Nein, hier sollte kein Buddha zertrümmert werden. Auch kein Saddam würde vom Sockel gestoßen. Und doch war es wie in einem Krieg der Kulturen, als vorige Woche ein paar junge Leute loszogen, um in Durham, North Carolina, eine ehrwürdige Bronzeskulptur zu zerstören oder genauer: zu lynchen.

Ein Mann war es, mit Hut und Flinte, ein unbekannter Soldat des amerikanischen Bürgerkriegs. Die jungen Leute legten ihm einen breiten Gurt um den Hals und zogen daran, bis der schwere Bronzeleib mit einem Ruck in die Tiefe fiel. Beim Aufprall drückte sich der Kopf weit in den Brustkorb, der Unterleib wurde zerquetscht, und wie er so dalag, ganz elender Schrott, johlten die Leute und umarmten einander. Viele bespuckten den Körper und traten auf ihn ein, so fest sie nur konnten.

Das doch so stille Kunstwerk hatte im Augenblick seiner Zerstörung eine berauschende Macht entfaltet.

Wenige Tage zuvor war die Gewalt bereits in Charlottesville, Virginia, blutig hervorgebrochen, auch hier überschlug sich der johlende Hass, auch hier wurde eine Skulptur zum Ziel der Kämpfe. Angefangen hatte es mit dem Beschluss des Stadtrats, ein Reiterstandbild, das fast 100 Jahre im Herzen der Stadt gestanden hatte, ein für alle Mal zu entfernen. Künftig sollte niemand mehr zu ihm aufschauen müssen, zu Robert E. Lee, der einst als konföderierter General für eine Bewahrung der Sklaverei gefochten hatte. Doch natürlich traf dieser Plan, die Skulptur einfach abzuräumen, auf den Widerstand vieler Trump-Anhänger und Neufaschisten. Sie riefen am vorvergangenen Wochenende zur Demonstration auf, woraufhin auch der Protest gegen den Protest nicht lange auf sich warten ließ. Am Ende war Heather Heyer, die für die Entfernung des Reiterstandbilds demonstriert hatte, tot. Das erste Opfer in diesem Krieg um die Kunst und die kulturelle Vorherrschaft.

Seither erleben die USA einen Bildersturm von ungeahnter Wucht. Rund 700 Skulpturen erinnern derzeit noch auf Straßen und Plätzen an die Soldaten der Südstaatenarmee, und weil nun viele Kommunen befürchten, diese Kunstwerke könnten wie in Charlottesville auch bei ihnen unkontrollierbare Kräfte freisetzen, beginnen vielerorts die Räumkommandos mit der Arbeit. Über Nacht wurden in Baltimore gleich vier Denkmale fortgeschafft; in Lexington, Kentucky, sollen bald zwei Skulpturen weichen, ähnlich steht in Franklin, Ohio, in Annapolis, Maryland, in Gainesville, Florida, und in vielen anderen Städten die Beseitigung historischer Ehrenmale kurz bevor. In Washington verlangt Nancy Pelosi, eine führende Politikerin der Demokraten, das Kapitol von den ungefähr zehn Kunstwerken zu reinigen, die dort an die Armee der Konföderierten erinnern.

Solch ikonoklastischen Furor kennt man eigentlich aus Zeiten schwerer Umbrüche: Die Reformation ließ viele Heiligenbilder tilgen. Nach der Revolution in Frankreich wurden nicht nur Menschen, sondern auch Skulpturen geköpft. Und für zahllose Lenin-Monumente kam mit dem Ende der Sowjetunion auch ihr eigenes. Immer rächten sich die Sieger der Geschichte an den Unterlegenen. Immer wurde mit der Kunst auch die alte Herrschaft zertrümmert.

Und jetzt? Von welcher Zeitenwende kündet der amerikanische Bildersturm?

Von einer Revolution in Washington ist nichts bekannt, dafür aber hat das Regime der Vernunft abgedankt, und in der Folge drängt ein mühsam kaschiertes Trauma an die Oberfläche.

Frohgemut heizt Donald Trump den Kulturkampf weiter an

Bereits 150 Jahre liegt der amerikanische Bürgerkrieg zurück, doch in den auflodernden Konflikten, die aus dem öffentlichen Raum ein Schlachtfeld machen, wird er wieder lebendig. All jene Skulpturen, die über Jahrzehnte kaum beachtet wurden, weil es nichts gibt, "was so unsichtbar wäre wie Denkmäler" (Robert Musil), all diese Werke werden bekriegt wie reale Feinde. Wie in Durham trampelt man im Zweifel auf ihnen herum, um sicherzustellen, dass sie auch wirklich tot sind.