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Es sind zwei außergewöhnliche Jahre, die hinter Deutschland liegen, zwei Jahre der Nervosität und Verunsicherung, zwei Jahre, in denen das Politische neue Hitzegrade erreicht hat, international sowieso, aber auch in der Bundesrepublik: Russlands Annexion der Krim, der Brexit, Donald Trumps Wahlsieg. Und im Innern: Merkels Entscheidung, Flüchtlinge ins Land zu lassen, die Neujahrsnacht in Köln, brennende Asylbewerberunterkünfte, mehrere islamistische Terroranschläge, die teils atemraubenden Wahlerfolge der AfD.

Die Welt sei aus den Fugen, hieß es, und sogar Deutschland, die Macht in der Mitte, schien plötzlich verunsichert. Das Lebensgefühl verschob sich, bekam etwas Beklommenes, bisweilen Hysterisches. Wut und Aggressivität wuchsen, die Zweifel auch: Zweifel an den Institutionen, Zweifel an den sogenannten Eliten, Zweifel an der Fähigkeit des Landes, die massenhaft neu dazugekommenen Menschen, die Flüchtlinge und Migranten, zu integrieren, mehr noch, ganz generell Zweifel an der Fähigkeit, unter steigendem Außendruck die innere Balance zu halten.

Und nun, zwei Jahre später, kurz vor der Bundestagswahl? Wie steht es um die politisch-seelische Verfassung der Republik?

Bundestagswahlkampf - "Mit Flüchtlingspolitik kann man keine Wahl gewinnen" Bis jetzt zeichnet sich der Wahlkampf vor allem durch gepflegte Langeweile aus. Warum ist das so? Ein Videobeitrag © Foto: ZEIT ONLINE

Um das zu ergründen, hat das Bonner infas Institut für angewandte Sozialwissenschaft im Auftrag der ZEIT eine repräsentativ ausgewählte Gruppe von 1.501 Bürgern befragt. Die Ergebnisse sind, vorsichtig gesagt, erstaunlich: Es zeigt sich das Bild eines Landes, das die Krisen bislang recht gelassen abgewettert hat. Keine Spur von innerer Spaltung, von grassierender Fremdenangst oder massiven Selbstzweifeln, im Gegenteil. In den von infas erhobenen Zahlen spiegelt sich eine Gesellschaft, die in ihrer großen Mehrheit weltoffen ist, tolerant und liberal.

Deutlich wird dies zunächst, wenn man danach fragt, ob es so etwas wie ein "Wir-Gefühl" im Lande gibt, ein Bewusstsein von Nähe, Solidarität und Gemeinschaft. Eine deutliche Mehrheit der Befragten, 56 Prozent, hält das für wichtig, noch mehr, 65 Prozent, wünschen sich ausdrücklich, das Wirgefühl solle in Zukunft noch wichtiger werden. Anders gesagt, die Bürger wollen nicht isoliert leben, sie verstehen sich als soziale Wesen.

Das "Wir", das zeigen die Ergebnisse, wird im Wesentlichen durch räumliche und persönliche Nähe konstituiert (Grafik 1): Wenn von "Wir" gesprochen wird, dann ist damit vor allem die eigene Familie gemeint (92 Prozent) und der Freundes- und Bekanntenkreis (91 Prozent), gleich darauf aber folgt bereits mit 78 Prozent "mein Heimatland Deutschland". 76 Prozent der Befragten nannten auf die Frage, wer zum "Wir" gehört, "mein Wohnort", 72 Prozent "meine Nachbarschaft", 68 Prozent "mein Bundesland" und genauso viele "Europa".

© ZEIT-Grafik

Angesichts der Debatten der vergangenen Monate mehr als überraschend waren die Antworten auf die Frage, welche Personengruppen nach Ansicht der Befragten nicht zum "Wir" dazugehören. Wie inklusiv ist das deutsche "Wir" im Spätsommer 2017? Konkret: Wer ist vom "Wir" ausgeschlossen? (Grafik 2)

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