Bis zu 30.000 Menschen sterben jedes Jahr in Deutschland, weil Antibiotika nicht mehr wirken, weil Keime gegen die Medikamente resistent geworden sind. Antibiotika-Resistenzen entstehen in Krankenhäusern, aber auch in Tierställen. Bauern verabreichen ihren Hühnern, Schweinen oder Rindern hierzulande sechsmal so viel Antibiotika wie Ärzte ihren menschlichen Patienten. Nicht zuletzt durch diesen flächendeckenden Einsatz verbreiten sich gefährliche resistente Keime. Über die Luft, über mit Gülle gedüngten Salat oder über Hühnchenbrustfilets gelangen sie in den menschlichen Körper – und können lebensbedrohlich werden.

Nun sieht es so aus, als ob die Bundesregierung vor der Bundestagswahl neue Fakten über den Einsatz von Antibiotika in deutschen Ställen zurückhält.

Dabei haben gerade erst die wichtigsten Politiker der Welt die resistenten Keime aus der Landwirtschaft hochoffiziell zu einem ernsten Problem erklärt: Sie haben sie ins Abschlussprotokoll des G20-Treffens in Hamburg aufgenommen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO warnt vor einem "postantibiotischen Zeitalter". Und Angela Merkel hatte das Thema bereits während ihrer G7-Präsidentschaft 2015 zu einem Schwerpunkt gemacht.

Oberflächlich betrachtet, war Deutschland zuletzt auf einem guten Weg. Der Antibiotika-Einsatz in der Landwirtschaft schien zu sinken. Stolz meldete das Bundesamt für Verbraucherschutz, dass sich die Anzahl der Tonnen, die Tierärzte verschrieben, immer weiter reduzierte. Das Amt untersteht dem Landwirtschaftsminister Christian Schmidt von der CSU. Insgesamt wurde die Gabe von Antibiotika in den vergangenen sechs Jahren mehr als halbiert.

Immer Ende Juli, spätestens in den ersten August-Tagen, wiederholt sich deshalb im Bundesamt für Verbraucherschutz ein lieb gewordenes Ritual: Es werden die neuesten Antibiotika-Zahlen veröffentlicht. Nur dieses Jahr nicht. Die ZEIT hakte mehrmals nach, und nun teilt das Amt mit, die aktuellen Zahlen kämen nicht vor Mitte September heraus. Was im Klartext heißt: Vor der anstehenden Bundestagswahl ist damit nicht mehr zu rechnen. Das Bundesamt behauptet aber steif und fest, die Verschiebung stehe in keinerlei Zusammenhang mit der Wahl. Doch genau dafür spricht viel.

Unabhängige Experten zweifeln schon lange an der angeblichen Antibiotika-Erfolgsgeschichte. Auch Abteilungsleiter aus dem Bundesamt für Verbraucherschutz kritisieren hinter vorgehaltener Hand, dass die Zahlen irreführend sind. Tatsächlich verschleiern sie das wirkliche Ausmaß des Problems.