Über das Anständigsein habe ich, ehrlich gesagt, nie besonders nachgedacht, es war mir immer etwas selbstverständlich Gutes.

Anständig zu sein bedeutet, so fand ich, Rücksicht auf andere zu nehmen, und zwar auch dann, wenn einem gerade nicht unbedingt danach zumute ist, also: in der Trambahn für ältere Menschen aufzustehen, auch wenn man selber müde ist; einen kranken Freund zu besuchen, auch wenn man eigentlich keine Zeit hat; sich in einer Schlange nicht vorzudrängeln, auch wenn man es eilig hat ...

Einfache Dinge, zunächst.

Sich nicht selbst in den Vordergrund zu stellen, sondern zu bedenken, dass andere Menschen nicht weniger Rechte im Alltag und im Leben haben als ich. Nach Möglichkeit zu überlegen, welche Folgen das eigene Verhalten für andere haben kann. Sich an die Regeln auch dann zu halten, wenn gerade keiner guckt. Ich empfand es immer als großes Lob, wenn jemand über einen anderen sagte: Das ist ein anständiger Kerl. Offen gestanden glaubte ich, dass die meisten Menschen ein Gefühl dafür in sich tragen, einen gewissen Sinn dafür, wie es ist, nicht allein auf der Welt zu sein, und was man dafür tun muss, dass man vernünftig mit anderen zusammenlebt.

Ich glaube es immer noch.

Aber es kommen Zweifel.

Es schwappt ja seit einer Weile nicht bloß eine Woge der Anstandslosigkeit um die Welt – es tobt ein Ozean. Wir leben, dies nur als erstes Beispiel, in einer Welt, in welcher der Verlust jedes menschlichen Anstands einen Mann nicht daran gehindert hat, Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika zu werden.

Wir leben auch sonst inzwischen mit vielem, das eigentlich unerträglich ist.

Der sogenannte Shitstorm, den mancher Prominente – nach vielleicht nicht besonders klugen oder etwas voreiligen Äußerungen – über sich ergehen lassen muss, ist ein Ereignis, das uns vor nicht langer Zeit noch sprachlos gemacht hätte vor Entsetzen. Der Ton, der in vielen Internetforen herrscht, die Beleidigungen und Lügen, die dort Alltag geworden sind – man hat sich daran gewöhnt.

Und was ist mit diesem unbegreiflichen Ausmaß an Schäbigkeit, das wir auf den öffentlichen Plätzen sehen, bei jenen Leuten zum Beispiel, die im Jahr 2015 ungestraft Galgen für Angela Merkel und Sigmar Gabriel durch Dresden trugen?

Oder was mit dem jüngeren, gut gekleideten Mann, der mit seiner Limousine schnittig um die Ecke biegt, haarscharf an einer Mutter (einer guten Bekannten von mir) mit ihren zwei Kindern vorbei, die auf dem Zebrastreifen bei Grün über die Straße gehen – und der, als die Mutter auf die für Fußgänger grüne Ampel zeigt, die Scheibe herunterlässt und sagt: "Halt’s Maul, Schlampe!"

Gewiss, man kann nicht alles in einen Topf werfen, Rohlinge aller Art hat es schon immer gegeben und wird es auch immer geben.

Aber es ist doch im Moment so, dass jeder eine solche Geschichte zu erzählen hat, oder? Und es könnten am Ende zu viele Geschichten von dieser Sorte sein, nicht wahr? Und die Frage wäre: Warum brechen sich derartige Dinge Bahn in einer reichen Gesellschaft wie unserer?

Ein Leser schrieb mir, der Verlust des Anstandes beschäftige ihn sehr: "Wenn man heute sagt: 'Das tut man doch nicht!', dann kommt die Antwort: 'Wieso, das ist doch legal.' Meiner Meinung nach wird es Zeit, diese weichen Werte näher zu beleuchten. Sie sind es, die unser Leben lebenswert machen, nicht die Gesetze."

Michelle Obama hat – ihr Mann war noch im Amt – im Herbst 2016 in einer berühmt gewordenen Rede einmal an die grundlegenden Regeln menschlichen Anstands erinnert, the basic standards of human decency.

Aber wie lauten die genau?

Fast jedem, den ich frage, fällt etwas anderes dazu ein.

Ein Freund, der die Zeugnisse seines Sohnes an einem bayerischen Gymnasium betrachtete, fand darin den Satz: "Er hat sich immer anständig verhalten." Was das nun wieder solle, fragte er, so ein verstaubtes Wort. Es klinge nach den fünfziger Jahren, nach einem Satz, den er als Kind zu oft gehört habe: "Benimm dich anständig! Setz dich anständig hin!"

Ein anderer erregt sich sofort darüber, dass Uli Hoeneß wieder Präsident des FC Bayern geworden sei, ein Krimineller, der sich nicht schäme, ein solches Amt zu bekleiden. Auf meinen Einwand, er habe seine Strafe doch verbüßt und sei ein Mensch, der sich vielen gegenüber sehr anständig verhalten habe, höre ich: Dennoch hätte er wissen müssen, dass man sich nach einer solchen Tat zurückzuziehen hat.

Ein Dritter erzählt von seiner Frau, die (in Gegenwart ihres Vierjährigen) im Kindergarten von einem Vater mit unflätigen Beleidigungen überschüttet wurde, bloß weil sie ihn darauf aufmerksam machte, dass sein Sohn ganz offensichtlich an einer ansteckenden Krankheit leide, und ihn höflich fragte, ob es für alle Beteiligten nicht besser wäre, wenn sein Kind zu Hause bliebe.

Was ist das denn nun tatsächlich: Anstand?

Oder: Was könnte es sein?