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Wie sehr Leben und Literatur mitunter ineinander übergehen können! Als Kafkas Josef K. eines Morgens erwachte, fand er sich mitten in einem Prozess wieder, ohne zu wissen, was ihm vorgeworfen wurde."Doğan K." erlebte Ende letzter Woche das Gleiche.

Nicht von ungefähr nenne ich ihn "Doğan K.": Dies ist der türkischen Justiz zufolge der Deckname in der geheimen Organisation, in der der 60-jährige Schriftsteller Doğan Akhanlı angeblich Mitglied ist. Wie die meisten Linken wurde Akhanlı vor dem Militärputsch von 1980 wegen Kommunismus verfolgt, saß danach zweieinhalb Jahre im Gefängnis und baute sich nach seiner Haftentlassung ein neues Leben auf. Im Jahr 1991 suchte er Asyl in Deutschland. Er fing noch einmal von vorne an und wurde in der neuen Sprache Schriftsteller. Als er knapp zwanzig Jahre später erfuhr, dass sein Vater todkrank war, fuhr er wieder in die Türkei, doch kaum aus dem Flugzeug gestiegen, wurde er wegen Ermittlungen in der Raubmord-Sache verhaftet. Die alte Akte ging ihm nach. Noch in der Haft erhielt er die Nachricht vom Tod seines Vaters. Nach vier Monaten in Untersuchungshaft wurde er freigesprochen, weil der Sohn der bei dem Raubmord getöteten Person ausgesagt hatte: "Das ist nicht der Mörder." Das war 2010, und er verließ sein Land aufs Neue. Allerdings hat die Türkei von ihm offenbar nicht abgelassen.

Zurück zur Literatur: Im Urlaub mit seiner Lebensgefährtin besuchte Akhanlı Ende letzter Woche das Haus von Federico García Lorca. Sie sprachen darüber, dass die Franco-Faschisten den berühmten Dichter an einem 19. August hatte ermorden lassen. Am nächsten Morgen, dem 19. August, klopfte es an ihrer Hotelzimmertür. Akhanlı erzählt, was dann geschah: "Als ich die Tür öffnete, standen fünf Polizisten vor mir. Ich dachte, es geht bestimmt um eine Durchsuchung wegen des Anschlags in Barcelona. Aber sie wollten nur meinen Ausweis sehen. Da wurde mir klar, dass sie nach mir suchten."

Der Freispruch war 2013 von einer höheren Instanz aufgehoben worden, und das Berufungsgericht schrieb den "Kopf einer Organisation Doğan K." erneut zur Fahndung aus. Das war Interpol übermittelt worden, sodass Akhanlı nun mit einer "Red Notice" gesucht wurde.

Wusste er das denn nicht? "Ich dachte es mir, aber da die Türkei alle Politischen im Ausland gleich behandelt, glaubte ich, Europa würde derartige Anträge nicht weiter ernst nehmen", sagt er. Zu Recht.

Die Erdoğan-Regierung und die ihr hörige Justiz hat unzählige Dissidenten, unter ihnen auch mich, zur Fahndung ausgeschrieben. Diese Ausschreibungen, von denen es Tausende gibt, gehen automatisch an Interpol. Hinter den meisten Suchaufträgen stecken "Straftaten" wie Beleidigung Erdoğans oder etwas ihm Unliebsames gesagt oder geschrieben zu haben. Aus diesem Grund nehmen weder Interpol noch die europäischen Regierungen diese Aufträge ernst. Obwohl ich zur Fahndung ausgeschrieben war, flog auch ich im vergangenen Sommer von Barcelona nach Berlin.

Doch inzwischen hat sich in Spanien offenbar etwas geändert. Zwei Wochen vor Akhanlı war der ebenfalls aus der Türkei stammende schwedische Journalist Hamza Yalçın auf dem Flugplatz Barcelona festgenommen worden, auf richterlichen Beschluss wurde Haftbefehl erlassen, Yalçın kam in Haft. Er ist Sozialist und Mitglied des schwedischen Schriftstellerverbands. Er hatte jahrelang in der Türkei im Gefängnis gesessen und war in einem Prozess nach zwei Freisprüchen von einer höheren Instanz zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Seit 1984 lebt er als politischer Flüchtling in Schweden und gibt die Zeitschrift Odak ("Fokus") heraus. Nun wird er – wie alle Erdoğan-Kritiker – wegen Terrorismus gesucht, die Türkei verlangt seine Auslieferung.

"Als Hamza verhaftet wurde, argwöhnte ich, dass Spanien die Suchaufträge aus der Türkei doch ernst nahm, aber mir fiel nicht im Traum ein, dass sie mich festnehmen könnten", sagt Akhanlı. Nach der Feststellung seiner Personalien im Hotel führten die Polizisten ihn in Handschellen ab und brachten ihn in eine Zelle auf der Polizeiwache. Was für ein Gefühl war das, nach 30 Jahren wegen desselben Vorwurfs erneut in eine Zelle gesperrt zu werden?

Warum kooperiert Spanien mit der türkischen Regierung?

"Ein Déjà-vu", sagt er. "Es war, als würde ich denselben Horror noch einmal von vorn erleben. Man glaubt, man habe sich daran gewöhnt, aber das ist unmöglich. Mir war übel, emotional und physisch. Die 24 Stunden in Gewahrsam verbrachte ich mit Übelkeit. Mein Zeitgefühl geriet durcheinander. Entweder waren die Stunden sehr kurz oder unendlich lang. Als sie mich aus der Zelle holten und sagten: 'Wir bringen dich nach Madrid', glaubte ich, es wäre Abend, dabei war es schon Morgen. Erstaunt stellte ich fest, dass es schon hell wurde. In einem meiner Bücher hatte ich geschrieben: 'Die Sonne ging im Westen auf.' Nun schien sich das für mich bewahrheitet zu haben."

Einmal mehr kreuzten sich Literatur und Leben. In einer fünfstündigen Fahrt wurde Akhanlı in Handschellen auf dem Rücksitz eines Autos in Begleitung von zwei Polizisten nach Madrid gebracht und dem Haftrichter vorgeführt. Der wiederholte nun auf Spanisch die Anschuldigungen, die Akhanlı vor vielen Jahren auf Türkisch hatte anhören müssen. "Mir wurde ganz anders", sagt er. Es gibt da einen interessanten Zufallsmoment in dieser Sache:

Der Staatsanwalt, der vor Jahren die Anklageschrift gegen ihn erstellte, heißt Celal Kara. Jahre später wurde er des Amtes enthoben, weil er einen Korruptionsprozess gegen Erdoğan angestrengt hatte. Er ist jetzt zur Fahndung ausgeschrieben. Vermutlich hält er sich in Deutschland auf. Er teilt also Akhanlıs Schicksal.

Eine brutale Jagdszene, in der die Jäger zur Beute werden. Die schwedischen Bemühungen hatten nicht ausgereicht, um Hamza Yalçın aus dem spanischen Gefängnis, in dem er festgehalten wird, herauszuholen, doch massive internationale Proteste und die Intervention Deutschlands sorgten dafür, dass Doğan Akhanlı freigelassen wurde. Allerdings unter Auflagen, er muss vorerst in Madrid bleiben. Er sagte, er werde dort weiterschreiben.

Warum führt Interpol Schriftsteller und Journalisten auf der Red-Notice-Fahndungsliste? Warum unterscheidet es nicht zwischen terroristischen Straftaten und Meinungsdelikten?

Warum kooperiert Spanien mit der türkischen Regierung, obwohl es sehr genau weiß, wie die Justiz in der Türkei kontrolliert wird und dass Ankara Vorbereitungen zur Wiedereinführung der Todesstrafe trifft?

"Das weiß ich nicht", sagt Akhanlı. "Aber es kann kein Zufall sein, dass im Abstand von nur zwei Wochen ein Journalist und ein Schriftsteller, die aus der Türkei stammen, festgenommen wurden."

Unwillkürlich fallen einem mögliche Szenarien von Verhandlungen für einen Personenaustausch oder über staatliche Ausschreibungen ein. Nach dem Anschlag von Barcelona sucht Spanien, dem unser Mitgefühl gilt, an der falschen Adresse nach den Tätern des unmenschlichen Terrors. Mit seiner Hilfe weitet Erdoğan nun die Hexenjagd, zu der er in der Türkei geblasen hat, auch auf Europa aus.

Vergangene Woche erteilte Erdoğans Schwiegersohn, der Energieminister, in einer Rede folgende Anweisung: "Erdrosselt die ins Ausland geflohenen Verräter, wo ihr sie antrefft!" Nach dieser Lizenz zum Töten ist der Präsidentenpalast in Ankara für alles verantwortlich, was Dissidenten bei Erdoğans Jagd in Europa zustößt. Ebenso sind es natürlich seine Kollaborateure im Westen.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe

Korrekturhinweis: Wegen einer falschen Information haben wir im Vergleich zur Print-Version des Artikels einen Halbsatz gestrichen.