Es gibt die Beach Boys, den Beachball, die Beachpartys und den Sex on the Beach. Jetzt gibt es, der Kasseler Documenta sei Dank, auch Auschwitz on the Beach, keinen makaberen Drink, sondern eine Performance der italienischen Künstler Franco Bifo Berardi und Sim Sampaio. Zur Ehre Berardis muss gesagt werden, dass er sich selbst in der Ankündigung nicht als Künstler, sondern als Autor und Medienaktivist bezeichnete. Man war also gewarnt; es gilt ja generell: viel Medienaktivismus, viel Unheil.

Das Unheil im Falle Berardis steckte nicht nur im geradezu blasphemisch frivolen Titel. Im Erklärtext der Ankündigung hieß es: "Auf ihren eigenen Territorien errichten die Europäer Konzentrationslager und bezahlen ihre Gauleiter in der Türkei, Libyen und Ägypten dafür, die Drecksarbeit entlang der Küsten des Mittelmeeres zu erledigen, wo Salzwasser mittlerweile das Zyklon B ersetzt hat." Man versteht die fassungslose Empörung der Präsidentin der israelitischen Kultusgemeinde in München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, die mit folgenden Worten mühsam um Haltung rang: "Die Flüchtlingsthematik mit Termini aus dem Kontext der systematischen nationalsozialistischen Judenvernichtung zu beschreiben", heißt es in ihrer Pressemitteilung, "ist unhaltbar, zeugt von unsäglichem Unwissen und entbehrt jeglichen Schamgefühls."

So ist es in der Tat. Und zwar gleich doppelt, was das Schamgefühl anlangt: Man schämt sich auch, die Gründe für die Schamverletzung zu nennen – die unzutreffende Parallelisierung (die Juden sind ja nicht auf der Suche nach einem besseren Leben, sozusagen aus Pech, in die Lager geraten), vor allem aber die marktschreierische Verwendung des Schockwortes Auschwitz. Der zuständige Kurator Paul B. Preciado erklärte, Berardi nutze "das unberührbare Wort Auschwitz, um unser Gewissen zu wecken". Genau das ist Medienaktivismus: für öffentliche Aufmerksamkeit alles zu riskieren, alles zu missbrauchen.

Die Gewissenlosigkeit einer solchen Werbestrategie ist nur durch die Selbstgefälligkeit einer Documenta zu erklären, die auch sonst in Exponaten und Texten vor allem eines macht: Reklame für die eigene moralische Überlegenheit. Tatsächlich haben die Verantwortlichen inzwischen die Performance durch eine Lesung mit Diskussion ersetzt, ohne in ihrer larmoyanten Begründung von der skandalösen Gleichsetzung der Flüchtlingslager mit Auschwitz abzurücken. Sie sehen sich nun selbst als Opfer: nämlich einer ignoranten Öffentlichkeit. Auschwitz on the Beach ist offenbar ein gefährlicher Cocktail. Er muss nicht getrunken werden, um einen wahnhaften Rausch zu erzeugen.