Glück – Szene aus dem Video "We hold where study" von Wu Tsang © Courtesy Wu Tsang / Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin

Die Arbeit läuft auf einer raumfüllenden Leinwand, die die Tür verdeckt. Nur ein Spalt Licht verrät den nächsten Raum. Man muss sich an der Leinwand vorbeidrücken, um sich dann in einer Skulptur aus Seilen, die von der Decke hängen, fast zu verheddern. Es ist eine haptische Arbeit, die verlorene Seilschriften südamerikanischer Kulturen, nicht-westliches Wissen also, darstellt, man soll sie fühlen und ein Teil von ihnen werden. Das Nachdenken über die Rolle von Körpern gehört zu den Themen der aktuellen Queer-Theorie. Hier wird das im Aufbau der Ausstellung selbst spürbar.

Die Ausstellung ist als Parcours gestaltet, sodass die Körper und die Bewegungen der Besucher integral zur Ausstellung dazugehören. Die Leinwände sind immer anders gestellt, sodass man sich in jedem Teil neu positionieren, sein Gefühl für den Raum sanft neu justieren muss. Alles soll daran erinnern: Du hast einen Körper. Weiße, männliche Körper etwa sind normalerweise unsichtbar, sie sind die Norm, an der alle anderen Körperlichkeiten gemessen werden. Weil sie den Standard bilden, werden sie unsichtbar, während alle anderen als falsch, als abweichend erscheinen. So gesehen ist der Tanz in den Videos nicht bloß Ausdruck von Freude, sondern auch von Schmerz, von traumatischen Erfahrungen.

Am Ende des Parcours gelangt man zur letzten Arbeit, in der Wu Tsang und der Kulturtheoretiker Fred Moten (der Mann im ersten Video) Nachrichten, die sie monatelang auf Band gesprochen haben, vorlesen. Es sind Monologe über Identität, das Verlorensein in der Welt und die großen Fragen der aktuellen Kunsttheorie. Die Bildschirme sind genau so groß wie die Fenster zwischen ihnen, durch die man auf rauchende Schlote im Münsteraner Hafen blickt, eine Erinnerung an die Außenwelt. Eine Erinnerung auch daran, dass Wu Tsang nicht im luftleeren Raum denkt, nicht l’art pour l’art produziert.

Auf YouTube kann man sich davon überzeugen, dass Wu Tsang mittlerweile mit ihren Vorträgen zu einer der klügsten Beobachterinnen des Weltgeschehens in der Kunstwelt geworden ist. Ihr von neuster Theorie geprägtes Denken spiegelt sich auch in der Wahl ihrer Kollaborateure, wie dem avantgardistischen Kulturtheoretiker Moten. Oft arbeitet Wu Tsang mit der Performerin Boychild zusammen, die ebenfalls zu den Stars des queeren Undergrounds gehört. Boychild wälzt sich im Video im Hinterhof in Los Angeles, über ihre Wangen laufen dabei kohlschwarze Tränen – man selbst verlässt lächelnd die Kunsthalle Münster, gewärmt von kalifornischem Licht.

Die Ausstellung läuft bis zum 1. Oktober, weiteres unter www.stadt-muenster.de/kunsthalle

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