Friedrich, Bismarck, Wilhelm II. – Hunderte ihrer Denkmäler stehen in Deutschland. Wieso eigentlich? Der Große Friedrich hat seine Karriere mit einem Eroberungsfeldzug (Schlesien) begonnen und bis an sein Lebensende Krieg geführt. Bismarck, ein autoritärer Knochen, hat Sozialisten und Katholiken verfolgt. Lang ist Wilhelms Kerbholz: "Säbelherrschaft", Kolonialismus, Herero-Mord, hohe Mitschuld am Ersten Weltkrieg.

Also weg mit ihnen, genauso wie jetzt in Charlottesville in Virginia mit Robert E. Lee, dem Befehlshaber der Südstaatenarmee, die im Bürgerkrieg die Sklavenwirtschaft retten sollte. Ein Gegner der Sklaverei, war der General auch im Norden hochgeachtet. Warum mit Lee aufhören? George Washington, die Ikone, hielt Sklaven, der verehrte Thomas Jefferson ebenfalls. Weg auch mit Andrew Jackson, der vor seiner Präsidentschaft grausamen Krieg gegen die Indianer geführt hatte. Der Idealist Woodrow Wilson, der die Welt demokratisieren wollte, war ein Rassist, der den Ku-Klux-Klan bewunderte.

Frankreich ist vollgestellt mit Napoleon-Statuen. Verantwortlich für Millionen Tote, hat dieser Mann Europa unterjocht – und nebenher den Code Napoléon hinterlassen. In Westminister steht die heroische Figur des Oliver Cromwell, eines Diktators, der den König umbringen ließ, Schottland und Irland unterwarf. Die zurückgekehrten Monarchisten gruben seine Leiche aus, um sie zu köpfen. Sein Standbild ist geblieben. Dieser blutrünstige Kerl stand für religiöse Toleranz und die Oberherrschaft des Parlaments über den König.

Und so weiter bis in die Antike. Oder nach vorn zu Stalin, der einfach aus den Fotos wegretuschierte, wer in Ungnade gefallen war. In George Orwells 1984 sorgt das Wahrheitsministerium für das richtige Geschichtsbild. Da wird tagtäglich ausradiert und hinzugefügt – Geschichte als Verfügungsmasse in den Händen der Totalitären.

Wie kann Geschichtsvernichtung, eine nachgeschobene Zensur, das Geschichtsbewusstsein stärken? Ob Napoleon oder Bismarck: Ihre Statuen versinnbildlichen das Gute und das Schlechte im Leben einer Nation. Sie "reden" mit uns; sie werfen Fragen auf; sie befeuern eine nimmer endende moralische Debatte. Exorzismus ist dagegen eine Scheinlösung, denn die historischen Fakten lassen sich nicht wegoperieren.

Überdies fragten die alten Römer: Quem ad finem – wo soll das aufhören? Heute Lee, morgen Jefferson und Washington? Oder Helmut Schmidt? Dessen Bild in der Bundeswehr-Universität musste weg, weil seine Uniform ein Hakenkreuz aufwies. Bild weg, Nazismus weg? Nein, nur Helmut Schmidt, der Namensgeber der Universität. Die Gräuel der Wehrmacht bleiben. Das Foto wurde inzwischen mit einer angefügten Erklärung wieder aufgehängt. So sollte es sein: Historie im Kontext, der das Nachdenken schärft.

Macht die Umbenennung der Sansibarstraße im Berliner Afrikanischen Viertel den wilhelminischen Imperialismus ungeschehen? Die Frage beantwortet sich selber. Es hat keinen Sinn, sich vor der eigenen Geschichte zu verstecken, indem man Statuen plattmacht. Sie muss von Generation zu Generation wiederentdeckt, seziert und debattiert werden. Stellt neben die Lee-Statue in Charlottesville ein Bildnis der Frau auf, die von einem Nazi totgefahren wurde. Bilderstürme bilden nicht, weder das Herz noch den Geist.