Um die deutsche Wissenschaft scheint es übel bestellt. "Wissenschaftsfreiheit in postfaktischen Zeiten", "Rettet die Aufklärung", "Political Correctness versus Freiheit der Wissenschaft", unter solchen Titeln versammelt sich derzeit die akademische Branche. Ende April gingen auch in Deutschland Tausende beim "March for Science" gegen die Wissenschaftsfeindlichkeit auf die Straße. Im Hochschulblatt Forschung & Lehre klagen Professoren über Konformismus ("Niemand will mehr gegen den Strom schwimmen"). Und wenn die ZEIT-Kollegen zum differenzialdiagnostischen Rundumschlag ansetzen (ZEIT Nr. 16/17), lautet der Generalbefund: "Die Erosion der Wissenschaft findet ganz alltäglich statt." Statt Rationalität bestimme zunehmend Gesinnung die Debatte. Ob Impfskeptiker, Klimawandel-Leugner oder Homöopathie-Jünger: Fakten und Empirie zählten kaum noch im Lande.

Was ist da los in der Wissenschaftsrepublik Deutschland? Stehen unsere Forscher und Gelehrten mit dem Rücken an der Wand? Warum dringen sie mit ihren Botschaften nicht mehr durch?

Am fehlenden Geld dürfte es kaum liegen. Laut der Expertenkommission Forschung und Innovation der Bundesregierung stiegen die Budgets der Universitäten in den vergangenen zehn Jahren um 43 Prozent, die Drittmittel gar um 93 Prozent. Alle Bundesländer haben ihre Ausgaben für die Forschung erhöht, der Bund hat sie seit 2005 verdoppelt. Kürzlich musste der Bundesrechnungshof unter anderem die Institute der Max-Planck- und der Helmholtz-Gesellschaft ermahnen, ihr Geld auszugeben. Eine "Bugwelle" von 1,04 Milliarden Euro nicht verbrauchter Mittel schieben die Forschungseinrichtungen laut dem Bericht vor sich her.

Nicht nur das Budget für die Wissenschaft, auch die Zahl wissenschaftlich ausgebildeter Menschen steigt kontinuierlich. Seit 2005 ist die Forschergemeinde um mehr als die Hälfte gewachsen. Und jeder Dritte eines Altersjahrgangs absolviert heute ein Studium, vor zehn Jahren war es jeder Fünfte. Trotz zunehmender Forschungsmittel und mehr Studienabschlüssen schwindet also die Akzeptanz, die Autorität der Wissenschaft?

Eben nicht. Das Gegenteil ist der Fall. Die Klage der Professoren ist ebenso unsinnig wie die Rede von der "Krise der Wissenschaft" oder dem "postfaktischen Zeitalter". In Wirklichkeit ist die Wissenschaft in Deutschland heute nicht nur besser ausgestattet als jemals zuvor. Sie genießt auch mehr Freiheit und Prestige, ihre Deutungsmacht war noch nie so allgegenwärtig.

Schon vor Jahren sprachen Sozialforscher von einer "Verwissenschaftlichung der Gesellschaft". Die Diagnose ist heute zutreffender denn je. Weil immer mehr politische Entscheidungen auf der Basis von wissenschaftlichen Erkenntnissen getroffen werden. Weil immer mehr Bürger in Ausbildung und Beruf mit Wissenschaft konfrontiert und von ihr beeinflusst werden. Weil Wissenschaft und Technologie unser Leben immer schneller verändern und prägen.

Ob in Nachrichten oder Talkshows, im Bundestag oder Gemeinderat, auf Flugblättern und in Pressemitteilungen – überall begegnet uns Wissenschaft. Kein Ministerium kommt mehr ohne einen professoralen Beirat aus. So gut wie jedes neue Gesetz verweist in seiner Begründung auf aktuelle Forschungsergebnisse. Das gilt nicht nur für empirienahe Politikfelder wie Wirtschaft, Gesundheit oder Umwelt. Auch hinter Richtungsentscheidungen in der Justiz- oder Familienpolitik, die Werte und Grundeinstellungen betreffen, steht Wissenschaft.

Bald dürfen homosexuelle Paare in Deutschland Kinder adoptieren. Es ist noch gar nicht lange her, da schien die Vorstellung selbst grünen Politikern gewagt. Heute macht man sich als CDUler der Homophobie verdächtig, wenn man an der Richtigkeit der Gleichstellung zweifelt. Hauptgrund für den Meinungsumschwung: Langzeituntersuchungen ergaben, dass Kinder bei schwulen oder lesbischen Paaren genauso glücklich und gesund aufwachsen wie in traditionellen Familien. Man stelle sich vor, die sozialwissenschaftlichen Studien hätten das Gegenteil herausgefunden. Das Adoptionsrecht wäre schwulen und lesbischen Paaren weiterhin verwehrt.

Jahrzehntelang gingen die Deutschen davon aus, ihre Schulen seien leistungsstark und gerecht, bis die Pisa-Studie zu einem anderen Ergebnis kam – mit gravierenden Folgen für die Schulpolitik. Die Autoren der Studie? Empirische Bildungsforscher!

Die Naturwissenschaften wiederum haben gerade einen historischen Lauf. Selten erzeugten sie in solch hoher Frequenz Erkenntnis und Wissen: Kürzlich entdeckte man das Higgs-Teilchen und die Gravitationswellen, erfand die Genomchirurgie und erreichte große Einblicke in das Urrätsel des Alterns. Genom was? Higgs wie? Was hat diese Elfenbeinturmkunst mit dem Alltag zu tun? So mögen Ignoranten denken. Doch sie machen sich nicht klar, wie weit Forschungsergebnisse auch ihre Realität und Weltsicht dominieren.